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trojan

Daranas, Ernesto - Conducta

Posted on 2016.03.08 at 01:17
Current Music: Massilia Sound System - Dimanche aux goudes
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Die Lehrerin Carmela, sich seit 10 Jahren der Pensionierung verweigernd, kämpft für die Hoffnung im Schulsystem, glaubt an ihre Schülerinnen und Schüler und verweigert sich der Haltung den Kampf aufzugeben, auch wenn es in der Sonderperiode doch erheblich schwieriger wird. Und ein Aufgeben hieße auch, der Bürokratie nachzugeben, die für solche Fälle Möglichkeiten hat und so den "auffälligen Schüler" Chala gerne in das Erziehungsheim stecken würde. Dieser aber versorgt seine alkohol- und tablettensüchtige Mutter zu Hause - ohne auch nur eine Person jenseits der Lehrerin, der als Pädagogin und Lebensbegleiterin sich erstehenden, Carmela. Es geht also um eine Bildung, die eine Haltung vermitteln, die ihren Erfolg an den schwächsten und dem Erfolg der ganzen Gruppe bemisst - nur so funktioniert die Rede Carmelas, dass sie noch nie einen Schüler an das Erziehungsheim abgeben musste. Wie könnte dann der Erfolg größer sein, dass Chala, obwohl er weiterhin mit den Ordnungsnormen Konflikte austrägt, schlußendlich sogar anbietet sich freiwillig in das Internat zu begeben - der Punkt, an dem der Erfolg der ganzen Erziehungsarbeit bewiesen ist.
Eine andere Schülerin, Yeni, zeigt ein weiteres Symptom des Systems, oder vielmehr des Aufbrechens des Systems in der Sonderperiode und seine Unfähigkeit den unteren Schichten eine Hoffnung auf ein gutes Leben zu gewähren. Yeni lebt mit ihrem Vater als Illegale in Havanna und ihnen droht die Abschiebung in die Provinz.
Schon die Lage in den Familien erscheint berührend, die die beiden Kinder allerdings ganz unterschiedlich, scheinbar gegensätzlich gar, tragen. Aber die Bilder sind es noch viel mehr, die kleinen Hoffnungen, die immer wieder zerfallen, aber die die große auf die Zukunft und auf die Liebe nicht nehmen können.

Im großen und ganzen ein guter Überblick über die politische Entwicklung der letzten Jahre in Ungarn. Leider sind die historischen Rückbezüge nur bedingt vorhanden und die Frage nach der langfristigen Entwicklung hin zum "völkischen" Ungarnbild spiegelt sich nur sehr begrenzt wieder. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Analyse der Politik, die Fidesz und Jobbik betreiben.
Eine Schwäche des Buches scheint in der Autorenschaft von drei Personen gegeben zu sein, da sich diese einerseits ergänzen sollen, aber wohl nur unzureichend in ihren Kapiteln abgestimmt sind. Einzig das vierte Kapitel - mit dem historischen Ausblick und die Kontextualisierung innerhalb der EU und in der EVP - ist so kollaborativ geschrieben, dass der Text davon wirklich Gewinn trägt. Vorher hat man dann doch die eine oder andere Wiederholung, auch wenn sie thematisch doch getrennt sind. Die Teile von Magdalena Marsovszky und Andreas Koob überzeugen dabei mehr, als das nur etwas rudimentäre Kapitel von Holger Marcks über die wirtschaftliche Entwicklung, das zu oft auf einer rein deskriptiven Ebene bleibt und eine entsprechende Kontextualisierung vermissen lässt.
Mehr hätte ich mir auch gewünscht zum zwiespältigen gesellschaftlichen Mythos: zwischen dem Turanismus (d.h. dem positiven Ostbezug als Herkunft des Magyarentums) und der Schlacht von Mohács 1526 (gegen die Osmanen, mit Österreich; der positive Westbezug) (S. 166f.) - aber womöglich findet sich da noch irgendwo anders eine entsprechende Ergänzung. Es fehlt in jedem Fall Literaturliste und Index.

