Posted on 2009.12.03 at 10:17
Current Music: The Wolf Tones - The Big Strong Man
Tags: privat, umzug, wohnen, zumtag
Innerhalb einer Woche ist das gröbste des Umzugs jetzt dann doch erledigt, so sehr jedenfalls, dass ich mich nicht nur geistig auch öfters mal mit anderen Sachen beschäftigen kann.
Kamen auch glatt 8 fleißige Helferlein um vor allem meine Bücherkisten zu schleppen. Ist echt etwas viel gewesen... aber hat letzte Woche Montag doch sehr gut geklappt. Seit dem Zeitpunkt bin ich immer mal wieder daran, das ganze wohnlicher zu gestalten... das Wohnzimmer ist von den Grundzügen her fertig, alle Sachen aufgebaut, müssen nur noch eingeräumt werden. Bei meinem Zimmer siehts ähnlich aus, zumindest den (nicht nur) Kleiderschrank hab ich gestern fertig aufgebaut, jetzt fehlen nur noch 1-2 Regale und das Ganze Zeug muss noch eingeräumt werden. Am Wochenende dürfte es vorbei sein....
Kraftakt war dagegen echt die Renovierung der alten Wohnung - hab zwar schon am Samstag nen bisschen gemacht, aber die Farbe hat einerseits nicht gereicht, jedenfalls weil die Wand fleckig war. Montag von 17 bis 02:30 Uhr hab ich dann gestrichen und von 02:30 bis 08:30 geputzt... und dann die Wohnung direkt übergeben und dann in die Uni. Aber es ist schön alles auf den "letzten Drücker" zu machen. Wenigstens bekomm ich (bis auf 10€) die ganze Kaution zurück.
Eingelebt hab ich mich auch schon irgendwie hier. Komisch nach der Zeit alleine mit einer Mitbewohnerin... mal schauen, wie das jetzt noch wird. Aber sollte schon laufen, war ja lange genug überlegt das Ganze (ums zu machen).
Posted on 2009.11.18 at 01:19
Current Music: dnbradio.net
Tags: antike, lesenswert4, mythologie, rom, urzeit
Gleich doppelt historisierend - ein römischer Senator greift uralte Quellen auf, mit unsicherer Überlieferungstradition, um die Ursprünge des menschlichen Geschlechts, im doppelten Sinne, bewusst zu machen. Kann man sicherlich durchaus feministisch interpretieren, sie galt ja auch als Feministin, allein schon mit der dadurch stattfindenden Umkehrung des Schöpfungsmythos - die Frau entstand in dem Buch vor dem Mann. Interessant ist dann auch jedenfalls der Aspekt, dass damit auch gewissermaßen zu Anbeginn ein Matriarchat war - mit gewissen Eigenschaften, durch den römischen Historiker klischeehaft dargestellt, die für Frauen typisch sind und mit einer gewissen Angst vor dem Aufkommen, vor der Existenz von Männern. Die ersten männlichen Kinder wurden verstümmelt, später ausgesetzt und gerade durch das daraus resultierende "Urschicksal" in ihren Eigenschaften gestärkt - aufgrund der vagen Formulierungen wird nicht ganz klar ob diese Arroganz, der Forscherdrang, die Unverantwortlichkeit usw. tatsächlich "natürliche Wesensmerkmale" sind, der römische Historiker versucht diesen Eindruck zu erwecken, oder eben Sozialisation sind. Diesen Entwicklungsstrang führt Lessing durch das ganze Buch, immer wieder neu beweisend, neu darlegend und gewissermaßen auch durch den römischen Senator illustrierend.
Es gab da ja anscheinend einiges an Diskussion zu dem Buch, dass es zu platt, zu klischeehaft, zu dürftig (so in der FR und der SZ) sei. Nicht so ganz nachvollziehbar für mich, weil sich die Geschichte ja auf mehr Ebenen abspielt als nur Erzählerin/erzählte Welt - die Zwischeninstanz des römischen Senators ist da noch mit drin. Den Aspekt betrachtend liest es sich interessant. Lässt sich interpretieren als eine Auseinandersetzung mit der Idee von biologistischer Determination und sozial anerzogenem Verhalten, es lässt sich lesen als eine Auseinandersetzung mit der Vorstellung, dass ein matriarchal organisierte Gesellschaft eben auch keine friedliche sein kann und lässt im Endeffekt, für mich, nur den Schluß zu, dass Geschlechter grundsätzlich sozial konstruiert sind, somit auch etwas wie Eifersucht, dass es dafür historisch bedingte Gründe gibt. Perspektiven in Hinblick auf die Überwindbarkeit bietet sie nicht unbedingt, außer eben das Bewußtsein zu schaffen über das warum.
Spannend ist das Buch allerdings nicht unbedingt - es scheint doch alles ordentlich determiniert zu sein. Es musste eben so kommen, ein Schritt folgt auf den Anderen und abgesehen von der Erforschung menschlicher Eigenschaften wie Angst, Mitgefühl, Wut, Stolz usw. (und der Assoziation mit dem entsprechenden Geschlecht) tritt eben nichts "Neues" auf. Nur eine klare, fortführende Linie.
Notizen:
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Posted on 2009.11.13 at 22:23
Current Music: jungletrain.net
Tags: banal, china, drogen, iran, lesenswert4, pop, schwul, teheran, tibet
Literatur für die Uni, das macht es mal interessant, ob ich das Buch gegen Ende des Semesters anders verstehe als ich es jetzt tue.
Liest sich jedenfalls leicht und wirkt banal, aber das ist auch das, was zur Hauptfigur, Innenarchitekt, Yuppie, sich selbst unbekannt, so gut dazu passt. Fixiert auf das Oberflächliche, auf das Offenbare bewegt er sich im vorrevolutionären Teheran, ohne sich dort auch nur in Ansätzen politisieren zu lassen. Inhalt ist sein geliebter Freund, Parties, sein Aussehen und das der Räume. Jegliche Äußerung erscheint belanglose Phrase, die konsumorientierte, gleichgültige Haltung schon revolutionäre Attitüde, fremdsprachige Modewörter aufzuschnappen als praktizierter Internatonalismus:
"Sandalen zu tragen, dear, ist, der Bourgeoisie einen Fußtritt ins Gesicht zu geben."(23)Als sein Freund stirbt wird er weniger, desorientierter. Bricht aus dem nun eher grau in grau gebadeten Teheran auf einen heiligen Berg in Tibet zu finden und zu umrunden. Sein Selbstreinigungs- und Selbstzüchtigungsprogramm lässt ihn zu Fuß reisen, durch Kälte. Er wirft ab seine dekadente Kleidung, da sie dafür untauglich ist, entbehrt, wird Vollbartträger. Nach erfolgreicher Pilgerfahrt wird er von chinesischem Militär festgenommen und in ein Arbeitslager gebracht. Dort wird dann erfolgreich seine bloße, inhaltsleere Hülle, mit den Worten Maos und mit einem Leben auf Arbeit fixiert, gefüllt.
Im Endeffekt scheint er sich jedoch nicht geändert zu haben - während er anfänglich seinem Freund dienen will, so dient er am Ende eben der Partei. Die allumfassende Gleichgültigkeit, wenns nicht so vorbelastet wäre, dann könnte man so schön sagen: die totalitäre Gleichgültigkeit, des kapitalistischen Westens, die Fixiertheit auf den Schein, auf das Oberflächliche, ähnelt doch allzusehr der allumfassenden Dienstbarkeit gegenüber der maoistischen Partei in China. Die Individualität existiert in beiden gleichermaßen nicht oder geht wenigstens verloren, wenn einem nicht gelingt diese dauerhaft herauszubilden und zu entwickeln. Die Kritik des Westens am Osten wäre somit eine nur scheinbare und vorgetäuschte. Die Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe "banal" und Glück und Freiheit nur subjektiv wahrnehmbare Dinge.
Ob es mir Spaß macht sowas zu lesen, das weiss ich noch nicht...
Notizen:
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Posted on 2009.11.12 at 18:05
Current Music: Louis Lingg and the Bombs - Am Stram Gram
Tags: zumheute, zumtag
Eigentlich hatte ich gestern schon auf Klarheit bzgl. meines Knies, meiner gesundheitlichen Situation und somit auch in Bezug auf meine Lebensplanung der nächsten Zeit gehofft. Dass gestern nach dem Kernspind der zuständige Arzt diese Klarheit nicht liefern konnte, das war so irgendwie noch verständlich - dass ich aber heute im Uniklinikum die auch nicht bekommen habe, das ist schon ärgerlich. Nächste Woche soll ich wieder kommen, denn jede Woche Mittwochs haben sie MRT-Bildbesprechungsrunde und meine Bilder sind es wert da reinzukommen. Indirekt kann ich mir dadurch schon Klarheit verschaffen: das heißt für mich jetzt, dass ich wieder in die Uni gehen werde, dass ich mich auch bis nach meinem Umzug keiner Operation unterziehen werde (weil ich bis dahin nämlich nicht draußen sein werden kann aus dem Krankenhaus) und das ist auch schon mal was. Nur die Besserung ist nicht in Sicht, dabei gehe ich so gerne zu Fuß, fahr mit dem Rad und bin spontan. Dass ich das so wieder sein kann, das ist im Moment nicht so absehbar.
Schwierig wird das auch nächste Woche mit dem Demonstrieren. Auf Krücken wird das sicherlich nichts werden... Auch sehr ärgerlich. Und Geburtstage sind da auch und überhaupt, so gerne hätte ich da einiges gemacht...
Posted on 2009.11.12 at 17:32
Current Music: Krautbomber - Actionfieber
Tags: kneipe, lesenswert4, mafia, serien
Ich glaub ich hatte das Buch aus einem Zufallspaket - wollte mal in den Verlag reinlesen, hatte gedacht, dass der evtl. nicht schlecht wäre. Von einem Buch soll man ja aber noch nicht auf alles schließen - überzeugt hat dieses jedenfalls nicht. Lässt sich zwar wunderbar leicht lesen, bewegt sich auch alles immer zwischen Schulden, Kneipe, Sex, Texten und Kriminalität - sehr abwechslungsreiche Themen - aber im nachhinein kam dann nicht so viel raus.
In der Geschichts gehts um Anselm, Alkoholiker, hochverschuldet, eigentlich Drehbuchschreiber, der durch seine guten Kenntnisse von Fernsehserien seinen Kredit bei der Sparkasse erfolgreich in die Höhe jagen kann. Er ist Stammgast in ner Kneipe. Als ihm ein lukratives Angebot ins Haus flattert, reist er diesem hinterher, wird betrogen, jagt weiter, kommt irgendwann in den Süden, schafft es sich Geld zu besorgen, durch ein Bild, dass er von der Frau eines toten Ex-Schwerkriminellen als Erbe erhält, schafft es daraus etwas Geld zu pressen und kann im Wohlstand nach Deutschland zurückkehren und landet schlußendlich auf Sylt, wo ihm Dieter und Naddel begegnen (oder so ähnlich) und zeigt wie snobistisch Sylt doch ist.
Auf seiner lustigen Reise (mit mittelmäßigen Humor) begegnet er dann auch einem tollen Hund, der Bier holen kann und irgendwann mit ihm etwas "Foxtrottähnliches" tanzt. Das wäre quasi der humoristische Höhepunkt des Buches...
Irgendwie ist es auch mit seinem etwas gezwungen wirkenden Humor und mit seinen rasanten Schicksalswendungen doch ziemlich an allzu übliche Unterhaltungsserien angepasst. Und so geht am Ende natürlich alles gut aus, man ist erfolgreich, es werden die Heroen des öffentlichen Lebens betrachtet, man darf also ein bisschen an der germanischen High Society schnuppern. Etwas zu flach für meinen Geschmack.
Posted on 2009.11.06 at 23:56
Current Music: Clancy Eccles - Rod of Correction
Tags: amerika, deutschland, lesenswert4, magie, mittelalter, reformation
Der feurige Engel oder eine wahrhaftige Erzählung, in welcher berichtet wird vom Teufel, der mehr denn einmal einer Jungfrau in Gestalt eines lichten Geistes erschien und sie zu mannigfachen sündhaften Handlungen verleitete, von der gottwidrigen Beschäftigung mit der Magie, der Astrologie, der Kabbalistik und Nekromantie, von der Verurteilung jener Jungfrau unter dem Vorsitze seiner Eminenz des Erzbischofs von Trier, gleicherweise von den Begegnungen und Gesprächen mit dem Ritter und dreifachen Doktor Agrippa von Nettesheim und mit dem Doktor Faust; verfasst von einem Augenzeugen.
Das wäre jedenfalls der vollständige Titel. In der Tat ein faszinierendes Stück Literatur, ganz bewusst historisch an einer Zeitenwende angesiedelt und mit all den vielen Widersprüchen versehen, die die Ausweitung der Welt, räumlich wie geistig, mit sich brachte. Der ehemalige Landsknecht und Amerika-Abenteurer Ruprecht kehrt nach zehn Jahren in der Fremde nach Deutschland zurück. Er trifft Renata, wie als wäre er dazu auserkoren, die ihm von ihrer verlorenen Jugendliebe - dem Engel Madiel - erzählt. Der, in ihren Augen als Graf Heinrich auf Erden wandelnde, ist das Objekt ihres Strebens. Der ihr verfallene Ruprecht steht ihr, trotz eigener Begierden, bei ihrer Suche nach ihm bei - dazu verwenden sie magische Mittel... ansich ohne Erfolg. Ein Duell zwischen Ruprecht und Heinrich sorgt dann dafür, dass Renata sich ihm hingibt - so sie nicht in tiefsten Depressionen gefangen ist. Sie verlässt ihn, tritt ins Kloster ein und er sieht sie erst wieder, als sie vor einem Inquisitionstribunal steht; die Folter endet mit ihrem Tod.
Faszinierend an dem Buch ist diese scheinbar permanent vorhandene Übernatürliche und die Unklarheit darüber, ob es nun ist oder nicht. Das zeigt sich einerseits in den Hinweisen auf die Dämonen, auf die Reise zum Hexensabbat usw. - andererseits stehen dem entgegen der große Universalgelehrte Agrippa von Nettesheim, den Ruprecht aufsucht, und mehr noch Johannes Weyer, großer Gegner der Hexenverfolgungen. Durch die literarische Behandlung wird das nicht nur historische Epoche, historischer Kampf um Wahrheit, Glaube, Fortschritt... sondern gewissermaßen auch Kampf um die Gefühle, Verlust von Zuversicht und dem Gefühl von Nähe, Leidenschaft. Das in einem selbst stattfindende Ringen - projeziiert in eine Zeit ohne allzu deutliche Klarheit.
Zweifellos ermüdete mich der ständige Wechsel von Glück und Trübsal mehr als die früheren Qualen verschmähter Liebe, und meine Sehnsucht nach einem friedlichen, arbeitsamen Leben wuchs wie ein allmählich aufziehender Sturm. Aber es dauerte noch lange bis zu den ersten Blitzen, denn trotz allem... (245)
Eine interessante Sache ist auch, dass der russische Autor als Ort seiner Geschichte Deutschland ausgesucht hat. Nicht nur einzelne Orte, sondern komplette Szenerien, historische Figuren (wie eben Agrippa und Johannes), historische Literatur (auch den Hexenhammer] und literarische Figuren. So trifft und reist Ruprecht auch mit Faust und Mephisto.
Notizen:
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Posted on 2009.10.25 at 19:05
Current Music: The Soul Fox Orchestra - Thumb a ride
Tags: geschichte, studium, uni, zumtag
...ist morgen. Jetzt bin ich dann doch mal gespannt auf das neue Semester - noch immer herrscht da eine gewisse Begeisterung für mein Studium vor, auch wenn ich mich - trotz intensiver Bemühungen - noch nicht für diese Übung zur mittelalterlichen Geschichte "Heilige und Heiltum" habe begeistern können. Leider sieht es so aus, als wäre das die einzige Übung in die ich da reinkäme, da dürfte auch die Restplatzvergabe ab dem morgigen Tage nichts daran ändern. Die Begeisterung für irgendwelches Christenzeug, Pilgerfahrten, Reliquien & Co ist bei mir ja naturgemäß gering - glücklicherweise ist das nur ne Übung. Schlimmstenfalls muss ich wohl nen Referat mal halten - das dürfte ich wohl noch überstehen...
Schwieriger ist die Entscheidung schon zwischen den Proseminaren zur Alten Geschichte - "Ständekämpfe" oder "Solon und Kleisthenes". Beides nicht unbedingt sehr reizvolle Dinge, angemeldet bin ich bisher bei letzterem... Dieses Semester wird wohl alles in Allem eher Qual als Lust - in der Hinsicht bin ich jetzt an der falschen Uni gelandet - anderswo hätte ich sicher auf Alte- und Mittlere Geschichte irgendwie verzichten können. Aber mal schauen. Ich freu mich ja trotzdem ;o)
Posted on 2009.10.19 at 00:55
Current Music: Fire at work - 10.31
Tags: bayern, faschismus, gesellschaft, justiz, lesenswert4, münchen, weimarer republik
Die Geschichte einer Provinz. Genau genommen ein Teil der Geschichte Bayerns zwischen 1921 und 1924. Es fängt an mit einem Strafprozess, mit einem jener typischen Prozesse der Weimarer Republik, in denen das Urteil schon von vorneherein feststeht. Der Mann Martin Krüger ist dem Kultusminister unlieb geworden, ist ihm im Weg, mag die falschen Bilder, muss also beseitigt werden. Seine Freundin, und spätere Frau, beginnt um seine Freilassung zu streiten, anfangs ehrlich, dann mittels Beziehungen und immer wieder an Recht glaubend, das so aber höchstens auf dem Papier steht. Ehrlich und aufopfern - und auch wie sie immer zwischendurch genug davon hat, keine Kraft, manchmal auch keinen Willen mehr, zu helfen und ihn aus dem Gefängnis zu holen. Feuchtwanger schafft es diese Johanna Krain lebendig darzustellen, jung, stur, selbstbewusst und im Endeffekt auch emanzipiert. Neben ihrer eigenen Arbeit sucht sie sich auch aus mit wem und wann und wie sie Sex hat oder gar zusammenlebt.
Neben dieser einen Hauptgeschichte noch eine Andere - die des nach Ende des 1. Weltkrieges entstehenden Faschismus. Immer alles verschlüsselt, kein Name so, wie in echt - aber unschwer erkennt man wie Hitler und Ludendorff in der "Haupstadt der Bewegung" Anhänger sammeln, stärker werden und - was gerne heute vergessen wird - dabei natürlich ordentlich hofiert werden. Sie werden von bayrischen Industriellen bezahlt und von bayrischen Politikern unterstützt. Nicht umsonst galt ja Bayern als Ordnungszelle des Reiches. Das ging neben dem üblichen Unrecht und der politischen Verfolgung dann auch soweit, dass im September 1923 in Bayern eine Diktatur geschaffen wurde (die, auch Feuchtwanger erwähnt das beiläufig, im Gegensatz zu gewählten, aber zu linken, Regierungen in Sachsen und Thüringen nicht abgesetzt wurde durch Einmarsch der Armee o.a.) und ein Generalstaatskomissar ernannt wurde. Exakt das passiert auch bei Feuchtwanger und er schreibt auch weiter, wie es tatsächlich passierte... Der bayrische Diktator versprach mit Hitler die Berliner Regierung zu stürzen, entschied sich aber des Nachts anders und verhinderte somit die Abschaffung der Diktatur in Bayern. Und das begeistert auch wiederum hier - Feuchtwanger stellt die Personen lebendig dar, bettet seine Geschichte historisch wunderbar ein - die Machtkreise außerhalb der Politik, die paar wichtigen bayrischen Industriellen, Kleinindustrielle die den Aufstieg probieren, ganz viele Kleinbürger, die aus unterschiedlichen Gründen zu Hitler bzw. Kutzner laufen, Linke und Juden hassen und jagen.
Noch schöner ist der Roman, wenn man die Ähnlichkeit verschiedener Hauptpersonen mit realen Personen betrachtet - manchmal sind mehrere Personen in einer vereint, manchmal findet man nur sehr prägende Züge - so lässt sich Brecht im Kaspar Pröckl, einem kommunistischen Ingenieur der gerne Balladen dichtet, wiederfinden. Und der Schriftsteller Tüverlin wirkt, auch wenn man sich mit dessen Biographie nicht auskennt, sofort wie ein Teil Feuchtwangers, eine Seite. Ein Stück außerhalb des Romans geschrieben - und die stille Zustimmung zu dessen Haltungen und Meinungen, und auch der Abschluss, in dem von Tüverlins Buch geschrieben wird, das eben der Roman sein könnte. Auch die zwiespältigen Gefühle gegenüber Bayern und den Bayern findet sich - einerseits diese Hochachtung vor irgendwelchen Eigenarten, aber diese Dummheit, dieses Nachlaufen, da schwingt regelrecht auch ein Stück Hass mit. Und zu hoffen wagt man nicht, dass es einmal besser wird. Aber dennoch muss er schreiben und ändern wollen und lässt daher Tüverlin sagen:
"Ein großer Mann", sagte er, "den sie nicht leiden können, ich übrigens auch nicht, er heißt Karl Marx, meinte: die Philosophen haben die Welt erklärt, es kommt darauf an, sie zu ändern. Ich für meine Person glaube, das einzige Mittel, sie zu ändern, ist, sie zu erklären. Erklärt man sie plausibel, so ändert man sie auf stille Art, durch fortwirkende Vernunft. Sie mit Gewalt zu ändern, versuchen nur diejenigen, die sie nicht plausibel erklären können. Diese lauten Versuche halten nicht vor, ich glaube mehr an die leisen. Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gutbeschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre."
... und wer sorgt dafür und wie, dass sie so bleibt, wie sie ist?
Posted on 2009.10.18 at 23:42
Current Music: In München steht ein Hofbräuhaus
Tags: augsburg, kantine, musik, zumheute, zumtag
Bin zwiegespalten. Einerseits immer noch hocherfreut über den Tag gestern, ich bin gegenwärtig in Augsburg, als ich am Abend beim Weggehen in die Kantine, so wie früher und nach über einem Jahr in dem ich nicht mehr in Augsburg wohne, so viele Leute traf mit denen ich mich gut und nett unterhalten konnte - auch irgendjemand wieder kennengelernt habe, mich also aufs Vortrefflichste amüsiert habe. Es ist schon seltsam, dass mir das in Mainz so nicht passiert, dass ich da nicht einfach so weggehen könnte (gut, war gestern ja auch nicht so sehr einfach so) und so viele Leute treffen würde. Ich weiss nicht, ob es da an mir liegen würde oder an Mainz - aber Mainz wirkt immer noch so spießig, so kleinbürgerlich, so kommerzorientiert, so szenelos auf mich. Wie sich zeigt, hab ich mich noch immer nicht eingelebt. Wäre da nicht das, was ich so in der Stadt machen würde, dann würde ich wohl wieder flugs zurückziehen.
Einerseits immer noch frohlockend deswegen, so frohlockend, dass ich es auch in keinster Weise bereue, dass ich mich Mittwochsmittag ganz spontan dazu entschlossen habe nach Augsburg zu fahren (ich kann in ner halben Stunde für fünf Tage packen und(!) am Bahnhof sein und Fahrtkarte und Zeitung für den Zug kaufen). Vielleicht komm ich ja jetzt auch häufiger wieder. Schon lockt auch wieder der Kollegball an meiner alten Schule Ende November. Würde wieder sicher niemand wissen... mich reizt es. Mich reizt auch die Einladung der Leute, die ich erst kennengelernt hatte, als ich weggezogen war.
Passend zu meiner Stimmung hab ich auch noch "Lion Feuchtwangers - Erfolg" fertig gelesen. Gleichermaßen zwiespaltend - so perspektivlos, so sehr immer noch richtig, was die Ordnungszelle Bayern angeht. Politisch werd ich mich hier sicher nie wohl fühlen... wenigstens wird man momentan in der Regel noch nicht erschossen - oder musste damit rechnen - wie in den 20er Jahren. Aber die Ohnmacht der Schilderung, die Hoffnungslosigkeit was die Zukunft angeht, die da schon mitdurchklang, die ist überwältigend...
Posted on 2009.10.12 at 23:06
Current Music: Schleimkeim - Untergrund & Anarchie
Tags: asta, berlin, demokratie, geschichte, lesenswert4, sozialismus, studium, uni
Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von Helmut Schmidt bis Rudi Dutschke.
Ursprünglich als SPD-nahe Organisation gegründet, wenn auch noch autonom, hat er sich im Laufe der ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend zu einer gesellschaftskritisch-antikapitalistisch
en Haltung entwickelt, aus der heraus dann die grundlegende Neugestaltung der Gesellschaft der BRD gefordert wurde.
Interessant ist tatsächlich wie sehr sich doch ein Verband in zwanzig Jahren entwickeln kann - nur möglich in einem Studiverband, der ja aufgrund der kurzen Verweildauer seiner Mitglieder entsprechenden Schwankungen unterworfen ist. Grob kann man seine Geschichte in etwa vier Phasen aufteilen, von den Soldaten über die Flakhelfer-Generation bis zu denjenigen, die dann durch diejenigen, die vor allem in der BRD aufwuchsen. Mit diesen, ab Ende der 50er/Anfang der 60er, folgte dann auch die inhaltliche eigenständige Politik, die sich nicht mehr mit der der SPD vereinbaren ließ - so war der Kampf "gegen den Atomtod" eine dieser Punkte, die antimilitaristische Haltung allgemein ebenfalls. Die SPD war dagegen ja politisch eher starr. Aber diese Ablösung war entsprechend die Chance um vollständig eigenständig zu werden, selbstständig theoretische Positionen zu erarbeiten und schließlich um quasi ab Mitte der 60er Jahre revolutionär zu werden.
Interessant daran, und mir neu, war die große Autonomie der lokalen Hochschulgruppen (später sogar, der verschiedenen Arbeitskreise insbes. in Berlin) - in logischer Konsequenz war aber, als der einigende Kitt wegbrach bzw. sich die verschiedenen Strömungen zu weit auseinanderentwickelt hatten, der Zerfall des SDS. Verfallsprodukte an allen Ecken und Enden... die Geschichte wird dann aber leider nicht mehr erzählt. Überhaupt fehlt mir ein bisschen die Detailtiefe in dem Buch - es ist eher ein Überblickswerk. Die einzelnen örtlichen Entwicklungen sind, mit Ausnahme Berlins, nicht nachgezeichnet, scheinen bedeutungslos dargestellt - Endpunkt und Ziel dieser kleinen Geschichte ist dann wohl das Wirken Rudi Dutschkes. Aber dort ist die Politisierung nachvollziehbar - die exponierte Lage als Fronstadt, keine Wehrpflicht, Springer, Polizei im Extrem... was leider m.E. fehlt sind z.B. inhaltliche Originaltexte, die muss ich mir wohl irgendwann mal selbst zusammensuchen. Gerade das scheint mir interessant zu sein.
Zumindest zu der politischen Positionierung - gewissermaßen zwischen den beiden verbrecherischen Staaten BRD und DDR - war die Geschichte aber durchaus sehr interessant. Die internationalen Verknüpfungen fehlten da allerdings noch etwas.
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Posted on 2009.10.01 at 00:38
Current Music: The Selecter - On my radio
Tags: spd, zumheute
...dass mich im Moment tatsächlich die SPD mehr interessiert - vielleicht ist es ja aber auch einfach nur Schaulust, einem Leichnam beim Verwesen zuzuschauen wäre vielleicht nen Tick überspitzt formuliert, aber einem Schwerkranken beim Sterben zuzusehen, das dürfte es ja durchaus treffen.
Unzählige Artikel, Texte & Co. hab ich in den letzten Tagen zu ihrer Verfassung, ihrer Änderung und allem Möglichen gelesen/gehört/gesehen. Die Wunschvorstellungen reichen da bisweilen recht weit auseinander, von der, so scheint es jedenfalls, Juso-Sicht wie sie sich bspw. unter
http://spd-erneuern.de/ finden lässt, bis zu der Standardversion, dass nur ein paar Köpfe rollen müssen für den großen Sieg. Interessant wird es schon, ob sich die weitergehende Position durchsetzen wird können, dass eben nicht nur eine personelle, sondern auch eine strategische (Koalitionen mit der Linkspartei) und gar eine inhaltliche Erneuerung stattfinden wird. So dürften auch die Positionen von rechts nach links innerhalb der SPD verlaufen - ich schließe ja Wetten darauf ab, dass sie es nicht schafft sich inhaltlich zu erneuern (vielleicht wird das ja nach den nächsten verlorenen Landtagswahlen angestoßen - aber ob das in vier Jahren machbar ist?), aber vermutlich durchaus strategisch (die Rechnung aber ohne die Anderen gemacht...?) und zumindest teilweise auch personell. Ist ja aber schon absehbar, dass alte Schröder-Leute wie Steinmeier weiterhin so gut wie möglich auf ihren Plätzen kleben bleiben. Mich hätte schon interessiert, welche 16 Abgeordnete da mit Nein votierten...
Abwarten.
Posted on 2009.09.30 at 23:26
Current Music: The Hot Rod All Stars - Skinheads don't fear
Tags: gefängnis, istanbul, lesenswert4, polizei, satire, staat, türkei
Wenn ein Autor alleine über 5 Jahre seines Lebens als Untersuchungshäftling, in Verfahren in denen er freigesprochen wird, verbringen muss, dann lernt man die Polizei gut kennen. Die mehr als 200 politischen Prozesse gegen ihn tun dauerten eben. Trotzdem oder gerade deswegen war er wohl einer der populärsten türkischen Autoren. Der sich bislang jedenfalls als sehr amüsant und lesenswert herausgestellt hat - auch wenn ich da meine Zweifel an mir habe, ob ich den Humor in den zahlreichen Facetten tatsächlich auch verstanden habe.
Und so stellt er das System an den Pranger, nicht den Individuellen Polizisten, die systemimmanente Suche nach Schuldigen, das zwangsläufige Finden von Verdächtigen (und bei ihm sind es dann eben nicht nur ein "Elefanten-Hamdi", sondern Hunderte die festgenommen werden) oder auch die Notwendigkeit sich dem üblichen Gewaltgebrauch in der Polizei anzupassen - sonst droht ja die Entlassung. Sozialkritisch in der Tat - schließlich ist man auch hier immer wieder dazu bereit, Verhaftete schon als Schuldige zu sehen - oder Menschen fälschlich zu beschuldigen, quasi auf den eigenen guten Leumund zu vertrauen um Andere schlecht zu machen oder gar zu vernichten. Selbst ein Zeitungsfetzen, ein Klammern an die Zukunft, kann einen Unschuldigen geistig zerstören - so sang/sprach/rezitierte/usw. der "Verdächtige" in der letzten Geschichte abwechselnd eine Wohnungsanzeige und einen kontextlosen Fetzen aus einem politischen Text:
Das politische Regime, das auf keiner soliden Basis ruht, ist der Hauptgrund für die Unruhe, unter der das Land heute leidet, und steht der Entwicklung auf allen Gebieten entgegen. Folglich (140)
... und das nicht zu unrecht.
(13 [zu schnell gefahren]; 17 [Für jedes Mordgeständnis eine Leiche finden]; 30 [inhaftiert]; 89f [arbeitslos -> Diebstahl]; 92 [Falschgeld gestohlen]; 140 [das politische regime...])
Posted on 2009.09.29 at 20:41
Current Music: Drumsond & Simon "Bassline" Smith - Cape Fear
Tags: arbeiter, berlin, kapitalismus, kommunismus, krieg, lesenswert4, pazifismus, revolution, sozialismus, weltkrieg
Das erste Kriegstagebuch eines Arbeiters. Erschien nur wenig später als das in der BRD ja viel bekanntere "Im Westen nichts Neues" - ging also den Weg sovieler Bücher und Romane, die in der BRD als zu kommunistisch o.ä. behandelt wurden und dementsprechend nach dem 2.Weltkrieg natürlich nicht mehr verlegt wurden. Für seine erste veröffentlichte Erzählung wurde er in der Weimarer Republik wegen "literarischen Hochverrats" vor den Kadi geschickt.
Man merkt ja auch durchaus zahlreiche Unterschiede: während bei Remarque ja nur im Feld gestanden wird, so ist bei Scharrer natürlich auch von der "Heimatfront" die Rede. Die Verpflegung mit Nahrungsmitteln war bei den einfachen Soldaten zwar schlecht, aber zuverlässig vorhanden - die Versorgung in den großen Städten war das kaum. Aus Mangelernährung verliert so Sophie, die Frau von Hans Betzoldt (die Hauptfigur), zwei ungeborene Kinder. Menschen betteln, hungern. Hans wird immer hin und her gezogen zwischen Einsätzen an der Front und Freistellung für den Arbeitsdienst in der Heimat - in Waffenfabriken. Neben dem Kampf ums Überleben gehts natürlich auch um den politischen Kampf, um den Kampf ums Ende des Krieges, die Organisation im Spartakusbund und der Kampf gegen die Kriegsbefürworter in der Mehrheitssozialdemokratie. Auf persönlicher Ebene, das zeigt sich auch, wenn er mit Arbeitern und Arbeiterinnen in den besetzten Gebieten sich unterhält, und immer wieder im Betrieb. Und weil die Arbeit nicht ausreicht gibts auch "Hamsterfahrten" (Städter fahren zu den Bauern aufs Land um was immer greifbar ist gegen Nahrungsmittel einzutauschen - die dann mit Glück nicht konfisziert werden, wenn man in die Stadt zurückkehrt) und Rezepte aus dem Steckrübenwinter.
Biographisch ist das Buch sicherlich gegen Ende hin - Scharrer selbst nahm ja am Munitionsarbeiterstreik teil und erlebte und machte, im Buch Höhe- und Endpunkt, die Novemberrevolution mit.
Eben ein Antikriegsroman (und antimilitaristisch natürlich auch) - und somit im Kontext des Ersten Weltkriegs natürlich auch ein Antikapitalismusroman und ein Roman gegen das bürgerliche Deutschland. Vaterlandslos eben.
Ich sitze am Ofen, schaue in die Glut, Minute auf Minute: der Wahnsinn grinst aus den verzerrten, kindischen, vertrottelten Gesichtern. Das Gehirn droht zu platzen. Ich greife nach einem Becher und trinke, trinke, saufe, bis zur Bewußtlosigkeit. (167)
(15 [proletarisches Leben]; 48 [man macht die Menschen zu Idioten]; 62 [Wut über Kamerad]; 66 [Kameradschaft im Krieg]; 103 [nicht ewig leben]; 113 [Gesichtsmuskeln zerschossen]; 115! [ohne militärische Haltung kein Krieg zu gewinnen]; 140 [bürgerliche Elite]; 159 [Solidarität in Polen schwierig]; 167u [saufen]; 178 [Kohlrüben]; 180 ["Sozialismus"]; 191 [Pazifismus]; 209 [Hamstern]; 227 [Liebknecht vor Augen]; 240 [Munitionsarbeiterstreik]; 252 [Ich habe gehört...]; 266 [Unruhe]; 269 [Der Riese "Proletariat"]; 272 [Befreiung!])
Posted on 2009.09.29 at 13:18
Current Music: Skaos - Strange Encounter
Tags: lesenswert4, psyche, psychoanalyse, theorie
Tatsächlich eine recht kompakte Einführung - so kompakt, dass die Behandlung verschiedener theoretischer Werke (und es werden tatsächlich sehr viele angesprochen) nur unzureichend stattfindet. Dafür hat man danach dann "von allen" mal etwas gehört, ist sich darüber im klaren, dass Freud in seiner über 40-jährigen Tätigkeit hin und wieder mal alte Positionen verworfen und/oder wieder aufgegriffen hat, das eine oder andere nur unzureichend ausgeführt hat und dergleichen mehr. Von einer Einführung hatte ich mir tatsächlich etwas mehr erwartet - zumindest hätte ich erwartet, dass gezielt darauf hingewirkt wird Verstehen der wesentlichen Werke Freuds zu erreichen; stattdessen hat man eine Unmenge an Originalzitaten in nur unzureichend hergestelltem Kontext. So lässt sich zwar die Entwicklung der zahlreichen Theorien Freuds nachvollziehen, aber das bringt eben kaum was, wenn der Inhalt nur unzureichend reflektiert wird. Vermutlich hätte ich zu den einzelnen Themen mal besser gleich das Original gelesen - immerhin weiss ich aber jetzt, was es außer den ganz Bekannten Sachen sonst noch so an Texten von Freud gibt und in welchen unterschiedlichen Graden sie mehr oder weniger spekulativ sind.
Das Therapieziel lässt sich nach Freud übrigens, der Autor brachte die Anekdote selbst am Ende, mit einem Hundewettrennen und der am Ende winkenden Wurstkrone vergleichen. Und man muss dabei auf die Spaßvögel aufpassen, die das versauen, indem sie ne einzelne Wurst auf die Rennbahn werfen....
Notizen:
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Posted on 2009.09.28 at 04:27
Current Music: Skaos - Deep underground
Tags: zumheute, zumtag
Auch wenn mehr als 20% für die Verräterpartei SPD noch immer viel zu viel sind, so ist es doch sehr erfreulich, dass mehr und mehr Menschen merken, dass die SPD seit 1914 ein stinkender Leichnam ist. Ein schöner Tag!
Die Freude darüber überwiegt dann doch zumindest zeitweise das beklemmende Gefühl, das sich im Angesicht absehbarer schwarz-gelber Regierungstätigkeit breitmacht.
Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.
(Heinrich Heine)
Faszinierend so zwiegespalten zu sein. Der Verlust der SPD hätte eben dann doch ergänzt werden müssen um einen entsprechend Verlust sog. "christlicher" Parteien... Schade, dass somit nur einer von zwei Wünschen in Erfüllung gegangen ist.
Posted on 2009.09.20 at 21:21
Current Music: The Pioneers - Long shot kick de bucket
Tags: blase, kapitalismus, krise, lesenswert4, sozialismus, wirtschaft
Ich hätte da von Sahra Wagenknecht (als Mitglieder der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei) fast ein politischeres Buch erwartet (aber so äußerten sich sogar Zeitungen wie "Handelsblatt" oder "FAZ" in ihren Rezensionen durchaus positiv). Bis auf die eine oder andere Spitze - und natürlich bei der Skizzierung des einen wirklich neuen Lösungsweges beim Ausblick - ist es einfach weitgehend eine ökonomische Analyse des gegenwärtigen Systems mit kurzen, kenntnisreichen, Abrissen aus der jüngeren und älteren Geschichte.
Und vor allem gab es viele Einsichten in die Funktionsweise des "Finanzkapitalismus", in die Entstehung von Blasen und das Wachstum derselben. Wie durch Deregulierung, durch Abschaffen der Hürden, die aus der Weltwirtschaftskrise 1929 (und Folgejahre) entstanden. Schwerpunkt dabei ist natürlich die USA. Aber die Entwicklung in Europa generell bzw. Deutschland im Speziellen ist so anders nicht - sie hinkt quasi nur ein paar Jahre hinterher. Der auf Spekulation basierende Boom aufgrund von Blasen, das unendliche Aufblähen fiktiven Kapitals (und die fiktive Erwirtschaftung desselben) wird in seiner Eigendynamik aufgezeigt.