trojan

Halldór Laxness - Am Gletscher

Posted on 2014.01.17 at 20:55
Current Music: Samsas Traum - Auf den Spiralnebeln
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"Des Nachts, wenn die Sonne hinter den Bergen steht, wird der Gletscher zu einem stillen Schattenbild, das in sich selbst ruht und Menschen und Tieren das Wort "nie" zuatmet, das vielleicht "stets" bedeutet. Komm, Hauch des Todes!" (110)

Ein junger Theologe wird vom Reykjaviker Bischof beauftragt die Gemeinde am Fuß des Snaefellsgletschers, bei Jules Verne der Ausgangspunkt der Reise zum Mittelpunkt der Erde, auszukundschaften und festzustellen, ob alles mit rechten Dingen zugeht und der Pfarrer seine Pflicht als Seelsorger tut. Reichlich skurril und voller umfassendem Nichtverstehen beginnt der Roman und setzt sich am Fuße des Gletschers fort. Die Kirche ist verwaist, der Pfarrer tätig als "einfacher Mensch" und nicht mit mehr Ahnung, als Gemeindemitglieder. Das Geheimnis des Gletschers ist nicht nur der Gletscher selbst, sondern auch eine Kiste - bei der zunächst von einer Leiche ausgegangen wird, bei deren Inhalt es sich aber um einen gewaltigen Lachs handelt.
So arbeitet sich der junge Mann eben ab, greift zurück auf den folkloristischen Schatz des Landes, das in seiner Abgelegenheit seine Elfen und goldenen Widder bewahren konnte. Vielleicht genau deswegen wird es Ziel von esoterischen Pilgern, die eine geheimnisvolle Kraftquelle im Gletscher vermuten und nur durch den Tod getrieben, die Hoffnungslosigkeit ihres Unterfangens, schließlich dazu getrieben werden den Fuß des Gletschers zu verlassen.
Und was bleibt bei diesem von Ironie und Humor durchzogenem Roman am Ende übrig? Die Unsicherheit, die Orientierungslosigkeit die einer erfährt, der gar nicht so weit in die Welt hinausgeht und fortwährend mit Fremdem in unmittelbarer Nähe seiner selbst konfrontiert wird. Und diese Orientierungslosigkeit geht über auf den Leser, der sich nie so ganz sicher sein kann, in welcher Abstufung von Fiktionalität er sich gerade befindet. In der Erzählung des Theologen? In der Märchen- und Sagenwelt?

"Ich zitterte noch eine Weile vor Kälte, bis ich ohne Hoffnung in den Nebel hinausseufzte: >Wo bin ich?<" (187)

trojan

Curzio Malaparte - Die Haut

Posted on 2014.01.13 at 23:25
Current Music: In ale gasn
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"Einst erduldete man den Hunger, die Folter, die schrecklichsten Qualen und Entbehrungen, man tötete und man starb, man litt und man machte leiden, um die Seele zu retten, die eigene Seelen und die der anderen. Man war jeder Größe und jeder Gemeinheit fähig, um die Seele zu retten. Nicht nur die eigene Seele, sondern auch die der anderen. Heute leidet man und macht leiden, tötet man und stirbt, vollbringt man wunderbare Dinge und entsetzliche Dinge, nicht etwa u die eigene Seele, sondern um die eigene Haut zu retten." (S. 115)
Mit diesen Worten führt der Autor den Kriegsberichterstatter und Soldaten Malaparte in seinem Roman auf den namensgebenden Titel zurück. So ein wenig zeigt das aber auch schon die Stoßrichtung des Romans. Er lebt von seiner gewaltsamen, geradezu bestialischen Darstellung, an der er auch ordentlich Lust gewinnt. Aber den damit aufgebauten hohen Ekel, wenn die Haut eines von einem Panzer überrollten, die amerikanischen Befreier feiernden, geschildert wird, das Verspeisen einer weggesprengten Hand, die Erschießungen auf den Treppenstufen und dergleichen mehr, kann er nicht immer aufrecht erhalten. Und so wird gesprungen, so folgen immer wieder Passagen in denen man wartet auf das neue Grausen. Das macht den Roman weniger spannend als zäh und weniger fesselnd, als von guten und reichlich bebilderten Einzelszenen durchzogen.
Und so gelingt es auch nicht ganz, den Verlust der Menschlichkeit greifbar zu machen. Es bleibt eine kleine Aussicht darauf, es bleiben so viele Puzzle und eine gewisse Abneigung gegen die so voller Abneigung, Hohn und Spott erfüllte Gestalt Malaparte - der schlechte Teil - die als einzige ihre Menschlichkeit zu behaupten wagt?
Mein Empfinden beim Lesen war von einer umfassenden Ambivalenz geprägt. Von ästhetisch anspruchsvollen Passagen erfreut, von den Zwischenstücken mitunter gelangweilt und nicht so sehr abgestoßen und angeekelt, bleibt mein Gefühl auch gespalten. Es war dann doch eher Arbeit dort durchzukommen; entsprechend eine nur bedingte Empfehlung des Buchs.