Überaus interessant waren einige Aspekte, die mir völlig unbekannt waren. So dass man z.B. in Estland per SMS Kredite aufnehmen kann. Weit wichtiger, die Abänderung der Inflationsberechnung. Früher wurde ja dazu immer einen Warenkorb erstellt - und auch wenn der bisweilen nicht so sonderlich präzise war, so war es zumindest eine halbwegs verlässliche Kenngröße. In den USA (und mittlerweile auch in einigen europäischen Ländern - welche, das sagt sie leider nicht) ist man zu einer "hedonischen Preismessung" übergegangen, die, kurz gesagt, eine wie auch immer definierte Qualitätssteigerung da mit einfließen lässt - die relativ willkürlich festgelegt werden kann. Da würden dann Geschichten von sog. "gefühlter Preissteigerung" auch ganz neue Gesichter bekommen. Irgendwie neu war für mich die Erkenntnis, dass breite Privatverschuldung natürlich dazu dienen kann um Lohndumping zu betreiben - schließlich hilft die den Lebensstandard zu halten auch bei konstant niedrigem Lohn und ständig steigenden Preisen. Jedenfalls für längere Zeit...
Das Buch ist recht gut lesbar - vor allem die "Rechenbeispiele" in speziell markierten Kästen lassen es gelingen, dass die verschiedenen finanztechnischen Begriffe relativ verständlich werden.
Notizen
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Posted on 2009.09.18 at 22:53
Current Music: Strom & Wasser - Gut gut
Tags: bank, film, lesenswert4, oper, sozialismus, theater, weimarer republik
Theaterstück mit Musik, sagt man da auch dazu. Die Musik hatte ich allesamt wohl im Laufe meines Leben schon gehört - sicher jedenfalls die Moritat von Mackie Messer und den Kanonensong.
Während anfänglich die Dimensionen des Konfliktes unklar sind und nur der quasi familiäre Zwist (Polly Peachum als Tochter des Bettlerkönigs heiratet Mackie Messer gegen den Willen ihrer Eltern), so werden sie nach und nach klar - der kleine selbständige Unternehmer ("Mittelstand" würde man heute titeln) im Konflikt mit dem Großkapitalisten, dem König der Bettler, dem Monopolisten. Auch wenn das Versagen, das immer wieder stattfindende Einfangen von Mackie Messer, ja natürlich als "selbstverschuldet" dargestellt wird, so zeigt sich dadurch viel mehr und weit eher der (ökonomische) Zwang in dem sich der Mittelständler Mackie Messer befindet. Er kann nicht "einfach" fliehen, ins private, ins sonstwohin, weil er das verlieren würde, was er hat. Und er hat ja eben noch nicht alles verloren.
Das was Brecht vermitteln will - ich weiss nicht recht, wie schwer das tatsächlich zu erkennen ist. Die Basis-Überbau Theorie wäre da eher ein vager Punkt. Das grundsätzlich verbrecherische Handeln von Kapitalisten hingegen weniger - und die Instrumentalisierung des bürgerlichen Staates für ihre Interessen sowieso auch, schließlich garantiert ja das "Recht an Eigentum" nur ein solcher Staat. Bezeichnend dafür ja auch:
Peachum: Im Gegenteil, Herr, im Gegenteil! Unsere richter sind ganz und gar unbestechlich: mit keiner Geldsumme können sie dazu bestochen werden, Recht zu sprechen!(463)
Weil sie es in ihrer sozialen Stellung, durch ihre Ausbildung, durch ihre Kenntnis von "rechtlichen Grundlagen" gar nicht dazu in der Lage sind Recht zu erkennen. Werd mir auch mal aus Vergleichszwecken, falls es gelingt, den Pabst Film von 1931 anschauen - Brecht hat darüber ja mit dem Regisseur einen Rechtsstreit geführt, dass dieser Film zu unpolitisch wurde. Mal schauen ob er unpolitischer ist, als mein Textverständnis.
Was ich auch gar nicht mehr wusste, ist, dass das Zitat mit den Banken - immer aktuell - ja auch aus der Dreigroschenoper stammt:
Wir kleinen bürgerlichen Handwerker, die wir mit dem biederen Brecheisen an den Nickelkassen der kleinen Ladenbesitzer arbeiten, werden von den Großunternehmen verschlungen, hinter denen die Banken stehen. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes? (482)
(399 [Bettler organisiert]; 401 [verschiedene Typen Bettler]; 418 [-> Brown Kriegskamerad]; 425 [Peachums erfahren; Vater eher distanziert]; 427 [Bettler <-> Künstler]; 436 [Polly]; 441 [Gewohnheit]; 453 [Frau/Fräulein]; 458 [Wovon lebt der Mensch?]; 462 [Besitzender und Elend]; 463! [Richter unbestechlich]; 473 [bildschön als Witwe]; 482! [Bank])
Posted on 2009.09.15 at 13:20
Current Music: LFO Demon - Mokum Riddim
Tags: geschichte, istanbul, krimi, lesenswert4, türkei
Interessantes Buch. In der (recht simplen) Rahmenhandlung sucht Galip, ein Istanbuler Anwalt, seine Frau Rüya, die eines Tages nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung aufzufinden war, und deren Halbbruder Celal, einen bekannten Journalisten, da ihm beider Verschwinden zusammenzuhängen scheint. So lässt er es auch die Vergangenheit seiner Frau zu durchforsten und konzentriert sich auf die Suche nach Celal. Er analysiert und interpretiert dessen Artikel, macht eine seiner geheimen Wohnungen ausfindig und sucht dort in jedem Schriftstück, in jedem Fetzen nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort - und verändert sich darüber, übernimmt dessen Rolle als Essayist und verfasst unter seinem Namen Artikel, Erzählungen, Geschichten und verliert sich ein Stück weit selbst - bis Rüya und Celal ermordet aufgefunden werden.
Zwar gibt es zahlreiche literarische Anspielungen, die Suche nach der eigenen Identität als Individuum jedoch, aber auch einer Identität zwischen Orient und Okzident, ist prägendes Thema des Romanes. Vorher jedoch geht ihm auf und durch die Suche in Istanbul das eigene Selbst ein Stück weit verloren, symbolisch für diesen Selbstverlust in der Metropole kann man auf jeden Fall den allmählichen, fortschreitenden Gedächtnisverlust Celals sehen. Das Buch selbst ist auch gespalten - pointiert könnte man sagen, dass es abendländischer Kriminalroman ist (die Suche nach den Verschwundenen), aber ebenso ist es auch immer - und in gut der Hälfte der Kapitel zeigt sich das ja auch - aufgebaut wie die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht - immer wieder Berichte aus dem "Leben", kleine Episoden, zusammenhängend nur durch eine vage große Erzählung; diese Idee findet sich auch in dem Roman selbst:
Ein schwarzes Buch, das der Mailer als netten kleinen Scherz einem blinden Bettler in die Hände gedrückt hatte, war im Spiegel ein zweigeteiltes, zweideutiges, ein Zwei-Geschichtenbuch geworden, doch wenn man wieder zur ersten Wand zurückschaute, erwies sich das Buch als ein Ganzes von Anfang bis Ende, und das Geheimnis war in seinem Inneren verschwunden. (437)
die beiden erkennbaren Teile verschmelzen somit wiederum zu einem einzigen, werden miteinander verwoben - und genau so schreibt Pamuk auch. In den kurzen eingeschobenen Erzählungen finden sich immer mehr Bezugspunkte zur eigentlichen Rahmenhandlung und diese werden immer mehr beeinflusst von den Erzählungen und neue Erzählungen basieren mehr auf der Rahmenhandlung etc. pp. Dieser Verschmelzungsprozess prägt das Buch von Anfang bis Ende, ist der rote Faden, den man wohl erst nach Lektüre des Buches erkennt. Alles verschmilzt, wird eines und führt somit nicht zu Verlust der eigenen Identität - sondern erst zum Finden der eigenen Identität. Politischer interpretiert bedeutet das schlicht die Feststellung, dass Istanbul (gerade Anfang der 90er, als das Buch geschrieben wurde) - und somit das Herz der Türkei - sich trotz laizistischer Tradition, Verwestlichung & co. der atatürkischen Republik natürlich immer noch auch orientalisch ist und dass der zukunftsträchtige Weg in der Anerkennung beider Ursprünge liegt.
Jedenfalls sehr lesenswertes Buch, in dem man sehr viel entdecken kann - auch und gerade wenns anfänglich nicht allzu leicht zu lesen ist.
(48 [Abschiedsbrief]; 59 [Mörder]; 66 [Detektivarbeit]; 101 [30 Sätze]; 113 [eigene Geschichte]; 118 [was würde Stiefschwester rufen]; 119 [Rüya & Celal]; 165 [Galip schwindlig]; 184 ["reale Geschichten"]; 191 [tausendundeine Nacht werden]; 203o [Persönlichkeit finden]; 203u [Heimkehr]; 221 [Istanbul von oben]; 223 [Konkurrenz zu Rüya]; 244 [Meer]; 256 [Galip findet Celals Wohnung]; 300 [36 Stunden Zeit]; 315 [weinender Mann]; 353 [Lesen ist Gedächtnis eines Anderen]; 360 [die Welt anderst]; 399 [Celal und Rüya trafen sich nachts]; 405ff. [Ich liebte dich]; 420 [Vorgeben Celal zu sein]; 437 [Schwarzes Buch im Spiegel]; 449 [Niemand ist wer er ist]; 464 [Seyh Galip verbrannt; Mevlana verbrannt]; 475 [Die Steine beneiden sie selbst]; 477 [Celal erschossen]; 480 [Rüya auch tot]; 484 [Bruch! Autor spricht zum Leser]; 501 [nichts so erstaunlich wie das schreiben])
Posted on 2009.09.09 at 23:12
Current Music: Millie Small - Melting Pot
Tags: faschismus, frankreich, konservatismus, lesenswert4, migrant, rassismus
Wenn der Klappentext schon sehr viel sagt:
Noch selten wurde Frankreich so weit rechts regiert. Nicolas Sarkozy, der am 6. Mai 2007 zum neuen Präsidenten der Fünften Republik gewählt worden ist, rief eine neue "komplexfreie Rechte" aus, die "sich nicht länger dafür schämt, rechts zu sein".
In den vorangegangenen zwölf Jahren - unter der Präsidentschaft von Jacques Chirac - scheiterte die konservativ-liberale Rechte zum Teil mit ihren Versuchen, rückschrittliche und/oder wirtschaftsliberale "Reformen" von oben durchzusetzen. Nun tritt dessen Amtsnachfolger mit dem Versprechen an, diese "Blockade" aufzulösen. Gleichzeitig bedient der jung-dynamisch auftretende Sarkozy in seinen Auftritten und Reden aber auch die Wünsche auf Veränderung, die "von unten" empor dringen. Zumindest verbal. Während er die "Leistungsträger" anspricht und dabei auch "das Frankreich, das früh aufsteht und sich abplagt", lobt, versucht er zugleich die Arbeitenden durch Schüren von Sozialneid gegen die angeblich faul "in der Hängematte Liegenden" und gegen die "privilegierten öffentlich Bediensteten" aufzustacheln. Ansonsten bietet er denen, die bei seinem Projekt mitzumachen bereit sind, die Aussicht auf härtere Bestrafung für Übeltäter und autoritäre Kontrolle jener, die am Rande der Gesellschaft stehen.
Eine wichtige Grundlage für den Erfolg dieses neuen, offensiven Konservatismus bildet die vorherige Durchdringung eines Teils der Gesellschaft durch extreme Rechte. Deren autoritäre und rassistische Ideologie hat seit 1984 zunächst auf Teile der Mittelschichten, dann aber auch der sozialen Unterklasse auszustrahlen begonnen. In diesem Jahr 2007 ist der Stimmenanteil der extremen Rechten bei der Präsidentschaftswahl erstmals, um rund eine Million Wählerinnen und Wähler, zurückgegangen. Der Einfluss ihrer Ideen ist damit noch nicht geschwunden: Nicolas Sarkozy, aber auch andere Kandidaten hatten manche ihrer erprobten Argumentationsmuster sowie Symbole übernommen und dadurch bisherige Wähler der extremen Rechten gewonnen. Das gesellschaftliche Projekt ist freilich ein anderes und wird im Falle des Wahlsiegers in den Dienst des Neoliberalismus gestellt. Ob die Anhängerschaft im Falle eines Scheiterns seines Projekts erneut bei der extremen Rechten Zuflucht sucht, sich in alle Winde zerstreut oder für andere politische Alternativen zu gewinnen ist, wird die nähere Zukunft erweisen.
Hier wird der Prozess der Ausbreitung und Verankerung rechter Ideologien in der französischen Gesellschaft nachgezeichnet, anhand der Erfolgsgeschichte des rechtsextremen Front National, aber auch der politischen Karriere von Nicolas Sarkozy.
Dazu sagen muss man dann allerdings, dass der Schwerpunkt doch klar auf der Geschichte des Front National seit Ende der 80er Jahre liegt. Bisweilen mit Zitaten, die eher komisch wirken. So wenn Jean-Marie Le Pen (Führer der Front National) im April 2000 mit Aussagen wie Die politische Ökologie wurde in Ostdeutschland vom KGB begründet, unter dem Namen "Die Grünen" seine Zuhörer beglückt. Und, dass sich Kapitalismus und Kommunismus verbündet haben. Und der Islamismus eine neue Art Kommunismus ist etc. pp. Lehrreich hingegen ist die Taktik des FN, auch und gerade durch soziale Demagogie nicht nur bei den konservativen bürgerlichen Kreisen zu punkten, sondern auch bei sozial Deklassierten. Dazu kommen dann noch konservativ-liberale Figuren, die ganz offen um die gleichen Wählerstimmen buhlen - Sarkozy war da besonders erfolgreich. Dafür wurde eben die FN weniger erfolgreich.
Parallelen zu Deutschland sind da unschwer zu entdecken, auch wenn da die Taktik der Neofaschisten nur im Ansatz so erfolgreich war wie in Frankreich. Aber die Wiederwahl der NPD in den sächsischen Landtag - und die in Sachsen vor Ort praktizierte Politik - wären da ein Punkt. Ein anderer sind die ja immer wieder auftretenden (Ex-)CDU-Parlamentarier, wie Hohmann, die ganz offen z.B. antisemitisch auftreten und dann durchaus aber einigen Erfolg haben. Und, dass die CDU in vielen Bereichen jetzt dort steht, wo z.B. die Republikaner vor 20 Jahren standen, das ist ja auch kein Wunder... da bleibt ja auch nur die Hoffnung, dass die Nicht-Kooperation auch weiter fortgesetzt wird.
(24 [relative Einordnung der FN]; 25 [schwedische Liberale]; 40 [zu Protesten 1995 sehr schnell wieder antisozial]; 53 [Pläne gegen die Gefahr]; 65 [Holocaustverharmloser Le Pen]; 69 [bürgerliche Rechte gespalten in der Kooperation mit FN]; 90 [Sarkozy "Bekämpfung der illegalen Einwanderun"]; 100! [Kommunismus & Kapitalismus zusammen]; 101 [KGB Gründung]; 109 [Paradigmenwechsel bei den Sozialisten]; 115 [Poujadisten/CNI]; 119 [undemokratische Ausschlussregel]; 129 ["komplexfreie Rechte"]; 137 [Einbindung rechter muslimischer Gruppen]; 140 [Kopftuchverbot (sexistisch?)]; 165 [Soral -> Verluste der KP]; 170 [Sarkozy von Pro-US -> nationalistischer]; 177 [Le Pen tritt auf, während Sarkozy sich nicht in die Banlieus traut weil größerer Feind]; 180 [Sarkozy wirbt erfolgreich rechtsextreme Wähler ab])
Posted on 2009.08.25 at 23:24
Current Music: Bad Manners - In the Jungle
Tags: lesenswert4, literaturwissenschaft, psyche, psychoanalyse, theorie
Der Titel sagt es ja schon: ein Lehrbuch für eine Einführung in die Psychoanalyse mit einer Darstellung ihrer Verwendung in den Literatur- und Kulturwissenschaften. Allerdings mit Schwerpunkt auf Ersterem, das kann man zwar auf Zweiteres ganz gut übertragen - aber dennoch bleibt der Schwerpunkt entsprechend.
Für meinen Geschmack allerdings trotzdem ziemlich gut gelungen, da umfassend genug um tatsächlich eine Einführung darzustellen (dazu gehören ja auch Beispiele - Hamlet, Schneewittchen und Heines Loreley sind die am Umfangreichsten dargestellten), aber immer noch lesbar (wohl sogar konsumierbar).
In drei Teile aufgebaut: der erste Teil zum Werk Freuds behandelt die Entwicklung des Ganzen, die Bedeutung des Unbewussten (Traumdeutung, Fehlleistungen, Widerstand und Übertragung, freie Einfälle) und das "Unbewusste in der Gesellschaft" (v.a. Es, Ich und Über-Ich). Der zweite Teil zeigt darauf aufbauend mögliche Deutungen anhand literarischer Beispiele (s.o.) und allgemein Verbindungen zwischen Psychoanalyse und Literaturwissenschaft. Der dritte Teil behandelt eben den kulturwissenschaftlichen Teil - Freuds historische Theorien und deren Anwendung (v.a. zu Totem und Tabu), die Psychoanalyse als Gesellschaftskritik (Analyse vor allem des "normalen Verhaltens") und darauf aufbauend einen Vergleich mit dem Marxismus. Grundsätzlich eher zu dünn, aber doch noch praktikabel als Einleitung.
Alles in allem wars jedenfalls für meine Hausarbeit ziemlich anregend.
(7 [Wunschvorstellungen im Widerspruch; 8 [Unbewusst nicht Unterbewusst]; 15 [sublimieren -> für Verdrängung zu starke Triebe werden umgewandelt]; 20 [eigene Wünsche]; 33 [latenter Traumgedanke]; 46 [Fehlleistungen in der Literatur -> 37 man vergisst]; 57 [Spaltung des Unbewussten]; 58 [Über-Ich]; 59 ["Ich"]; 62 [Über-Ich schon gegen Gedanken aktiv]; 68 [Individuum und Gesellschaft können nicht]; 73 [Kein Aspekt menschl. Lebens ist von Sexualität unbeeinflusst]; 75 [Keine sozialen Triebe von Geburt an]; 87 [unbewusste Motive Hamlets]; 95 [Faszination: keine Lösungen des inneren Dilemmas]; 96 [Kreativer Prozess besonders geeignet, weil Ventil für Unbewusstes]; 101 [Kreatives Schreiben gleicht dem Träumen]; 114 [Das Ungeheuer, als das man sich selbst fühlt]; 125 [Urhorde als Ausgangspunkt]; 126 [Totem als Vaterersatz]; 135 [NS-Erinnerung neurotisch?]; 143 [Menschen = Rotte von Mördern]; 147 [Psychoanalyse als Gesellschaftskritik beschäftigt sich mit normalenm Verhalten]; 154 [Psychoanalyse und Marxismus])
Posted on 2009.08.19 at 10:26
Current Music: So was großes (FCA-Hymne)
Tags: privat, zumtag
Faszinierend wie schnell sich mein Terminkalender füllt. Bis November habe ich nicht wirklich Zeit dieses Jahr - vielleicht mal ne Woche oder so. Womöglich führt mich das ja in bewussteren Umgang damit. Oder ich erlebe mehr für mich.