Das kleine Büchlein von Heiko Haumann über die Geschichte der osteuropäischen Juden dürfte wohl mittlerweile den Charakter eines Standardwerkes haben. Davon zeugt nicht zuletzt die mittlerweile 6. Auflage des Buches. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Neuzeit ab 1648 mit einem beachtlichen Teil zur Religiosität und zum Alltag. Entsprechend liegt der Schwerpunkt nicht auf der Vernichtung der Juden und auch nicht auf der mitunter schon schwierigen Lage zwischen den Weltkriegen. Oder den Resten in der Gegenwart, auch wenn diese entsprechend ihres Stellenwerts eingebracht werden.

Besonders interessant für eine weitere Beschäftigung ist (wie unten) die Ausweisung der Juden aus Prag bzw. Böhmen (S. 89f). Auch die polnische Sicht zu Judentum und Deutschtum und mitunter die Assoziierung miteinander böte interessante Ansätze z.B. lokal in Lodz (109). Die Stellung und Positionierung bei lokalen Konflikten zu den Dumawahlen 1912 (S. 151) und die politischen Organisationsformen zur Jiddischen Sprache (161) bzw. Jiddisch als Nationalität in der KuK-Monarchie (172) mit eher unbekannten Parteien, wie der Jüdischen Sozial-Demokratischen Partei Galiziens (173). Auch Antijudaismus mit Entwicklung zum Antisemitismus wie der Fall des zum Tode verurteilten angeblichen Ritualmörders Leopold-Hilsner 1899 (182) oder das jüdisch-bolschewistische Feindbild in Polen, wie es sich im Zusammenhang mit der Ermordung von Narntowicz zeigt (200) oder in den Pogromen der Zwischenkriegszeit (210).


Eine populärwissenschaftliche Biographie Maria Theresias, die sich in einer klassischen Tradition eines Herrscherporträts bewegt. Schwerpunkt ist dabei neben der außenpolitischen Darstellung, auch eine Darstellung der dynasistischen Verbindungen und der höfischen Darstellung. Wirtschaftliche, Religiöse oder auch nur Innenpolitische Entwicklungen, Konflikte u.a. werden nur peripher in einem Kapitel zu "Wien" dargestellt, ganz so, als wäre alles darüber hinausgehende irrelevant. Dabei nimmt die Entwicklung der Hochkultur (Theater, Oper) einen relativ breiten Platz ein. Alles in allem ein nur wenig befriedigender Einstieg in die Auseinandersetzung mit einer Herrscherfigur zu der eine kritische, wie überhaupt irgendeine, Auseinandersetzung bislang weitgehend fehlt.