Später jedenfalls geht es nach Hamburg. Wir haben zwar noch keine Ahnung, wo wir übernachten können - aber da wird sich schon irgendeine Spelunke finden. Um für nen paar Stunden sich auszuruhen. Ab Donnerstag bis Montag dann auf einem Seminar in Binz auf Rügen. Mit einer Jugendherberge unmittelbar am Strand... danach... muss man mal noch schauen, was dann so ist. Jedenfalls "verreise" ich quasi mit meiner Mitbewohnerin in spe (die Planungen sagen, dass ich zum 1. Dez umziehen will) - ist quasi der erste Härtetest. Und auch wenn wir uns ja schon seit nem halben Jahr kennen, wird sich zeigen, was jetzt dabei noch rumkommt. Bislang verstehen wir uns jedenfalls sehr gut... und bleiben (sowas ist vielleicht ärgerlich für ne WG) geradezu immer zusammen bis zum Ende. Liegt wohl auch daran, dass die Wohnung in Luftlinie vielleicht 100m von meiner jetzigen entfernt ist... aber deutlich günstiger, älter und größer.
Posted on 2009.08.13 at 00:15
Current Music: Chapayev, le héros
Tags: biographie, judentum, lesenswert4, paris, österreich
Einer dieser Bände aus rowohlts monographien. Aber durchaus amüsant, was man so über Joseph Roth erfährt. Der perfekte Schriftsteller, der immer und immer wieder seine eigene Vergangenheit um- und neuschreibt. Allein der Begriff "Mythomane" drückt ja schon so einiges aus.
Geboren in Brody, in Ostgalizien, dort und in Lemberg aufgewachsen. Also eben noch KuK. Studiert hat er dann in Wien - Germanistik. War Soldat, auch so ein Thema zu dem er immer Geschichten erfand (lange Kriegsgefangenschaft in Russland u.ä.). Nach einiger Zeit in Berlin - und ersten Erfolge als Journalist und auch als Schriftsteller - gings dann durch Europa. Lange in Paris, in Moskau als Berichterstatter. In Albanien, Polen, Italien...
Nach der Machtübertragung an die deutschen Faschisten unmittelbar ins Exil nach Paris gegangen. Dort ist er dann immer mehr zum Schriftsteller der KuK-Monarchie geworden. Weg von seiner Jugend als Sozialist, hin zu einer nostalgischen Utopie, die Vergangenheit verklärend und teilweise auch auf die Wiedererrichtung der Monarchie hoffend. So hat er ja auch Otto von Habsburg getroffen. Aber das Beste sind natürlich die von ihm geschriebenen Texte, manchmal sogar in politischer Hinsicht.
Am Ende aber doch auch gebrochen. Besoffen auf Horváths Beerdigung. Zusammengebrochen ist er dann nach Ernst Tollers Suizid. Und daran gestorben...
Jede Hoffnung ist aufzugeben, endgültig, gefaßt, stark, wie es sich gehört. Zwischen uns und ihm ist Krieg. Jeder Gedanke an den Feind wird mit dem Tode bestraft. Alle Schriftsteller von Graden, die dort geblieben sind, werden den literarischen Tod erleiden.(105)
(10o [Roth als Mythomane]; 15u [schwerelos]; 30 [keine Gleichaltrigen]; 45 [Stipendium]; 46 [galizische Juden nach Wien geflohen]; 55 [Anfänge des Trinkersein]; 78 [Erkrankung der Frau -> Alkoholsucht?]; 87 [Hiob geschrieben & gesoffen]; 91 [Roth als Trinker]; 95f [Hoher Alkoholkonsum]; 105! [Jede Hoffnung ist aufzugeben]; 119 [Joseph Roth zu Horvaths Beerdigung])
Posted on 2009.08.11 at 08:48
Current Music: Lustmord - Black Star
Tags: hausarbeit, heimat, literatur, uni, zumheute, zumtag
...hab ich jetzt an meiner ersten Hausarbeit in Komparatistik/"Europäische Literatur" geschrieben oder besser gelesen. Das Lesen war größtenteils unnütz, wollte mir eigentlich Hintergrundinformationen beschaffen und vor allem theoretisch quasi weiterbilden, wenn ich schon eine theoriegestützte Literaturinterpretation leisten muss. Aber dafür, dass ich dann schlussendlich das ganze Zeug psychoanalytisch interpretiert habe, hätte ich mir das meiste sparen können.
Find es aber nach wie vor faszinierend, wie (schnell) man mit der passenden Theorie eine entsprechende Interpretation herbeizaubern kann. Auch wenn ich grundsätzlich ja in der Geschichtswissenschaft auch mit einem gewissen theoretischen Fundament agiere (das ist schon die Sicht, die man von der Welt hat), so hatte ich mich der allzu expliziten und bewussten Anwendung doch eher verwehrt. Hätte ich bei Joseph Roth jetzt ansich auch getan, wenn es nicht ausdrücklich anders gefordert gewesen wäre.
Ansich hätte ich auch gute Lust, das häufiger bei Literatur zu machen - nur ne Geschichte fünfmal zu lesen (unter unterschiedlichen Aspekten) und der hohe Zeitaufwand beim Bearbeiten schrecken doch viel zu sehr ab.
Ansonsten: so langsam fühl ich mich recht alleine in Mainz. Wahnsinnig, wie ausgestorben alles wirkt, sobald der August läuft. Von den 45 Wohnheimswohnungen auf der anderen Seite des Innenhofes waren gestern Abend 10 beleuchtet. Ein paar noch dazu, die woanders waren.. und man kann wohl gut 2/3 als verreist ansehen. In meinem Bekanntenkreis sieht es kaum anders aus. Bin mal gespannt wie sich diese Quote mit der steigenden Semesterzahl verändert. Ich vermiss jedenfalls Augsburg etwas. Aber so langsam zieht mich irgendwie immer weniger zurück - der Kumpel, mit dem ich dort die meiste Zeit verbracht hatte, der ist auch wiederum weggezogen... aber dennoch, werd ich wohl mal Anfang September die Zeit dazu haben um raufzufahren. Mal schauen, wie es sein wird.
Posted on 2009.07.18 at 00:09
Current Music: Mickey Finn - Jungle fever
Tags: kapitalismus, kolonialismus, kolumbien, krieg, lateinamerika, lesenswert4, spanisch
Dieser Roman ist eingebettet in die kolumbianische Geschichte, man denke an den "Krieg der Tausend Tage" zwischen Liberalen und Konservativen und den sie beendenden Frieden von Neerlandia - der einen bedeutenden Teil des Hintergrunds bildet oder an das Massaker, das die United Food Company (heute: Chiquita) im Dezember 1928 an streikenden Arbeitern in Ciénaga im Norden Kolumbiens verübt hatte. Von den 3000 Streikenden wurden mehr als 1000 niedergemetzelt und im Anschluß in Eisenbahnwaggons geladen um die Leichen im Meer zu versenken. Die Regierung sprach von "neun aufständischen Kommunisten". Scheint auch geographisch ungefähr zu passen, wenn man die riesigen Sümpfe um diesen Ort bedenkt (Ciénaga = Sumpf), die ja auch erwähnt werden. Auch der Ortsname erinnert mich da etwas an den spanischen Titel des Buches ("Cien años de soledad") und Marquez Geburtsort ist davon nicht allzuweit entfernt. So lässt sich der Roman zeitlich und örtlich relativ gut verorten.
Allzu faszinierend der Durchlauf der kolumbianischen Geschichte anhand der sechs Generationen der Familie Buendía (Guter Tag) von der Zeit vor der Unabhängigkeit bis hin zum Neoimperialismus, zum Übergang in die Moderne. Faszinierend vor allem auch deswegen, weil die nüchterne Realität zugunsten seiner "magischen Realität" ausgeblendet werden muss. So wird ein Gemetzel eben zum Alptraum, so wird Tod zur Himmelfahrt (biblisches ist ohnehin häufiger) und so vieles mehr - aber häufig regelrecht absurd wirkend, die "religiöse" Ebene aufgeladen mit geradezu banalen Details.
Die fast völlig erblindete Ursula war die einzige, die genug Ruhe bewahrte, um die Natur dieses unvermeidlichen Windzugs zu erkennen; sie überließ die Laken der Laune des Lichts und blickte zu Remedios der Schönen auf, die ihr ein Lebewohl zuwinkte inmitten des Flatterns der Laken, die mit ihr aufstiegen, die mit ihr die Luft der Käfer und Dahlien verließen und mit ihr durch die Luft flogen, wo es kein Vier-Uhr-Nachmittags mehr gab und wo sie sich mit ihr für immer in den höchsten Sphären verloren, wo nicht einmal die höchsten Vögel der Erinnerung sie einholen konnten.(272)
Aber gerade das macht das Buch und damit die Welt im Buch so faszinierend fremd. Und diese Fremdheit steht der fortwährend aufscheinenden inneren Einsamkeit nahe. Diese innere leere, die einen sich abschließen lässt - überspitzt (oder eben "magisch") dargestellt, durch äußeres Wegschließen, durch Entfremdung von der Welt. Hab das Buch jedenfalls so sehr genossen.
Sah die Clowns am Schwanz des Aufzugs Grimassen schneiden und sah wiederum seiner jämmerlichen Einsamkeit ins Gesicht, als alles vorüber war und nichts blieb als der leuchtende Raum auf der Straße und die mit Flügelameisen angefüllte Luft und ein Haufen zum Abgrund der Ungewißheit drängender Gaffer. Dann ging er zur Kastanie und dachte an den Zirkus und während er urinierte, versuchte er weiter an den Zirkus zu denken, fand aber schon keine Erinnerung mehr. Steckte den Kopf zwischen die Schultern wie ein Küken und blieb, die Stirn an den Stamm gelehnt, regungslos stehen. Bis zum nächsten Tag um elf Uhr merkte die Familie nichts, als Santa Sofía von der Frömmigkeit den Müll in den Hinterhof trug und dabei gewahrte, daß die Aasgeier herabstießen.(304)
(22 [Geburt]; 46 [Fürchte die Metalle]; 93 [Gut für den Krieg]; 105 [Einführung v. Bewaffneten]; 114 [Liberale/Konservative]; 118 [Wahlfälschung]; 131 [Macht lässt Bitternis der Kindheit vergessen]; 169 [föderalistisch]; 184f [Entmenschlichung Revolution]; 194 [Verrat der Revolution]; 211 [Verwechslungsspiel]; 243 [Familie wird konservativ]; 256 [Zug kommt]; 272 [Himmelfahrt]; 282 [Abkehr von Routine]; 292 [Esswettbewerb]; 304 [stirbt vor Einsamkeit]; 313 [Katholizismus/Bestattungsbrauch]; 335 [Streikführer]; 350! [Massaker -> ausgelöscht]; 386 [Ursula stirbt]; 388f! [Gier und Gleichgültigkeit]; 392 [Nachfolger]; 403 [Finger verbrannt]; 412 [Bücher]; 421 [letzter Sohn]; 438 [Verbinung durch echtes Erleben]; 444 [uralt]; 460 [nicht Glauben]; 462! [Charakteristika]; Ende!)
Posted on 2009.06.14 at 16:45
Current Music: Olympics - The Bounce
Tags: biographie, england, englisch, exil, exilliteratur, frankreich, lesenswert4
Ein Mann, Exilrusse, versucht das wahre Leben seines Halbbruders, des Schriftstellers Sebastian Knight, zu rekonstruieren. Er besitzt nichts als ein paar Jugenderinnerungen, einige magere Informationen, eine intime Kenntnis der Knightschen Bücher - und sehr viel Enthusiasmus.
Auslöser ist eine falsche, oder gefühlt falsche, Biographie eines anderen Autors. Durch seine Buchkenntnis jedoch, durch sein Verständnis der Literatur fühlt er Anderes und sucht es zu verschriftlichen. Er frägt Bekannte und Freunde, sucht nach Geliebten und versucht mit einem jeden Schritt mehr zu Wissen und zu erfahren. Auch wenn die Informationen alles in Allem eher spärlich bleiben, so steht am Schluss dann doch seine Kenntnis über seinen Halbbruder - glatt so, dass er nicht mehr weiss, wer wer ist.
Interessant sind sicher auch die Verhältnisse, Menschen, Ereignisse, Orte, die Nabokov aus seiner eigenen Biographie in den Roman hat einfließen lassen - wenn man sich sein beengtes Exil-Domizil in Frankreich vorstellt, die Fremdheit dort, so findet sich diese Fremdheit auch bei den beiden Exilrussen V. und Sebastian. Trotz "gutem Hause" und der Tatsache, dass Nabokov Englisch schreiben konnte, bevor er Russisch schreiben lernte.
Sie kommen und gehen, diese und andere Gestalten, machen die Türen auf und zu, leben, solange ihr Weg erleuchtet ist, und werden der Reihe nach von den Wogen des beherrschenden Themas verschlungen: Ein Mann stirbt. (224)
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Posted on 2009.06.03 at 22:33
Current Music: Klasse Kriminale - Politicanti
Tags: privat, zumtag
Jetzt habe ich vor knapp ner Stunde erfahren, dass meine Urgroßmutter gestorben ist. War mit 95 ja auch nicht mehr die Jüngste, aber das kam dann doch sehr plötzlich. Vor allem ärger ich mich grad unheimlich über mich, dass ich vor zwei Wochen nicht schon runtergefahren bin um sie zu besuchen - da war sie ja zwischenzeitlich im Krankenhaus und wär sie da nicht so bald wieder entlassen worden und wäre es ihr nicht so schnell wieder besser gegangen... aber ist absurd sich solche Fragen zu stellen. Eigentlich frag ich mich eher, was ich nicht vergessen sollte, will, darf. Und ich merke, dass ich das Meiste schon lange vergessen habe.
Nichtsdestotrotz kann man sich ja bei so etwas immer mal wieder ärgern. Da hat sie vor fünf oder zehn Jahren mal schriftlich festgelegt, dass sie im Falle ihres Todes verbrannt werden will und keine Messe bekommen will - in einem Zustand von dem doch ein jeder noch weiss, dass es ein geistig klarer war, da erinner auch ich mich noch dran. Und dann soll sie zwar immer noch verbrannt werden, also quasi heidnisch beseitigt werden, aber doch ne Messe gelesen werden. Weil sie in den letzten Jahren - indem es ihr sichtlich immer schlechter ging - öfter mal in die Kirche wollte (und/oder dahin mitgeschleppt wurde). Schlußendlich sind auch schriftliche Verfügungen offenbar das Papier nicht wert auf dem sie stehen - man interpretiert immer noch seinen eigenen Willen hinein. Und da möchte ich mich gar nicht mal ausschließen dabei, denn ich hätte nen Stück weit auch nur nach meinen eigenen Überzeugungen gehandelt - mich aber zumindest auf nen schriftlichen Wunsch hin orientieren können. Hätte sie den nicht mehr verspürt, dann hätte sie das ja auch ändern können...
Aber sich darüber zu ärgern tröstet nicht hinweg über diesen Verlust, diese kleine Trauer im Herzen. Kann mir zwar sowas nie anmerken lassen, aber ich vermiss sie doch und werd sie doch vermissen. Nur diese Schuldvorstellungen sollte ich sein lassen. Auch bei den anderen Großeltern die in den letzten Jahren verstorben sind... ach, ach... wenigstens werd ich auf die Beisetzung der Urne gehen, falls sie nächste Woche am Freitag auch tatsächlich dann ist und nicht früher (und davon geh ich aus). Jeder Elan ist geschwunden.
Leichenbegängnis im Osten
Ich arbeite nachts, von Stadt umgeben,
von Fischern, von Töpfern, von mit
Safran und Früchten verbrannten Toden,
gehüllt in scharlachroten Musselin:
sie ziehen unter meinem Balkon vorbei, diese schrecklichen
Toten, und lassen Ketten und Kupferflöten erklingen,
durchdringend und zart und düster gellen sie
im Farbengeleucht der schweren giftigen Blüten
und dem Geschrei der aschgrauen Tänzer,
dem monotonen Anschwellen der Tamtams
und dem Rauch der duftenden und lodernden Hölzer.
Weil einmal der Weg zu Ende am trüben Strom,
ihre Herzen werden, die da stocken oder einen größeren Weg beginnen,
verkohlt hingleiten, mit Bein und Fuß als Feuer,
und aufs Wasser wird fallen die flirrende Asche
und fortschwimmen als verdorrter Blütenzweig
oder erloschenes Feuer, zurückgelassen von so mächtigen Reisenden,
die auf schwarzen Fluten etwas verbrannten und einen
verschwundenen Atem hinunterschluckten und einen letzten Likör.
Pablo Neruda
Posted on 2009.05.15 at 21:07
Current Music: Kaos Urbano - Okupa las calles
Tags: privat, zumheute, zumtag
Meine Zeit ist wie aufgefressen. Ich hab seit zwei Wochen - außer Zeitschriften und Zeitung - nichts gelesen, das nicht aus der Uni an mich herangetragen wurde. Oder aus meinem hochschulpolitischen Referat. Seit Wochen habe ich tatsächlich nicht einmal das Buch weitergelesen, das ich schon seit einiger Zeit beinahe beendet habe. Ich komm nicht einmal mehr zum putzen und aufräumen. Geschweige denn dazu, dass ich mich um meine "alten" Kontakte kümmere. Die alternativ gelebte Zeit ist zwar auch nicht so schlecht - ich kann nicht wirklich über den Campus gehen ohne irgendjemand Bekannten zu sehen - trotzdem, dennoch. Weiss teilweise schon gar nicht wo mir der Kopf steht. Sicherlich auch eine Organisations- und Motivationssache.
Erinnernswert: Hatte einen Gesprächstermin zum neuen Hochschulgesetz beim hierfür zuständigen Landesministerium in Rheinland-Pfalz. Verlief überraschend gut und ich hatte von der Anke, die mit mir in dem Referat ist und mit der ich dort war, tatsächlich doch das als Frage verpackte Kompliment bekommen, ob ich nicht in die Politik gehen werde... ansonsten war es nach so viel Stunden Arbeit auch nen tolles Gefühl die dreißig Seiten Änderungsanträge zum Landeshochschulgesetz einzusenden. Vielleicht findet sich da jetzt dann auch mal demnächst wieder Zeit um auch privat irgendwo und irgendwie zu leben. Mit wem und wann auch immer. Sehnsucht heißt ja ohnehin, dass man nur wieder mal das will, das man nicht hat.
Posted on 2009.04.29 at 08:32
Current Music: Lord Tanamo - I am in the mood for ska
Tags: mainz, uni, zeitung, zumheute, zumtag
Manchmal auch nur Tränen aus allergischen Gründen. Jedenfalls gehts zur Zeit damit munter weiter. Gepaart mit dem frühen Aufstehen ist das schon eine gewisse Qual; die Augen aufreissen fällt doppelt schwer. Dabei hatte ich mich durchaus auf die Uni ja wieder gefreut.
Lustigerweise hat sich mein Vorhaben Latein dieses Semester (fertig) zu machen jäh erledigt - ich hätte eine Einstiegsklausur zu den Lektürekursen schreiben müssen. Eben die hab ich aber verpasst. Einfach nicht mitbekommen, dank des neuen Online-Systems in das man anscheinend tagtäglich morgens schauen muss um "aktuelle Änderungen" zu erfahren. War zwar am folgenden Tag vorbereitet und nach ordentlichem Lernpensum in der Uni, aber das war da ja dann obsolet. So wird es eben doch ein Semester Pause sein.
Immerhin nähert sich mein persönliches Verhältnis zu manchen Mitmenschen einem gewissen, tragfähigen, Freundschaftsgrad allmählich an. War jedenfalls ein angenehmer Abend auf der SemesterEröffnungsFeier.
Weiterhin - die mangelnde (= kaum vorhandene) Wahlmöglichkeit eines Bachelor-Studienganges konnte ich dieses Semester in Geschichte machen. War ich davon das letzte Semester noch halbwegs verschont, da ich mir thematisch das eine oder andere aussuchen konnte, so bin ich dieses Semester abgefüllt mit Einführungsveranstaltungen sowohl zur Alten Geschichte, wie auch zu Grundlagen, Theorien und Methoden und dazu noch eine Pflichtvorlesung zur Neuesten Geschichte. Einzig eine von zwei Exkursionen (und die dazugehörige Übung und die Vorlesung dazu) konnte ich mir aussuchen - eine sehr bescheidene Auswahl. Im Beifach sieht es auch nicht besser aus. Zwei Pflichtveranstaltungen in "Europäischer Literatur" ohne jegliche inhaltliche Wahlmöglichkeit. Ich fühl mich jetzt schon unglaublich gelangweilt; hoffentlich helfen mir wenigstens meine freiwillig auserwählten Sachen.
Ansonsten: ich überlege mir gerade wieder eine Zeitung zu abonnieren und tendiere etwas zum "der Freitag". Wenn das Probeabo ab morgen kommt, dann hab ich das letzte Woche spätnachts/frühmorgens auch tatsächlich beantragt. Bin mir nämlich gar nicht sicher ob ich das Formular tatsächlich abgeschickt habe.
Bleibt mir noch die Suche nach dem Privaten x.
Posted on 2009.04.27 at 00:47
Current Music: Stranglers - No more heroes
Tags: auswanderung, berlin, ddr, gymnasium, lesenswert4, migrant, noten, pfaffe, religion
Nach Westberlin geht Daniel, Kind eines Pfarrers, um dort ein Gymnasium zu besuchen und im Sinne seines Vaters erzogen zu werden. Dessen Gesinnung steht nämlich in einem gewissen Gegensatz zur dominierenden im Heimatort, einer Kleinstadt in der DDR. Die Familie ist auch quasi ein Musterbeispiel bürgerlicher Kritik an der DDR - so sind sie Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten, streng religiös, bürgerlich (was auch sonst als Pfarrersfamilie?), feindlich gegenüber sozialistischen Ideen, Schwule als krank empfindend, unabhängig und menschlich gut - so wird auch nicht in die SED eingetreten und darüberhinaus waren sie gewissermaßen in einer Art innerer Migration im antifaschistischen Widerstand. Denn der Großvater war nie in einer Partei und hat den ihm zugewiesenen Zwangsarbeitern, er war auf einem Rittersgut Gutsverwalter, ihr Essen gemeinsam mit den deutschen Arbeitern gegeben. Und die Tante Magdalena, die nicht eigentlich Tante ist, hat es auch bedauert, dass der Dr. Mandelbaum damals plötzlich weg war, weil der sich hervorragend um ihr Rheuma gekümmert hat. Daniel wächst also in vorbildlicher Familie auf. Auch sonst ist alles ganz normal bei ihm, denn er hat tolle erste sexuelle Erfahrungen, Träume von einer Weltreise mit Artisten, Spaß mit Freunden und leidet darunter, dass er immer mit in die Kirche muss. Derartig sind die wenigen, lückenhaften, Dinge, an die er sich im Rückblick auf seine Jugend, auf seinen Anfang, zurückerinnern kann.
Der Grund für seinen Wechsel nach Westberlin ist klar, er durfte die Oberschule in der DDR nicht besuchen. Trotz "genügend guter" Zensuren ist er entweder wegen seines sozialen Hintergrunds (bürgerlich) oder wegen der politischen Haltung seines Vaters (feindlich) nicht zugelassen worden. Wenn man Heins Biographie zugrunde legt, dann könnte durchaus auch das Erstere zutreffen. So interpretiert wirkt das Buch auch nicht als Anti-DDR-Buch. Die Kindheit war eine normale mit interessanten Episoden, das Mann-werden verlief in regulären Bahnen. Auch die Propaganda in der DDR war in den 50er Jahren eben nur eine andere als in der BRD. Die nach außen getragene (häufige) Gleichgültigkeit ihr gegenüber war denn auch dieselbe. Und was das Schulsystem angeht: so war die Selektion eben auch unterschiedlich; stattgefunden hat sie in beiden Deutschländern. Wenn auch mit unterschiedlichen Zielgruppen. Die Normalität bleibt und ist da - durch die einfache, erzählende Sprache, die ohne große Spannung auskommt, aber mit viel Interesse und viel Wärme für die (eigene, fiktive) Vergangenheit. Allerdings fast etwas zu viel an Nicht-Stellungsnahme oder kindlichem Schreiben, denn da bleibt dann zu wenige Nähe zu den eigenen Erlebnissen und es ist zu viel banal Dargestelltes, und von einem Kind auch wohl als solches zu Empfindendes, zu detailliert - und der Leser versteht diese Andeutungen wohl zu sehr. So bleibt und ist ein Bruch in der inneren Logik, die das literarische Selbst gewissermaßen als vierzigjähriges Kind erscheinen lässt.
(14 [Kriegsspiel]; 17 [Bürgerlich, aber für Juden]; 23 [Scheidungskinder]; 25 [Eifersucht = Krankheit]; 49f [Schwule]; 54 [schwul sein = Krankheit]; 75f [kein Parteieintritt]; 82 [Bruder hört Westsender]; 93 [erster Orgasmus]; 113 [er hasst alle]; 124 [gute Zensur für Gymnasium in Westberlin]; 131 [Großvater wird ruhiger]; 148 [erster Kuß]; 159 [nackt tanzen]; 166 [in der Kirche sitzen]; 169 [Bildungs- & Erziehungsziel]; 179 [Bruder in evangelikaler Einrichtung]; 186 [Unterschiedliche Ost-/Westnachrichten: Sprache der Medien]; 191f [Kriegshelden])
Posted on 2009.04.17 at 14:26
Current Music: Keith & Tex - Hypnotizing Eyes
Tags: augsburg, heimat, mainz, münchen, nürnberg, privat, zumtag
Irgendwie brauch ich das tatsächlich. War letzte Woche schön wieder in Augsburg zu sein und mit Freunden so einiges zu machen. Interessanterweise mach ich mit jedem Mal mehr, mit dem ich in Augsburg bin. Nur umso schwerer fällt es dann wieder zu fahren. Anschließend war ich dann noch in München - auch nett Evchen mal wieder zu treffen und nen paar Bierchen zu kippen. Noch dazu haben wir zufällig mitten in der Stadt ein recht günstiges Pasta & Pizza - Restaurant gefunden, das auch geschmacklich okay - wenn auch nicht hervorragend - war. Abschließenderweise noch durch Nürnberg getingelt und Gloria getroffen. Schon ein interessantes Verhältnis. Aufgrund der Distanz u.a. Gründen ist da nie mehr daraus geworden, aber zu irgendeinem Zeitpunkt unseres Treffens kommt zumindest bei mir - und ich vermute fast: auch bei ihr - die Reue wieder hoch, dass man da nicht mal mehr daraus gemacht hat. Schon absurd, wenn man beiderseitig so sehr nahezu den Idealvorstellungen des Anderen entspricht und dennoch. Geht ja schon seit Jahren so. Auch - oder weil - wir uns die letzten Jahre nur etwa jeweils einmal sahen. Aber nachdem ich jetzt durch Nürnberg öfter fahren werde (liegt fast auf dem Weg Mainz - Augsburg) stellt sich die Frage ob es so bleiben wird. Ich wünschte, ich wüsste was das Bessere ist.
Und dann der Kontrast. In Mainz bin ich regelrecht einsam im Vergleich dazu. Es fehlt nach wie vor dieser größere Kreis an Leuten, bei denen ich einfach auch mal so vorbeischauen kann (wobei: ich könnte es wohl?). Mag sein, dass sich das noch entwickelt - die Tendenzen sind jedenfalls vorhanden - aber dennoch wird das wohl immer etwas anderes sein. Wobei in mancherlei Hinsicht wäre das ja nicht zwangsläufig negativ - ich hab immer noch das Bild vor Augen, wie ein Bekannter auf Aufforderung, die mit von mir verschuldet war, seine bei ebay ersteigerte Football-Jacke ins Lagerfeuer geworfen hat. Brannte sehr gut. Manche Leute sind aber viel zu kaputt: und um manche ist es wirklich schade; fühl mich doch gebraucht in Augsburg. Und hier in Mainz doch eher weniger.
Wie viele Arten von Einsamkeit gibt es eigentlich?
Posted on 2009.04.17 at 11:24
Current Music: Lloyd & Glen - You got me going
Tags: betrachtungen, einsamkeit, erzaehlungen, erzählungen, lesenswert4, münchen, skizze
Manchen Sachen in diesem Buch merkt man doch ganz klar an, dass es eben nur Skizzen sind. Sie wirken auch richtig unvollständig. Weiterhin - die Tendenz, die ich bei seinen Gedichten feststellen konnte (das Buch "les" ich immer noch) setzt sich hier meines Erachtens fort. Ab 1899/1900 wirkt er. Vorher wirkt er nicht, bleibt blass und lässt die Genialität die sein etwas späteres Werk auszeichnet vermissen. Dementsprechend hat mir da auch bei weitem nicht jede Erzählung gefallen.
Sehr schön war die "Turnstunde". Das jähe Ausbrechen beeindruckender Kraft, das Erheben aus seinem früheren, tristen, kaum mittelmäßigen, Leben. Als Ziel die Selbstbefreiung aus den Fesseln. Und dann schließlich doch selbst verbrannt zu sein und in der Konsequenz vollkommen zusammenzubrechen. Aus der sich daraus ergebenden Hoffnungslosigkeit des eigenen Strebens? Zeigt allzu gut die Absurdität des Lebens und des damit allzu eng verknüpften Todes. Sehr passend im Rahmen einer militärischen Ausbildung. Nur der Befehl ins Leben zurückzukehren funktioniert bei "Soldaten" ja noch immer nicht so gut.
[...]aber gerade in diesem Augenblick, da alle Blicke an der Gestalt Grubers hängen, macht er hoch oben unter der Decke eine Bewegung, als wollte er sie abschütteln; und da ihm Das offenbar nicht gelingt, bindet er alle diese Blicke oben an den nackten eisernen Haken und saust die glatte Stange herunter[...](120)
Nicht nur in der Geschichte, sondern auch in vielen anderen, wie in der titelgebenden Geschichte "Wladimir der Wolkenmaler" ist Einsamkeit prägend.
Wladimir hat seine Tür verschlossen und gewartet, bis es ganz dunkel geworden ist. Dann sitzt er, klein, am Rand des Ruhebettes und weint in die weißen eisigen Hände hinein. Es kommt ihm leicht und leise, ohne Anstrengung und ohne Pathos. Es ist das Einzige, das er noch nicht verraten hat, das ihm allein gehört. Seine Einsamkeit. (117f)
Alles in allem zwar eine durchwachsene Sammlung, aber trotzdem findet sich auch da Rilkes Emotionalität.
(19 [früh gealtert]; 23 [zerstörend]; 29! [Charakter stirbt]; 49 [Schande für Stuhl]; 61 [Zum Glück kriechen]; 73 [Die Mutter]; 81 [Flut]; 87 [er hier/alle andren drüben]; 90 [Sicherheit/Über Zugang des Anderen]; 93f! [Weltanschauung]; 106 [Brief an die Mutter]; 117f! [Sein einziges Einsames]; 120 [streben nach oben]; 125 [-> und stirbt]; 155 [sich lieben, aber nicht berühren]; 163 [Schule nach Angst])
Posted on 2009.04.09 at 18:18
Current Music: Millie Small - Come and hold me tight
Tags: frieden, klassiker, krieg, lesenswert4, militarismus, pazifismus, prag, tschechei, österreich
Schwejk wird in den Krieg geschickt. Trotz amtlich anerkannter Blödheit, trotz Parodie auf die Kaiserlich und königliche Doppelmonarchie. Mit seiner Gelassenheit und strikten, wörtlichen, Befolgung dienstlicher Vorschriften kommt er zwar desöfteren in lebensbedrohliche Situationen, aber er ist gewissermaßen unberührbar in seiner Souveränität. Was für eine geniale Idee ist es immer dann eine Geschichte aus der Nachbarschaft zu erzählen, wenn sich der Militarismus gegen einen selbst richtet. Auf mich wirkt da ein unglaublicher Reiz die Blödheit, die sich in Uniform ja besonders gut hält, durch mit freundlichem Gesicht in liebenswürdiger Blödsinnigkeit gegen die Wand zu führen; die Wand, die da heißt Leben (Wortwitz, Gemeinsinn, Freude, Liebe, ...). Daneben blitzen die Realität des verknöcherten, strukturell rassistischen Ungetüms der K.u.K.-Monarchie auf - die herrschende Schicht, die ausgefüllt wird von Deutschen. Die Konflikte in diesem komplizierten Feudalsystem, in dem ein jeder nach allerlei Herkunftsfaktoren seinen Stand zugewiesen bekommt und ordentlich kriechen muss, sich selbst verblöden - hervorragend gezeigt am "Leutnant Dub" - und doch nicht die Anerkennung bekommt, die er erstrebt. Manchmal hatte ich im Kopf, dass Schwejk ein Don Quijote und ein Sancho Pansa in einer Person ist - aber so viel mehr an Klarheit macht ihn doch eher zu einzigartigen literarischen Gestalt. Und nach 800 Seiten hätte ich immer noch gerne weitergelesen.
Es war eine so ergreifende Rede, dass sich Schwejk, der sich zusammen mit Wanek in der improvisierten Kanzlei im Waggon befand, als sie nach Wieselburg fuhren, an diese Ansprache erinnerte und zum Rechnungsfeldwebel sagte: "Das wird sehr fein sein, wies der Herr Feldkurat gesagt hat, bis der Tag zur Neige geht und die Sonne mit ihren goldenen Strahlen hinter den Bergen untergehn wird und auf dem Schlachtfeld, wie er gesagt hat, der letzte Atemzug der Sterbenden zu hören sein wird, das Röcheln der sterbenden Pferde und das Stöhnen der Verwundeten und das Jammern der Bevölkerung, wenn ihnen die Hütten überm Kopf brennen wern. Ich hab das sehr gern, wenn Leute so blödeln wie verrückt." Wanek nickte zustimmend mit dem Kopf. "Es war eine verdammt rührende Geschichte."
"Es war sehr hübsch und lehrreich", sagte Schwejk, "ich hab mirs sehr gut gemerkt bis ich ausn Krieg zurückkomm, wer ichs beim "Kelch" erzähln. Der Herr Kurat hat sich, wie er uns das auseinandergesetzt hat, so hübsch in Positur gestellt, daß ich Angst gehabt hab, daß ihm eine Haxen ausrutscht und er aufn Feldaltar fällt und sich seine Kokosnuß an der Monstranz zerbricht. Er hat uns so hübsche Beispiele aus der Geschichte unserer Armee erzählt, wie noch Radetzky gedient hat und wie sich mit der Abendröte das Feuer vermischt hat, wie die Scheunen aufn Schlachtfeld gebrannt ham, als ob ers gesehn hätt." (425f.)
Tucholsky hatte damals auch eine sehr schöne
Rezension geschrieben.
(17 [vers. Raubmord]; 25 [Tiger des österr. Dschungels]; 56f! [Krüppel in den Krieg]; 70 [Kriegsunterstützende Artikel]; 89 [Anm. 29]; 97 [im Krieg gehängt]; 124 [jüd. Firma]; 156 [Don Quijote]; 192 [Hundediebstahl]; 205 [Für den Kaiser fallen]; 221 [Großzügigkeit]; 281 [blendende Dummheit]; 327 [Gargantua/Erwachen]; 370 [Die Erde stärker]; 425! [zur Schlachtbank]; 464 [ungezügelter Humor]; 478 [Kriegsdoktorat]; 497f [Kriegsgebet]; 544 [Isten almed a kiraly]; 570 [Nepotismus]; 596 [Alkohol]; 652 [K.u.K. Militärkatze])
Posted on 2009.04.05 at 11:24
Current Music: Delroy Wilson - Here come the heartaches
Tags: zumheute, zumtag
Z. für Zusammenbruch? Zufriedenheit? Zensur? zurück?
Jedenfalls durfte ich feststellen, dass ich das Latein absehbar nicht hinter mir habe - kommt davon, wenn man am Erfolg erfolgreich vorbeischrammt. Ich schwanke da immer noch hin und her, ob ich jetzt noch lernen sollte und probiere die Eingangsklausur für den Lektürekurs erfolgreich zu meistern bzw. den Erfolg tatsächlich anzustreben oder ob ich nen Semester mehr mit dem Spaß einplanen sollte; ich tendiere ja eigentlich zu Ersterem, hab aber wenig Lust um weiterhin da etwas dafür zu lernen - leider ist das aber die unbedingte Voraussetzung.
Ansonsten schwirrt mir, trotz einer Woche weitgehender Abstinenz, nach wie vor noch der Kopf vom neuen Landeshochschulgesetz. Ich müsste mich unbedingt demnächst diesbezüglich mal hinsetzen um eine halbwegs vernünftige Pressemitteilung zu schreiben. Die Motivation dafür sind z.Z. ähnlich aus wie bei obigem.
Stattdessen ist die Motivation weit größer das, nach wie vor, überraschend schöne Wetter halbwegs zu genießen. Und endlich mal wieder zu lesen (der März war diesbezüglich äußerst unergiebig) - oder andere angenehme Beschäftigungen durchzuführen. Ich warte ja aber ohnehin schon auf den Heuschnupfen.
Wenigstens tröpfelt mein Leben sonst so vor mich hin. Ich freu mich etwas darauf, dass ich nachher wieder nach Augsburg fahre. Ich bin auch, überraschenderweise, etwas voller Vorfreude auf den Beginn des kommenden Semesters.
Was mir gestern Nacht einfiel: Stolz ist der Gegenpol zu Selbstbewußtsein. (der einem Menschen "eigene" Stolz, nicht der Stolz auf etwas)
Posted on 2009.03.24 at 20:12
Current Music: Biermösl Blosn - Bayern
Tags: zumheute, zumtag
Jedenfalls bin ich (neben einigem Anderen) nach wie vor vollauf damit beschäftigt - und dabei mir gar nicht mal sicher, ob ich am Donnerstag die Prüfung auch entsprechend bestehen werde. Die vier Tage die Woche schlauchen so ziemlich... ansonsten find ich keine Zeit für allerlei.
Jedoch, was sein musste, neben der AStA-Arbeit, ist dann doch ein bisschen die Vorbereitung für eine Gegendemo am 1. Mai. Ohnehin ne Sache, die gerade die letzten Jahre besonders zum Kotzen war. Vor allem eingedenk der Tatsache, dass er schon 1933 dazu diente, die Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai vorzubereiten und somit den möglichen Widerstand im Keim zu ersticken. Mit den bekannten Folgen. Kein Wunder, dass sie daran anknüpfen wollen...
Posted on 2009.03.12 at 20:32
Current Music: The Wolfe Tones - The Foggy Dew
Tags: zumheute, zumtag
Eigentlich wären ja jetzt Semesterferien. Amüsanterweise hab ich momentan so wenig Zeit wie nie und verbring soviel Zeit in der Uni wie bislang nur selten. Liegt daran, dass ich mir tatsächlich (fast) täglich diesen dämlichen Lateinkurs reinpfeife und insbesonders das Lernen daheim, das kostet noch weit mehr Zeit. Irgendwie auch nur mit mäßigen Fortschritten. Aber irgendwie ists auch allzuüblich, dass ich da viel zu viel Zeit aufwende beim Sprachen lernen. Vor allem die Grammatik will mir das Genick brechen.
Viel Zeit braucht auch grad meine AStA-Tätigkeit. Muss ich mal schauen, ob ich das bei Gelegenheit etwas herunterschrauben kann. Insbesonders die aktuelle Bearbeitung des geplanten neuen Landeshochschulgesetzes oder die Vorbereitungen zum Bildungsstreik im Juni u.a. frisst da Unmengen an Zeit. Auch wenns interessant und wichtig ist. Aber hin und wieder würd ich doch mal gern nen Tag lang nur was Lesen oder so ;o)
Posted on 2009.03.08 at 19:40
Current Music: Biermösl Blosn - Der Asylant
Tags: geschichte, handel, imperialismus, kolonialismus, lesenswert4
Rezension: Ludolf Pelizaeus - Der Kolonialismus. Geschichte der europäischen Expansion
Von Ludolf Pelizaeus ist im Oktober 2008 in der Reihe „marixwissen“ des Wiesbadener Marix Verlages und der Frankfurter Rundschau das Werk „Der Kolonialismus. Geschichte der europäischen Expansion“ zum Preis von fünf Euro erschienen. Vom Umfang her ist es zwar in dieser Wissensreihe an der Obergrenze, ansich sind 256 Seiten allerdings ein moderates Volumen und für das Thema eher knapp bemessen. Das merkt man auch an der Gestaltung des Buches. Die Inhaltsangabe sticht dadurch hervor, dass sie äußerst klein geduckt ist und auch die jeweiligen Ränder des Blocksatzes dehnen sich bedenklich nahe in Richtung der Blattränder aus. Auch durch die Einsparung allzuvieler, den Inhalt unterstreichende, Bildquellen konnte man den vorhandenen Platz möglichst effizient nutzen. Weniger gut erklärbar sind allerdings die zahlreichen Fehler im Buch, die auf mangelnde Sorgfalt des Verlages schließen lassen oder auch die uneinheitliche Gestaltung der Bibliographie; Nebenwirkungen des günstigen Preises für ein gebundenes Buch.
Das Buch ist in elf Kapitel und zahlreiche Unterkapitel gegliedert. Diese sehr starke Gliederung hinterlässt einen überwiegend positiven Eindruck, da sie das abschnittsweise Lesen erleichtert und es auch dem Leser ermöglicht bei Bedarf schnell und gezielt nach bestimmten Themen nachzuschlagen. Nicht überzeugend ist sie nur dann, wenn der Inhalt einzelner (Unter-)Kapitel so knapp gefasst ist, dass ein sinnvolles und erkenntnisförderndes Lesen so nicht möglich ist, aber eben die Auflistung als eigenes Kapitel suggeriert, dass eine genügende Überblicksdarstellung vorhanden ist. Ergänzt wird das Buch durch zwei thematische Weltkarten und eine Zeittafel. In Anbetracht des weiten Themas und mit dem Hintergrund des Anspruchs als Übersichtswerk, wäre es sinnvoll gewesen, dass man diese noch um weiteres, übersichtliches, Material ergänzt hätte: beispielsweise um Regionalkarten oder Regionalzeittafeln.
Dr. Ludolf Pelizaeus beginnt sein Buch mit einem relativ knapp gehaltenen, aber ausreichenden, Kapitel zur Definition und Begriffsklärung, was denn Kolonialismus ist. Sehr kurz werden die Kolonien der Antike und die Venedigs und Genuas im Mittelalter angesprochen um dann in einem weiteren Kapitel auf die Grundlagen für die europäische Überseeexpansion einzugehen. Im Folgenden kommt dann einer der innovativeren Aspekte für ein Überblickswert zum Tragen und der Autor geht auf den Kulturkontakt und die mediale Darstellung ein. Bereits hier findet sich ein überproportional großer Anteil zu Amerika. Zunächst beginnt er jedoch chronologisch mit der Expansion Portugals nach Afrika und Asien und erarbeitet daraus im regionalen Zugriff den weiteren Zugriff europäischer Mächte auf diese Kontinente bis zum Ende der frühen Neuzeit. Zu kritisieren sind in diesem Kapitel die mangelhafte Berücksichtigung der russischen Expansion. Dr. Ludolf Pelizaeus Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Geschichte der iberischen Halbinsel und die Geschichte Lateinamerikas. Diese Schwerpunktsetzung findet sich entsprechend auch im sechsten Kapitel „Amerika“, das dementsprechend am ausführlichsten ist. Begründet wird das durchaus schlüssig, mit der Vorreiterrolle die Amerika sowohl beim „kolonisiert werden“, wie auch beim „sich dekolonialisieren“ gespielt hat. Am stärksten gewichtet ist innerhalb dieses Kapitels Südamerika. Leider nicht illustriert, aber ansonsten sehr lesenswert gestaltet, ist das Kapitel zum Kulturtransfer, das man in gewisser Weise als Querschnittskapitel betrachten könnte, das es ermöglicht einen systematischen, und keinen regionalen, Zugriff anzuwenden. Die aufgezeigten Aspekte wurden andernorts vielfach vernachlässigt, wecken aber Verständnis für das, als modern bezeichnete, Phänomen der Globalisierung. Auch das Kapitel zur Dekolonisation Amerikas ist überzeugend und lassen die Bruchlinien zwischen den alten europäischen Gesellschaften und den neuen „amerikanischen“ Gesellschaften sichtbar werden. Die in den folgenden Kapiteln gezeigte Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert ist eindeutig nicht mehr Schwerpunkt des Buches und wird dementsprechend nicht mehr ganz so umfassend dargestellt. Sie ist aber in weiten Teilen sehr brauchbar.
Was positiv auffällt an dem Buch ist auch die Verwendung von vor allem zwei Quellensammlungen aus denen zahlreich zitiert wird. Die gut in den Text integrierten Quellen veranschaulichen überzeugend, als Originalton der jeweiligen Zeit, insbesonders die geistesgeschichtlichen und kulturellen Hintergründe.
Diese positiven Seiten können aber jedoch nicht über einige Lücken des Werkes hinwegtäuschen. So findet sich kaum etwas zur Expansion Russlands in Asien. Ebensowenig zur Erschließung Australiens und nahezu nichts zum Nahen Osten. Dagegen erscheint der Anteil deutscher Kolonialgeschichte überproportional groß zu sein, jedenfalls was den Umfang im Vergleich zur Bedeutung und anderen Staaten angeht. Es besteht also eine so nicht unbedingt sinnvolle Berücksichtigung des Erscheinungsortes des Buches.
Das Buch, auch als Teil der Wissensreihe, überzeugt trotz der beschränkten Möglichkeiten, und der daher fehlenden zusätzlichen Übersichten, Karten, Abbildungen und anderer für Einführungswerke überaus sinnvollen Dinge, durchaus und bietet einen überzeugenden Überblick über die Geschichte des Kolonialismus vor allem in Bezug auf Amerika. Diese Schwerpunktsetzung ist in Anbetracht der Darstellung dieses Kontinents als Schrittmacher sowohl in punkto Kolonisierung, wie auch Dekolonialisierung, nachvollziehbar und befördert durchaus das Verständnis. Auch der zweite Schwerpunkt, der sich auf die kulturellen Auswirkungen und Verbindungen bezieht, überzeugt und lässt erfolgreich auch die Kolonialismusgeschichte nicht als bloßes Aufeinanderfolgen von Ereignissen stehen, sondern stellt sie auch als zwischenkulturelle Entwicklungsprozesse dar.
Posted on 2009.02.25 at 16:45
Current Music: Perkele - No Shame!
Tags: brasilien, diktatur, eigentum, faschismus, hass, lesenswert4, liebe, opposition, streit
Eine gespannte Liebesbeziehung: Sie, Journalistin, jung, zielstrebig, Stadtmensch, er, zurückgezogen auf dem Land, verschlossen, einsamkeitsbetont, Haus und Garten pflegend. Eines Tages wird die morgendliche Ruhe nach einer Liebesnacht jäh aufgestört: Der Mann entdeckt, daß Blattschneiderameisen über Nacht ein Loch in die Hecke seines geliebten Gartens gefressen haben. Er gerät außer sich. Noch im Garten bricht zwischen ihm und der jungen Frau ein verbaler Krieg aus, in dem jeder den anderen aufs bitterste zu verletzen sucht. Außerhalb der schützenden Mauern des Hauses wird aus dem vermeintlichen Liebesspiel das schonungslose Herunterreißen aller Hüllen. Ein Wörterkampf, in dem die Faszination füreinander mitschwingt, der zugleich aber die rücksichtslose Abrechnung mit Wünschen, Träumen, Ansprüchen und Illusionen des anderen bedeutet und atemlos über die Seiten jagt, erst am Ende eines jeden Kapitels einen Punkt findet. (Klappentext)
Tatsächlich atemlos. Rasender, fließender Text, der geradezu schon für sich gewalttätig wirkt. Oder begierig. In dem Buch geradezu dasselbe. Denn der Sex der beiden lässt sich kaum von ihrer beiden Leben trennen, auch wenn er in gewisser Weise umgekehrt ist, zu den Aggressionen die der Mann nach der Zerstörung seiner Hecke entwickelt. Beinhaltet auch gewisse Andeutungen in Bezug auf die brasilianische Militärdiktatur in den 70er Jahren - in gewisser Weise stellt sich der Mann auf eine konservative Position, auf eine bewahrende, lethargische, bürgerliche und verachtet die oppositionelle Haltung der Frau, die sie neben ihrer Beziehung wohl auch hat, als opportunistisch und viel zu sehr auf das Regime konzentriert, das ihr quasi Leben bietet. Die Opposition, die sie auch darstellt, ist Teil des faschistischen Systems - nur die Führungskader sind andere Personen. Aber der Schwerpunkt liegt wohl eher auf der Beziehung und dem Kontrast zwischen Sex und Leben mit Außenwirkung. Die Explosionen bleiben im Normalfall in eben ersterem Teil. Gefallen tut es wohl vor allem sprachlich - schöne, eindrucksvolle, gewaltige Bilder.
und das fragte ich die Haushälterin mehr oder weniger gelassen wie jemand, der sich beinahe, aber nur beinahe beherrscht, andererseits war es auch nicht im geringste von Bedeutung, ob es nun so war oder nicht, mein Magen war selbst ein Ameisennest, und die Biester krabbelten mir bis in die Kehle hinauf, abgesehen davon zog ich schon jeden auf die Bühne, den ich in meiner Reichweite fand, es würde zwar nicht nach ihrem Geschmack sein, aber, sui generis, sollte ich doch eine Vorführung ohne Publikum geben[...](29)
(14u [losreissen]; 18 [vereinnahmen]; 24 [Gewalt gegen Ameisen], 24f [scheinheilige Konversation mit dem Volk?]; 27! [Magen, Ameisennest]; 29 [der reinste Faschist]; 36 [unabhängiges Denken]; 39 [Kontrast Beruf/Privates]; 42 [Täter]; 45 [gleichgültig]; 49 [Chefredakteur = Polizeichef]; 51 [Aufstand wäre nur Machtwechsel der Führungsschicht]; 54 ["Ich", der...]; 56f [Beleidigungen: Faschist, Transe,...]; 57 [in der Art faschistisch; dem was sie anprangert])
Posted on 2009.02.23 at 20:56
Current Music: John Holt - Let the wicked run away
Tags: judentum, jüdisch, lesenswert4, shoa, ukraine, usa
Ein junger amerikanischer Jude (das namensgleiche Pedant zum tatsächlichen Autor) reist in die Ukraine um etwas über die eigene Vergangenheit herauszufinden. Und um die Frau zu finden, der sein Großvater sein Leben verdankt und somit ja auch seine Abkömmlinge. Zur Suche existiert aber nicht mehr als ein Photo und Name und ungefähre Lage des Schtetl, aus dem sein Großvater und seine und dessen Ahnen stammten. Organisiert wurde die Reise über ein Reiseunternehmen, das darauf spezialisiert ist: "Heritage Tours". Der Dolmetscher ist Alex, sein Englisch ist sichtlich schlecht und skurril, und der Fahrer dessen Großvater, die sich mit ihm gemeinsam auf die Suche machen - die so nicht von Erfolg gekrönt ist. Aber wenigstens eine Geschichte hervorbringt und das Leben von Alex und seiner Familie ändert.
Jedenfalls hat das Buch drei Ebenen: Den Reisebericht, das Märchen von Trachimbrod, die Briefe von Alex an Jonathan. Der Reisebericht handelt die drei Tage ab, die sie tatsächlich auch in der Ukraine sind. Der wirkt schön komisch durch die immer wieder auftretenden kulturellen Differenzen. Das zeigt sich beispielsweise in der Unvorstellbarkeit von Vegetarismus für Alex und alle anderen Ukrainer, die damit konfrontiert werden. Jedenfalls sind da wunderbar viele, kleine, Details eingebracht - die mich in Bezug auf Alex ein Stück weit an Borat erinnert haben. Das Märchen ist wohl der interessanteste Teil: in Anbetracht des völligen Fehlens einer Erinnerung an diese Stadt und auch nur an fundiertem Wissen über diese Stadt, ersetzt der Autor die Erinnerung durch eine fiktive, märchenhafte, magische Geschichte. Mit vielen Anlehnungen und Parallelen z.B. zu Isaac Bashevis Singer oder allgemein an die jüdische Kultur (613 Traurigkeiten); das Trauma der Vernichtung, die ja nicht nur die Auslöschung dieser Stadt war sondern ..., wird ein Stück weit gemildert, und somit auch transportierbar, durch die Umwandlung in diese märchenhafte Geschichte, die einem immer wieder ein Schmunzeln hervorlockt. Allerdings nicht mehr dann, als, da ist das Märchen dann nicht mehr Märchen, die Stadt zerstört und die Bevölkerung ausgelöscht wird. Die Kapitel dieses Märchens schickt Jonathan im Laufe des Schreibprozesses immer wieder an Alex - der kommentiert diese und beantwortet sie. Und erzählt über seine Familie und die Entwicklungen dabei. Interessant ist da beispielsweise die Geschichte seines Großvaters, die sich nur gleichermaßen aus dem Reisebericht und seinen Briefen ergibt. Seine Mitschuld am Tod des besten Freundes, eines Juden, die erst durch diesen Besuch und diese Suche wieder aus der Verdrängung hervorbricht, raubt ihm das Dasein (ursprünglich hatte ich ihn ja, anhand einiger Andeutungen, ja beispielsweise für einen Angehörigen der "Ukrainischen Befreiungsarmee" bzw. der entsprechenden SS-Division gehalten).
Während Jonathan am Rande der Geschichte bleibt und sich nicht sichtlich entwickelt, so zeigt sich in Alex, der ursprünglich, wenn auch auf eine ungeschickte Art, machohaft wirkte (wie gesagt: erinnerte mich an Borat), eine Entwicklung hin zum tief fühlenden, liebenden, familienbewußten Menschen. Er scheint sich somit in gewisser Weise dem Autor anzunähern - gerade auch mit der Kenntnis um die Vergangenheit, die ihm bewußt wird. Das wird noch dadurch unterstrichen, dass er es wagt sich zu offenbaren und Jonathan gegenüber seinen Schutzwall aufzugeben. Das zeigt sich auch in den Briefen: so unterschreibt er den letzten denn mit "In Liebe" statt mit dem, für ihn üblichen, skurril wirkenden "Redlich".
Eine interessante Herangehensweise ist es jedenfalls; mit diesem wunderbaren Humor auch genußvoll zu lesen. Als störend habe ich dennoch den teilweise allzu platten Humor gefunden, der manchmal einfach etwas gezwungen wurde. Man muss eben doch vorher nochmal lachen, bevor die Vernichtung kommt. Anderseits wirkte gerade das teilweise so skurril, so absurd - ich denke da beispielsweise an die Erzählungen über den sexuellen Erfolg von Jonathans Großvater, den er dank eines toten Armes hatte - dass damit ein Stück weit eben der Unbegreifbarkeit entsprochen wird.
(22 [Verhältnis Welt/Religion]; 46 [Liebe/Geld]; 65 [Umgang mit Kind]; 68 [Moderne Gedanken? Sex, Eifersucht im 18. Jhd.]; 109 [Im Krieg getan?]; 115 [613 (!) Traurigkeiten]; 118 [Kein überzeugender Grund um zu Leben]; 130 [Erste Vergewaltigung]; 153 [Judenhörner]; 181 [Kreissägeblatt]; 237 [verkrüppelter Arm]; 243 [Definition Liebe]; 263 [Spuckn]; 267 [Denkmal]; 283 [Der Roman]; 319 (!) [Bester Freund]; 336 [Liebe; Wahrhaftigkeit]; 339 ["In Liebe"]; 374f [Tradition gegen Krieg])
Posted on 2009.02.19 at 12:17
Current Music: Elephant Man - Me like it
Tags: berlin, brd, ddr, lesenswert4, osten
Bernd Willenbrock ist Gebrauchtwagenhändler, in der DDR war er noch Ingenieur, im Berlin der 90er Jahre. Er lebt gut, ist passionierter Handballer in einer standesgemäßen Hobbyhandballmannschaft, kann ordentlich deutlich jüngere Frauen flachlegen, die er als Kundinnen kennenlernt, hat ein schönes Landhaus fürs Wochenende und eine Frau die er sehr liebt und ihr als Hobby eine Boutique finanziert. Er steht auch altersmäßig noch in bester Manneskraft. Irgendwann wird aber seine Gebrauchtwarenhandlung Ziel eines Diebeszuges, er kündigt die Versicherung und engagiert eine Wache. Nicht ganz erfolgreich, denn sein Geschäft wird trotz Wache erneut überfallen. Auch er wird, mit seiner Frau, im Landhaus Ziel eines Überfalls, schafft es aber die Räuber in die Flucht zu schlagen und ist sehr unzufrieden damit, dass Verdächtige einfach abgeschoben und nicht verurteilt werden. Im Zuge des nun notwendigen Selbstschutzes lässt er sich von einem russischen Stammkunden eine ordentliche Waffe geben, die er dann auch gegen einen Dieb, der es auf sein Auto abgesehen hat, nutzen kann.
Eigentlich könnte man den Roman ja als eine etwas langatmige Erfolgsgeschichte über einen im bundesdeutschen Kapitalismus erfolgreich angekommenen DDR-Bürger sehen, der mit seiner Vergangenheit abgerechnet hat und jetzt selbstbewußter Kleinbürger ("Mittelständler") ist, der unter der mangelnden Sicherheitsgarantie des Staates, für den er Unmengen an Steuern zahlt, leidet und von Räuberhorden aus dem Osten heimgesucht wird.
Ich seh da eigentlich viel mehr darin. Zuerst die Verrohung im Kapitalismus, die Vermännlichung, der Machtgewinn. Erfolg, Sex und Sport drückt ja eher bescheidene Macht/Männlichkeit aus - die Gewalt, die Macht zum Zerstören, zum Töten bedeutet eine höhere Stufe, die so in der DDR nicht zu erreichen war. Die Fremdheit gegenüber dem neuen System findet sich noch in anderen Bereichen. So versucht Willenbrock immer betont kameradschaftlich und jovial gegenüber seinem polnischen Angestellten zu sein. Schämt sich aber dafür, dass er ihn ausgesperrt hat, weil er mit der Waffe spielt. Willenbrock wird laut, aggressiv, cholerisch, als sein neues Autohaus nicht so schnell fertig wird, wie er sich das wünscht. Und schämt sich dafür. Und trotz dieser alten Lasten dringt das neue Bewußtsein (denn das Sein schafft ja nun das Bewußtsein) immer weiter vor, breitet sich immer weiter aus. Und es ist Angst und Machtbewußtsein. Äußerlich dann repräsentiert durch die Waffe, mit der er immer öfter spielt und für die er immer mehr kauft und sorgt. Die gewissermaßen das Abbild seines neuen Selbst wird, sein neuer Gott.
Hässliches Nebenprodukt sind die Ressentiments, die auch einen Willenbrock erreichen müssen. So überfordert den Kleinbürger die Transnationalisierung, so wird eben zurückgegriffen auf das alte Bild des Feindes, der aus dem Osten kommt. Willenbrocks halbherziger Widerspruch gegenüber dem Handwerker, der fand, dass unterm Adolf ja nicht alles schlecht war, der bewahrt ihn nicht so ganz vor der Infektion durch dieses schleichende Gift der Angst, der Verlustangst - denn nur wer hat, der kann auch verlieren.
Das wiederum führt auch zur DDR und einen für ihn relevanten Unterschied zurück. Die Fürsorge der DDR, die (normalen) Berichte über ihn, die gaben ihm eine Sicherheit und vor allem eine Bedeutung, die ihm jetzt fehlt. Schließlich behandelt ihn die Polizei nachrangig und so auch die Staatsanwaltschaft. Er wird unbedeutend gemacht - während er in der DDR noch aus dem Segelflugverein wegen seines Bruders geworfen wurde und wegen des "heimlichen" Treffens mit ihm auch nicht ins Ausland reisen durfte.
Dafür verantwortlich war der Kollege, der, nach eigener, unwidersprochener, Aussage dafür verantwortlich war die Berichte zu schreiben. Die betonte Gleichgültigkeit die er mit Bezug auf ihn anfangs noch zeigt, die wandelt sich in eine intensive Abneigung (parallel zur Männlichkeits-/Machtentwicklung mit der Waffe) und resultiert dann in einem körperlichen Angriff (und weitergeschrieben, weiterentwickelt, hätte er ihn auch erschiessen können. Wenn das nicht so hoffnungslos überreagiert wäre und das nicht einen Ausbruch aus der Normalität, des Realismus des Buches, bedeutet hätte). Gewissermaßen auch Ausdruck des Hasses auf die eigene Vergangenheit, auf den schwachen Willenbrock. Kein Verzeihen.
Ein bewußtes Aufnehmen dieser Konflikte hindert einen recht erfolgreich daran, dass man das Buch als allzu langatmig wahrnimmt. Denn sensationeller literarischer Funkenflug fehlt. Es scheint eher düstere Realität zu sein. Da spukt einem auch das Bedrohungsszenario der "Asiatisierung" Russlands im Kopf herum und die Gefahr der möglichen Ausbreitung auf das bislang erfolgreiche bundesrepublikanische Deutschland. Der Verfall der Jugend, geradezu die Perspektivlosigkeit - so jedenfalls zu finden im in Polen lebenden Sohn seines polnischen Angestellten. Vollauf empfehlenswert, auch wenn der Funke nur allzu schwer auf einen selbst überspringt.
(24 [Gene -> Triebhaft]; 46! [Russland von Asien geprägt]; 47 [Stalin Priesterschüler]; 85 [Provokationslust]; 98! [zu welchem Geheimdienst]; 107 [Spitzel]; 118 [Hund abhacken]; 172 [nie wieder sicher]; 225 ["die besseren Menschen"]; 236 [unter Adolf]; 249 [Unverständnis]; 263 [Eigentum aufgenötigt]; 281 [Waffe in der Tasche]; 285 [Kontrollsucht]; 312 [Leben verändert durch Waffe])
Posted on 2009.02.18 at 03:10
Current Music: Pilfers - Shits up in the air
Tags: israel, politik, test, wahlen
...und ich mich hier regelrecht eingeschneit fühle: In Israel hätte ich (gar nicht überraschend) die Hadash gewählt. Auch wenns nur so nen minimaler Ausschnitt ist, so sind doch so Tests wie
http://israel.kieskompas.nl/ immer mal wieder nen netter Zeitvertreib.
Posted on 2009.02.15 at 21:45
Current Music: Bob & Marcia - Young, gifted and black
Tags: einsamkeit, kommunikation, kontakt, zumtag
...quasi vorbei. So langsam dürfte ich mich auch eingelebt haben. Auch wenn da noch das Eine oder Andere fehlt. Ne Schafkopfrunde beispielsweise. Ich kann zwar mittlerweile dieses nordische "Doppelkopf"-Spiel so halbwegs, aber das entspricht wohl nicht ganz meiner Veranlagung (und Sprache. Wie schöne wäre es normal reden zu können - und die Anderen sprechen ebenso), die sicherlich auch wiederum "nur" Resultat meiner Erziehung ist. Es fehlen auch noch andere Sachen - aber die hatte ich in Augsburg teilweise ja auch nicht. Sich das perfekte Leben zu basteln geht einfach nicht so; ein Stück weit gekünstelt, auch einsam, bleibt man trotzdem.
Bestanden ist wenigstens die Englische Quellenübersetzung - die war ja auch maßlos enttäuschend; viel zu sehr wurde sich da auf die Übersetzung konzentriert, dabei hätte man auf der Grundlage dieses Erzreaktionärs Burke auch mal inhaltlich zur französischen Revolution arbeiten können. Schon erschreckend, dass man selbst in solchen Sachen die kaum- bis nicht-vorhandene "kritische Wissenschaft" vermisst.
Von dem unsäglichen Latein-Kurs ganz zu schweigen. Aber da kann man es wohl auch nicht erwarten. Ich erwarte es jedenfalls nicht ;o)
Ansonsten: ich bin gestern wieder zurück nach Augsburg gefahren. Es wird immer seltsamer hier - und sogar ein Stück weit fremder. Ich fand sogar schon das Augsburger Wetter komisch, auch der Anblick von so viel Schnee war irgendwo seltsam geworden. Jedenfalls war Party in der alten Schule - da waren dann auch, wenig überraschend, viele mit denen man so sein Abitur gemacht hat. Viel zu viel Small-Talk, viel zu wenig ausgiebigere Gespräche - aber das war auch wieder nicht anders zu erwarten. Aber ich bin ja eher zu faul für Kontaktpflege. Nichtssagende, kontakterhaltende, Maßnahmen liegen mir leider so gut wie gar nicht. Die "Generation SMS" ging da an mir vorbei - konnte mich auch nie mit nem Telefon anfreunden. Habs eher so mit dem persönlichen Gespräch - am besten spontan und ungezwungen/gemütlich bei nem Bier. Aber Schade ist das in gewisser Weise schon - denn so geht Kontakt verloren; Zeit nehmen will man sich für ne normale Unterhaltung allzu häufig ja doch nicht (bzw. die muss man heutzutage ja auch vorher fast ausmachen; die können sich auch nicht mehr einfach so ergeben? Kommt meiner spontanen Art nicht so ganz entgegen - ich sag ja bevorzugt gar niemandem vorher Bescheid, was ich denn nun machen werde... in Augsburg noch weniger als in Mainz.)
Posted on 2009.02.08 at 00:58
Current Music: Dennis Brown - Love Grows
Tags: privat, zumheute, zumtag
...mich mehr um Sachen kümmern.
Es steht beispielsweise immer noch an, dass ich mir evtl. eine WG suche. Aber mal abgesehen davon, dass ich da eh skeptisch bin (warum sollte jemand aus vielen Bewerbern mich wählen, der ich im Normalfall doch eher anders bin als so viele und anfänglich ohnehin nicht übermäßig kommunikativ?) und da ansich darauf hoffe, dass sich da im Bekanntenkreis ne Möglichkeit eröffnet; es hängt auch damit zusammen, dass ich einfach zu "faul" bin um bei x-Leuten anzurufen (zugegeben: ich kann das Telefonieren nicht ausstehen).
Ich sollte zu nem Arzt gehen. Jedenfalls wenn ich so krank bin, dass ich kaum aus dem Bett komme und mir schier die Lunge aus dem Leib huste; dazu noch Fieber. Dafür sammelt sich ein großer Haufen an Teebeuteln auf nem Teller. Ich möchte damit den Turm zu Babel neu errichten.
Relevant wäre auch, dass ich mich mehr um meine sozialen Kontakte kümmere. Nach fast 5 Monaten habe ich festgestellt, dass es mir nach wie vor an sowas wir ner Stammkneipe fehlt. Oder auch nur an Leuten, mit denen ich regelmäßig - außerhalb der Uni - etwas mache. Liegt sicherlich an meinem Geschmack. Oder am mangelnden Angebot. Oder am Alter. Oder an was auch immer. Bisweilen ist das jedenfalls ärgerlich.
Auch nen unverkrampfterer Umgang mit manchen Mitmenschen wäre sinnvoll; aber wenigstens das gelingt mir ansatzweise ganz gut.
Mir klar darüber werden, dass ich wohl auch in Zukunft kaum gleichaltrige und gleichsemestrige Kommilitionen finden werde. Klingt eigentlich banal, aber das ist tatsächlich nen durchaus bemerkenswertes Problem. Es ist schwer ähnliche/gleiche Interessen mit Leuten zu finden, die sechs, sieben Jahre jünger sind. Dass sich das in irgendeinem Maße während meines Studiums ändern wird ist zu bezweifeln - gerade in Zeiten des unsäglich verschulten Bachelor/Master Studiums. Insofern wird sich dieses Problem wohl kaum auflösen - eher noch verschlimmern. Zur Zeit sind jedenfalls wenigstens noch nen paar höhersemestrige, und eigentlich kenne ich fast nur solche etwas näher, im halbwegs gleichen Alter, wie ich das bin. Eigentlich etwas deprimierende Aussichten.
Mich fragen was die richtige Geschwindigkeit ist um sich nicht aufzudrängen. Oder diese Frage abstellen und aufhören die eigenen Maßstäbe auf andere zu übertragen.
Posted on 2009.02.07 at 22:46
Current Music: Laurel Aitken - Skinhead Train
Tags: afrika, lesenswert4, präsident. biographie, usa
Seit er seine Kandidatur für das Amt des amerikanischen Präsidenten angemeldet hat, begeistert Barack Obama die Menschen: Mit ihm würde ein junger, schwarzer, Demokrat ins Weiße Haus einziehen, der eine neue, faire Außenpolitik verspricht und für eine gerechte Gesellschaft kämpfen will. Aus seinem Munde klingen solche Ankündigungen glaubwürdig, denn er hat die Welt von allen Seiten kennengelernt – und darüber ein Buch geschrieben. Sein Vater kehrte nach kenia zurück, als Barack noch ein kleines Kind war. Die Mutter zog mit ihm nach Indonesien, wo er unter ärmlichen Verhältnissen lebte. Als Jugendlicher zurück in den USA, musste Barack erleben, wie er wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wurde. Diese Erfahrungen der Erniedrigung weckten seinen Ehrgeiz, der ihm zunächst eine glänzende juristische Laufbahn in Harvard eröffnete und dann seinen furiosen Aufstieg als Politiker begründete. Wie kein anderer konnte er Wähler mobilisieren, die sich schon längst enttäuscht von der Politik abgewandt hatten. Wer nun die Geschichte seiner Familie liest, spürt nach wenigen Seiten, dass in diesem Obama auch ein begnadeter Erzähler steckt. Sein Buch muss den Vergleich mit anderen großen Familienromanen nicht scheuen – und sein Autor hat eine große politische Zukunft, egal, wie die Wahlen ausgehen werden.
Aufgeteilt ist das Buch in drei Kapitel; die Kindheits- und Jugendgeschichte (tlw.aufgewachsen im Indonesien Suhartos), das College auf Hawaii und das erste Studium in Kalifornien, dem dann eine Fortsetzung in New York folgte und anschließend, im folgenden Kapitel, seine Sozialarbeit in Chicago. Im dritten Kapitel geht’s dann um die Familienwurzeln in Kenia. Das Ganze ist autobiographisch und dementsprechend gut sieht er auch aus. Ansich interessant und gerade in Hinblick auf den „Rassenaspekt“ auch ein nützliches Buch, ebenso um die Bedeutung kirchlichen Lebens in den USA zu begreifen und vor allem auch um den Zerfall nach bedeutenden Deindustrialisierungsprozessen zu verdeutlichen. Das Buch macht Obama zu jemandem, der sich in der Vergangenheit sozial durchaus engagiert hat und jedenfalls einen interessanten Lebensweg hinter sich hat.
Allzuviel Aktuelles ergibt sich da aber nicht – abgesehen von der überaus authentischen Opposition gegen die Rassendiskriminierung – das Soziale bleibt eher Wunsch, denn Programm oder konkrete Vorstellung. Und vor allem, was das Wichtigste ist, das Buch ist schon etliche Jahre alt. Menschen ändern sich ja bekanntlich – Otto Schily oder Gerhard Schröder waren auch schon mal korrektere Jungens als sie jetzt sind.
Interessant auch der letzte Part – die Heimat in Afrika, die Wurzeln finden. Die Problematik des Kolonialismus wird erkennbar und vor allem auch diesbezüglich ein interessanter Aspekt: es gibt keine „Heimkehr“ mehr nach Afrika, wie sie ja in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts noch überaus relevant war. Obama ignoriert diese Thematik nicht, sondern setzt sich durchaus mit der Idee auseinander.
“Diese Sehnsucht nach einer heilen Vergangenheit kann man den schwarzen Amerikanern natürlich nicht verdenken. Nach all dem Leid, das ihnen angetan wurde und noch immer angetan wird. Andere haben dieses Bedürfnis ja auch. Nehmen wir nur die Europäer. Die Deutschen, die Engländer, sie alle berufen sich auf die Antike als Fundament der abendländischen Kultur, obwohl ihre Vorfahren so viel zur Zerstörung dieser Kultur beigetragen haben.[...]“ (435)
Dieser letzte Aspekt zeigt eigentlich auf, in welche Richtung sich das ganze Buch (und auch Obamas Leben) entwickelt. Gerade das macht z.B. die sehr seltsame Übersetzung des Titels in „Ein amerikanischer Traum“ regelrecht absurd, denn darum geht es nunmal nicht. Das Buch hinterlässt mich jedenfalls zwiegespalten - die Idee ist zwar interessant, jedoch zu wenig herausgearbeitet - auf der anderen Seite wirkt es etwas dahingehend konstruiert. Aufschlüsse über den neuen US-Präsidenten gibt das Ganze nur in sehr bescheidenem Maße.
(47 [gebleicht]; 59 [Sukarno; vgl. Lumumba]; 65 [Korruption]; 100 [struktureller Rassismus]; 106 [Grund zu hassen]; 112 ["Black Power" veraltet]; 114f. [Skepsis der Mischl.]; 153 [Spaltungen -> Exzesse]; 187o [Joint]; 196u [Kapitalismus]; 210 [Schwarzer Rassismus?]; 221 [Deutsche liberal]; 268 [Erziehungssystem]; 280 [Notwendigkeit u. Ordnung]; 284 [Entschluss zu gehen]; 285 ["Wahlversprechen"]; 295 [Obama -> Washington?]; 321 [Hure Afrikas]; 322 [Uhuru]; 370 [Familie, Verrückte?]; 378 [Bedrohung in Afrika -> Fremdheit]; 386 [Armut kein Mangel?]; 400 [Eine große Familie]; 402f. [Kolonialisierung]; 425 [Leere]; 435 [kein Romantisieren Afrikas])
Posted on 2009.01.31 at 17:36
Current Music: Skavoovie & The Epitones - Cat Juice
Tags: irak, zumheute
Irgendwie stolper ich gerade über die ganzen Yahoo-News zu den Regionalwahlen im Irak. Soldaten schiessen in die Luft und treffen dabei Menschen, ein Wähler wird erschossen weil er nen Handy dabei hatte, über eine Million Soldaten und Polizisten stehen vor und um die 6500 Wahllokale...
... und das soll ne freie Wahl sein? Absurd. Vermutlich sind ja aber alle Wahlen frei, bei denen jemand gewählt wird, den man toll findet. Aber vermutlich sind auch Polizisten und Militär keinerlei Bedrohung, sondern nur dazu da, dass man sich sicher fühlt. Zum Glück ist der eroberte und besetzte Irak ja kein Feind der NATO mehr, sonst würde jetzt wohl ne Invasion anstehen.
Posted on 2009.01.31 at 13:04
Current Music: Rico Rodroguez - Tribute to Don Drummond
Tags: algerien, frankreich, kapitalismus, kolonialismus, lesenswert4, mauritius, mexiko, nobelpreis, revolution
Nizza in den 1950er Jahren. Der fünfzehnjährige Jean Marro besucht oft seine blinde alte Tante Catherine, die ihm Geschichten von der Insel Mauritius erzählt, dem verlorenen Paradies der Marros. Tante Catherine ist für Jean der Schlüssel zu einer lebendigen Vergangenheit, die Verbindung zu dem Bretonen Jean Eus Marro, der nach der Französischen Revolution an der Kanonade von Valmy teilnahm und später nach Mauritius auswanderte. Jeans Gegenwart ist geprägt vom Algerienkrieg, der Frankreich erschüttert. Er flüchtet nach London, um Medizin zu studieren, zieht ruhelos weiter nach Mexiko, wo er 1968 die Niederschlagung des Volksaufstands erlebt. Politische Revolutionen und private Revolten prägen sein Leben; jede Phase steht im Zeichen einer intensiven Liebesbeziehung. Ruhe findet er erst bei der Algerierin Mariam, mit der er nach Mauritius fährt.
Revolutionen ist Le Clézios persönlichstes Buch. Nizza, London, Mexiko, Mauritius sind Stationen seines Lebens. Jean Marro ist sein fiktionales Alter Ego. Das Widerspiel der verschiedenen Epochen, die wechselseitige Spiegelung der Charaktere und die klare, poetische Sprache machen den Roman zu einem großen Leseerlebnis.
Eigentlich könnte ich ja fast immer darauf wetten, dass ich zu meinem Geburtstag den aktuellsten Literatur-Nobelpreisträger geschenkt bekomme. Jedenfalls war das letztes Jahr auch mal wieder der Fall. In der Tat hat sich da auch das glückliche Händchen meiner Verwandschaft mütterlicherseits gezeigt (ich hatte das Buch nämlich ursprünglich zweimal bekommen, sowohl von meiner Großmutter wie auch von meiner Mutter).
Der Umschlagtext weist ja eigentlich schon darauf hin - ein Aspekt des Buches sind die Revolutionen. Gleich ob es jetzt tatsächliche sind, niedergeschlagene oder innerliche. Es wird in der Familiengeschichte der "Marros" umgewälzt - zuerst die französische Revolution, die enttäuscht, denn sie verrät ihre Ideale. In dieser Enttäuschung verharrt auch sein später Nachkomme, auch Jean, der sich 1968 nicht anschließt. Sondern verharrt, abwartet und gewissermaßen sich gegenüber im Unklaren bleibt bei den eigenen Lebenszielen - dennoch prägen ihn die Ereignisse in Mexiko soweit, dass er zumindest sich über sein persönliches Glück (oder zumindest die Linderung des Unglücks) klarer wird. Trotz Passivität, die immer und immer wieder nur Dokumentation und (innere) Stellungnahme zulässt, die aber jegliches Eingreifen verhindert. Eine fatalistische Haltung ist es so aber eben noch nicht, es bleibt eine Art Ohnmacht.
Besonders populär dürfte ja fast der "multikulturelle" Aspekt des Buches sein - durch die Umwälzungen der Industrialisierung und der Zerstörung ursprünglicherer Wirtschaftskreisläufe, der Revolutionen, des Kolonialismus und der Dekolonialisierung steckt in der Lebensgeschichte von vielen ein Stück Migration. Bei Clezió wirkt das bereichernd - allein durch die Geschichten, die zu erzählen und zu erfahren sind. Tiefer gegriffen geht es weniger um den gegenwärtigen Zustand, sondern um die Sehnsucht nach festen Bezugspunkten, die aus einer (immer) leidvollen Entwurzelung erwächst. Es geht um die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt und Umgebung in die ihn die kapitalistische (in vielerlei Hinsichten) Gesellschaft zwingt. Unter diesem Aspekt sind die Parallelen der Migration aus der Bretagne (die aufgrund der "vorsätzlich" rückständig gehaltenen Wirtschaft dieser Region eine lange Tradition hat) seiner Familie, die Flucht von Indigenen aus Mexiko in die USA, die Flucht vor Kriegsdienst aus Frankreich, die Verschleppung von Schwarzen als Sklaven nach Mauritius, die Migration aus Algerien nach Frankreich u.a. vergleichbar und ähnlich verständlich. Auch wenn er natürlich - wie selbstverständlich - die Lebensumstände nicht gleichsetzt, sondern sie durch die individuelle Darstellung durchaus differenziert darstellt.
Auch wenn die industrielle Verwertung der Umwelt das in gewissem Maße überschattet, so bricht nach der fortlaufenden Auseinandersetzung mit der eigenen und fremden Vergangenheit doch der "neue Jean" hervor. Er konfrontiert sich selbst mit der eigenen Herkunft, besucht auf Mauritius, sucht und sucht zu verstehen. Er findet sein Glück in seiner Frau, leistet doch noch Militärdienst (allerdings ohne Krieg) um eben die Ruhe des "bürgerlichen Lebens" (so kann man es verstehen) doch noch zu erreichen.
Sprachlich gefällt das Buch auch - durch die tagebuchartigen Aufzeichnungen wird es persönlich genug um Schicksale nachvollziehen zu können; noch besser ist nur Jeans "Kristallbuch" mit den "Verlustmeldungen" des Algerienkrieges. Durch diese Distanziertheit wird die Monstrosität des Krieges, die vernichtende aber unbegreifliche Gewalt deutlich. Wie kann man auch ohnmächtiger sein als die Zahlen so wahrzunehmen, zu notieren, nebeneinander zu stellen und zu sammeln? Durchaus eindrucksvoll. Jedenfalls neben den persönlichen Kriegsschilderungen.
Jean zitterte. Er war sich wohl gerade darüber klar geworden, dass der junge Araber, für den er eben solchen Hass empfunden hatte, niemand anders war als der große dunkelhäutige Typ, dessen Hände im Rücken mit Draht zusammengebunden und dessen Hosentaschen nach außen gekehrt worden waren, derselbe Typ, den der Freund von Kernés an der Leine über den Hang in die Schlucht hinabgezerrt hatte, wo er erschossen wurde. (215)
(21 [nach Mauritius]; 25 [Blindheit]; 31 [Gefühl der Blindheit verschaffen -> hören]; 32o [Kolonialismus]; 41 [Wie ertragen? Lehrerdasein]; 55 [Ziel der Revolution]; 60f. [Hunger treibt zur Armee]; 76 ["Wahre Patrioten" hätten geteilt]; 98f. ["In die Ferne"]; 104 [Das Rad]; 111 [Drache verschlingt Vergangenheit]; 129o [krieg auf der Lauer]; 135 [unbekannte Folgen]; 140 [Tagebuch Algerienkrieg]; 146 [Mittelmeer]; 168 [nie getrennt]; 173 [Was bringt Zukunft?]; 174f. [Anti-Bretonisch; franz. Minderheitenpolitik]; 180 [Die Revolution hat Verraten]; 196 [Sinn, wenn Menschen sterben]; 205 [verbranntes Fleisch]; 211 [Zittern seit Krieg]; 215 [Der Typ]; 230-34 [Marron]; 239 [Das Leben kein Roman]; 251 [polit. Haltung der Tante]; 273f. [Liebe als Möbelstück]; 282 [von neuem Leben]; 320 [Macht/Schönheit]; 379 [sehr alt 26/18]; 405 [Der Geruch nach Krieg]; 410 [Das Rad dreht sich, der Wind...]; 426 [Namen der Verg.]; 444 [Was willst du?]; 469 [im Slum; Baby von Ratten]; 477 [Studentenrevolte]; 482 [feine Gesellschaft dazu]; 488ff. [Massaker wie Conquistadoren?]; 500ff. [Ins Joch gespannte Gefangene]; 523 [Leute auf der Straße]; 527 [nackt, frei, Liebe])
Posted on 2009.01.31 at 01:52
Current Music: Jackie Opel - Push Wood
Tags: zumheute, zumtag
Weils gestern war und mich immer noch beschäftigt.
Nachdem am Donnerstag das allwöchentliche AStA-Plenum war (hauptsächlich zum Haushalt für das gegenwärtige Jahr) wurde da auch die "Kennenlernfahrt" diskutiert. Diesbezüglich gab es die Verpflegung zu diskutieren, da die Vorsitzende den Vorschlag eingebracht hatte, ob man nicht an dem Wochenende (aus diversen Gründen) "vegan" sein möchte. Als Alternativantrag gab es dann den Vorschlag sich vegetarisch zu ernähren oder eben "normal" - bzw. mit dem Vorsatz möglichst auf Fleisch zu verzichten.
Nachdem das erste Meinungsbild 6/6/4 ergab (letzteres waren explizit Männer, inkl. mir) hatte ich den, von mir erst zu diesem Zeitpunkt realisierten, m.E. unlogischen Abstimmungsmodus kritisiert (nicht vom weitestgehenden Antrag, d.h. der weitestgehenden Einschränkung herunter abstimmend, sondern parallel als "gleichberechtigte Alternativen" - was die nicht im Antrag enthaltene, aber eigentlich "normale" Lösung von keiner Einschränkung ausschloß).
[erster Punkt zur Selbstreflexion: war das tatsächlich meine Verärgerung über den Abstimmungsmodus oder die, wie ich mal annehme, dass andere das aufgefasst haben, Verärgerung über das Abstimmungsergebnis? Da bin ich mir aber relativ sicher, dass es das erste war]
Bei der Folgeabstimmung ging es dann um die Entscheidung zwischen vegan und vegetarisch. Einer der "Fleischesser" hat sich umentschieden und für vegetarisch votiert, der Rest (inkl. mir) sich enthalten.
[- wars mir egal? Traf sicherlich auch im ersten Moment zu.
- wars eine Protestabstimmung gegen die Verfahrensweise?
- gings indirekt um die Blockade dieser Abstimmung (die vorhanden gewesen wäre, wenn nicht der Eine da dafür gestimmt hätte)
- wars ein Männlichkeitsbeweis/typisches männliches Verhalten?]
Eventuell hätte ich ja ne "persönliche Erklärung" abgeben sollen. Rückblickend bin ich jedenfalls mit meiner Entscheidung unzufrieden, gleich wie die nun konkret interpretiert wurde/werden kann. Wenn es mir gleich gewesen wäre, dann hätte ich mich - theoretisch jedenfalls - auch für "vegan" stimmen können. Wenns jemand wichtig genug ist um dazu einen Antrag zu stellen (nur als Randnotiz: es ist von keinem Mitglied des AStA bekannt, dass er/sie vegan ist). Anderseits ärgert mich diese Entscheidung ja auch generell. Ich habs nicht so gern, wenn man gegen mich darüber bestimmt, was ich zu Essen habe oder auch nicht. Dieser Zwang wird auch nicht durch eine pseudo-demokratische Entscheidung besser. Wahrscheinlich sollte ich das Thema einfach sein lassen und mir, so wie mit anderen mal kurz angesprochen, einfach etwas Grillfleisch mitnehmen (je nach Wetter und Ort) oder anderes - auf das ich dann eben Lust habe. Ich merke jedenfalls den Widerspruch in mir, der mich schon immer überkam, wenn irgendjemand von mir fordert. Hmm.
Posted on 2009.01.30 at 23:59
Current Music: Conroy Smith & Asman - Come Down
Tags: griechenland, lesenswert4, literatur, theorie, uni
"Inwieweit gibt es wirklich >weibliches< Schreiben? Insoweit Frauen aus historischen und biologischen Gründen eine andere Wirklichkeit erleben als Männer... Insoweit sie aufhören, sich an dem Versuch abzuarbeiten, sich in die herrschenden Wahnsysteme zu integrieren. Insoweit sie, schreibend und lebend, auf Autonomie aus sind."
Der Versuch aus einem >weiblichen< Weltbild eine neue >weibliche< Ästhethik abzuleiten, steht am Ende von Christa Wolfs Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Ihr Beginn beschreibt den Aufbruch zu einer Griechenlandreise, der, infolge einer unerwarteten Flugverzögerung, begleitet ist von der Lektüre der "Orestie" des Aischylos. Eine Figur aus der Tragödientrilogie nimmt die Autorin sofort gefangen, besetzt sie, spielt ihr Stichworte und Schlüsselsätze zu, löst immer mehr Fragen aus: Kassandra, die Seherin, die Prophetin des Untergangs, die niemand hören wollte.
Keine Literaturtheorie wird von uns ausgebreitet, vielmehr werden wir Zeuge der Entstehung eines poetischen Motivs, eines Arbeitsprozesses, bei dem sich Anregungen und Eindrücke, Überlegungen und Einfälle im Kopf der Autorin allmählich zu einer Erzählung verdichten; im Laufe dessen aber auch ihr >Seh-Raster<, wie Christa Wolf sagt, sich entscheidend verändert, vergleichbar nur den Folgen ihrer ersten Marx-Lektüre Jahrzehnte zuvor. Kassandra wird ihr zum Modell; die ursprünglich als Lehrstück gedachte Erzählung immer mehr zur Schlüsselerzählung, die, von gegenwärtiger Bedrohung ausgehend, auf den Zusammenhang von Krieg und Vatergesellschaft weist wie auf die Notwendigkeit einer neuen >weiblichen< Sicht.
Sehr interessant zu lesen (und sicherlich wäre es noch interessanter zu hören gewesen) ist jedenfalls das Konzept des Vorkriegs. In gewisser Weise spricht das natürlich, auf die damalige Gegenwart übertragen, von einer Krise des "Realsozialismus" - der sich ja eigentlich zum Ziel gesetzt hat Krieg zu beenden - unter dem Eindruck von der Afghanistan Krise und Rüstungswettlauf sind eben dort die Zweifel. In Konsequenz daraus wurden entsprechend einige Zahlen in der DDR-Ausgabe der Vorlesungen zensiert (Kassandra selbst jedoch nicht) - nämlich die zur Wiederaufrüstung. Man könnte diese schockierte Haltung, dieses verzweifelte Aufsträuben Einzelner als Beitrag zur Resignation, als Teil deterministischer Geschichte verstehen - und muss es wohl auch so verstehen, wenn man denn nicht begreift, dass die Logik des Denkens eine andere sein muss um aus Krieg und Rüstung aussteigen zu können. Dazu gehört ein Konzept der Machtnegation - das nur durch die Ohnmacht ansatzweise klar wird. In dem Aspekt wurde jedenfalls das Literaturverständnis durch die Vorlesungen wesentlich erhöht ;o)
Die waren auch eines der Bücher, die mich tatsächlich mal weitergebracht haben (hier jedenfalls in Hinblick auf die Geschichte des Feminismus, die war mir so allenfalls rudimentär bewusst). Diesbezüglich interessant ist jedenfalls auch die Abgrenzung, die Christa Wolf da selbst zieht: Jedoch bringt es der Fähigkeit zur Reife nicht näher, wenn an die Stelle des Männlichkeitswahns der Weiblichkeitswahn gesetzt wird und wenn die Errungenschaften vernünftigen Denkens, nur weil Männer sie hervorgebracht haben, von Frauen zugunsten einer Idealisierung vorrationaler Menschheitsetappen über Bord geworfen werden. Derlei könnte man analog bspw. auf das Verhalten Alice Schwarzers in Bezug auf Angela Merkel entsprechend verstehen - oder wäre das zu weit interpretiert?
Auch wenn es noch mehr Punkte gäbe - auch so waren die Vorlesungen schon sehr interessant zu lesen. Allein die Idee von den verschiedenen Teilen die diesem Werk ein Stück weit zugrundeliegen (Reisebericht, Werktagebuch, eher persönlicher Brief) machen die Idee von "Kassandra" jedenfalls begreiflicher. Und die mochte ich ohnehin sehr ;o)
(18 [Menschenschicksal]; 19 [Literatur/Verharmlosung]; 30 [immer noch fremd]; 37u [Die Liebsten]; 38/39 [Keine Wahl]; 72 [Wiederholung der Geschichte?]; 93 [Kriege sinnvoll?]; 95 [Marx & Griechen]; 107 [Hitler hat uns eingeholt]; 115 [Weiblichkeitswahn]; 116 [Autonomie]; 133 [Dreifaltigkeit der Antike]; 149u [zu Malina]; 154/155 [Die Weißen])
Posted on 2009.01.24 at 01:00
Current Music: Hannes Wader - Es zogen einst fünf wilde Schwäne
Tags: polizei, privat, staat, zumheute, zumtag
...fünf wilde Schwäne.
...allerdings nicht zum Stadion des FSV Mainz 05. Tatsächlich hatte ich da gestern meinen ersten "Arbeitstag". Neben der Sache, dass einem immer und immer wieder klargemacht wurde, dass es ne freiwillige Sache ist (die ist es auch) war es dann doch recht anstrengend. Ich hätte mir jedenfalls andere Schuhe (oder nen zweites Paar Socken) statt den Sambas anziehen sollen. Der Boden zog dann doch recht frisch herein. Erhebend waren nur die 35€ am Ende.
Bin dennoch skeptisch, ob ich wirklich so einen Job machen sollte und einen Ordnungsbegriff durchsetzen helfe, den ich nicht für sinnvoll erachte. Noch dazu, wo ich - das erste Mal im Leben - gewissermaßen dafür mitverantwortlich bin, dass jemand ne Anzeige bekommen hat. Nen 16-jähriger Junge der nen paar China-Böller ins Stadion schmuggeln wollte - beim Abtasten am Stadioneingang fand ich sie (warum tust du Idiot sie auch in deine Jackentasche?!) und eh ich mich versah, waren seine Personalien aufgenommen.
Von wegen Straftat.
Wäre ich jemals Polizist geworden, dann hätte ich mich wohl nur umbringen können. Diese Abneigung gegen jegliche rechtspositivistische Haltung zerreißt mich schier. Ob sich das jemals ändern wird? Zur Selbstdisziplinierung dort bleiben? Oder einfach "nichts mehr finden" in Zukunft?
Posted on 2009.01.21 at 03:59
Current Music: The Wolfe Tones - A Nation once again
Tags: karriere, politik, privat, zumtag
...macht man ja gewissermaßen auch, wenn man als Erstsemester gleich in den AStA gewählt wird. So recht begreifen kann ichs immer noch nicht. Vor allem wars ja erst am Sonntag als ich dieses Angebot bekam einer der hochschulpolitischen Referenten zu werden. Und tatsächlich bin ich heute, nachdem ich zuvor 7 Stunden lang den Koalitionsvertrag mit ausgearbeitet hatte, nach einer Marathonsitzung von fast 8 Stunden, dann tatsächlich gewählt worden. Und hab mich auch noch nett mit einigen Leuten unterhalten. Manchmal läuft im Leben ja einfach alles. Muss nur noch mehr laufen. Aber zum tun hab ich dann wohl auch weiterhin was - vielleicht komm ich ja sogar endlich zum Lesen und den noch fehlenden Rezensionen.
Ärgerlich war aber auf alle Fälle, dass weder RCDS noch LHG ihre, sonst so üblichen, dämlichen Fragen an mich gestellt haben. Dabei hatte ich mich da eigentlich schon gut drauf vorbereitet.
Ansonsten: Fachschaftswochenende war auch Spitze. Besäufnis. Fast bis zum Betrunkensein. Ich habs mir ja verkniffen, aber dafür mich auch gut mit vielen anderen unterhalten. Und Worms ist wirklich eine schöne und sehenswerte Stadt. Echt schön. Sollte ich mir mal bei besserem Wetter und mit mehr Zeit ordentlich anschauen :o)
Posted on 2009.01.03 at 23:41
Current Music: The Argies -Bajo el claro de la luna
Tags: 2008, bücher, übersicht
Dann zieh ich mal auch Fazit für das (Lese-)Jahr 2008. Hätte mehr sein können zu lesen, aber das kanns ja immer sein. Wenn ich mich jedenfalls nicht verzählt habe, dann warens glatte 52. Nächstes Jahr sollens 100 werden. Zu den meisten Büchern findet sich der Link in meiner
Übersicht. Noten von 1 - 5 (sehr gut).
Dezember 2008
Matthias Altenburg - Landschaft mit Wölfen (3)
Ulrich Herbert - Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland (3)
John Dos Passos - Manhattan Transfer (3)
Rüdiger Dannemann - Georg Lukács. Eine Einführung (-)
Jurij Brezan - Die schwarze Mühle (5)
November 2008
Alfred Döblin - Die Babylonische Wandrung (4)
Barack Obama - Dreams from my father (3)
Christa Wolf - Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra. Frankfurter Poetik-Vorlesungen (4)
Oktober 2008
Christa Wolf - Kassandra (5)
Ralf Rothmann - Hitze (3)
Israel Zangwill - Der König der Schnorrer (4)
Martin Anderson Nexö - Die Küste der Kindheit (4)
September 2008
Salman Rushdie - Harun und das Meer der Geschichten (4)
Ray Bradbury - Fahrenheit 451 (4)
Franz Werfel - Der veruntreute Himmel (4)
Franz Carl Weiskopf - Das Slawenlied (4)
Upton Sinclair - Der Dschungel (5)
Norbert Frei - 1968. Jugendrevolte und globaler Protest (2)
Erich Hackl - Auroras Anlaß (4)
August 2008
Irmgard Keun - D-Zug dritter Klasse (3)
Oskar Maria Graf - Die Flucht ins Mittelmäßige (5)
Jakob Michael Reinhold Lenz - Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung (4)
Alexander Lernet-Holenia - Der Baron Bagge (3)
Gabriel García Márquez - Chronik eines angekündigten Todes (3)
Christa Wolf - Der geteilte Himmel (5)
Stefan Zweig - Maria Stuart (1)
Umberto Eco - Der Name der Rose (5)
Louis Aragon - Aurélien (4)
Juli 2008
Rainer Maria Rilke - Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (5)
Edgar Allan Poe - Die Maske des roten Todes (3)
Rafik Schami - Erzähler der Nacht (3)
Vercors - Das Schweigen des Meeres (4)
Ludwig Renn - Der spanische Krieg (4)
Alfred Andersch - Sansibar oder der letzte Grund (4)
Juni 2008
Heinrich Hannover - Die Republik vor Gericht 1954 - 1995 (5)
Heinrich von Kleist - Die Marquise von O.../Das Erdbeben in Chili (2)
Volker Braun - Trotzdestonichts oder Der Wendehals (4)
Paul Zech - Deutschland, dein Tänzer ist der Tod (4)
Mai 2008
Franz Fühmann - Barlach in Güstrow (4)
Ernest Hemingway - Fiesta (2)
Stefan Heym - Der König David Bericht (5)
Halldór Laxness - Atomstation (4)
Ilan Pappe - Die ethnische Säuberung Palästinas (4)
William Faulkner - Der Strom (5)
April 2008
Maxim Gorki - Die Feuersbrunst(Erzählungen) (3)
März 2008
Orhan Pamuk - Schnee (5)
Miguel de Cervantes - Don Quijote (5)
Erich Nickel - Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (3)
Februar 2008
Alfred Döblin - Berlin Alexanderplatz (5)
Enrique Paez - Abdel (3)
Januar 2008
Georg Kaiser - Gas (5)
Franz Kafka - Die Verwandlung (5)