Für eine weitere Beschäftigung interessant erscheinen v.a. die religionspolitischen Entwicklungen und Gegensätze zum Nachfolger Joseph II. (133f; 136; 101) und die wirtschaftlichen Maßnahmen, insbesonders die Verschärfung des Arbeitsregiments durch Reduktion von Feiertagen und Wahrnehmungswandel der Freizeit, Einschränkung der Zünfte und Errichtung von Manufakturen (76f; 117-120). Außerdem Zentralisierung und Widerstand sowohl von Ständen, wie mitunter auch von Bauern (1775) und deren Erfolg, der sich in der Einschränkung des Robot zeigt (34; 63 bzw. 143f.)

trojan

António Lobo Antunes - Portugals strahlende Größe

Posted on 2013.10.03 at 12:57
Current Music: Bregovic & Ogi - Mesecina
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Der Titel weist auf ein anderes Portugal hinaus, dessen Denkmäler man auch immer noch allerorten dort finden kann. Er weist auf mehr, als dieses kleine Land an der europäischen Westküste scheint. Die Idee von der Fortsetzung des Landes jenseits des Ozeans, sei es in Amerika, sei es in Afrika, trägt doch weiter fort. Und so handelt dieses Buch von der Auf- und Ablösung portugiesischer - und damit im internationalen Kontext: weißer - Herrschaft in Angola.
Anhand der Einzelerinnerung von Mutter (Isilda), Stiefsohn (Sohn einer schwarzen Frau; Carlos), Tochter (Clarisse) und Sohn (Rui) einer Farmerfamilie, gewissermaßen der agrarischen Oberschicht des auf Export von Sonnenblumen, Baumwolle & Co. ausgerichteten Kolonialregimes, werden in diesem Rahmen nicht nur die Motive von Einzelnen an kolonialer Machtausübung und die Struktur der Herrschaft aufgezeigt, sondern auch die von Macht und Gewalt geprägte Struktur.
Die Ansammlung an Erinnerungen fügt sich nur schwer zu einem Roman zusammen, abwechselnd in drei Kapiteln erinnern sich vielmehr Isilda und eines ihrer drei Kinder zurück an die Vergangenheit, an die sie prägenden Ereignisse, ohne jemals eine hohe selbstreflexive Klarheit zu erlangen, sondern um immer in ihr gefangen zu sein. Carlos Wahrnehmung seiner Diskriminierung als Mulatte erscheint somit weniger deutlich, als die Diskriminierung, die Zurücksetzung durch Stiefmutter und -großmutter und all die anderen Weißen, als in den Erinnerungen seiner Geschwister. Nur die Mutter, sie ist erfolgreich darin sich zu sagen, dass sie ihn immer geliebt hat - dass er der verlässlichste Sohn ist, gerade dank der Flucht von Clarisse in die Prostitution, auch das etwas das sie nicht wahrhaben will, oder von Rui in den Wahnsinn. Deutlich wird die Deklassierung nicht nur in den Erinnerungen Isildas an ihren Vater, der die Auswanderung nach Angola als Weg relativen Macht- und Geldgewinns darstellt, der den Wunsch Herrschaft auszuüben über die unterjochten Schwarzen als starke Motivation herausstellt, sondern auch bei der Auswanderung der Kinder zurück nach Lissabon. Sie bilden die Unterschicht in der portugiesischen Gesellschaft, sie sind dort die aus dem Süden - Carlos mehr noch als die anderen. Es gelingt nicht sich dort zu integrieren, Freundschaften oder anderes zu knüpfen, was eine soziale Kompetenz erfordern würde, die sie scheinbar im machtdurchtränkten kolonialen Angola nicht erwerben konnten. Geprägt von Über- und Unterordnung, der Vater Amadeu, blaß, selbst aus Portugal, versucht dem im Alkohol zu entfliehen; Isilda dagegen wirft sich in einem Machtkampf, der anfänglich den Charakter einer Vergewaltigung haben mochte, dem Polizeikommandanten an den Hals - der es schafft sie zu dominieren; und als er ganz ohne Macht zu ihr flieht, bemüht sie sich nicht ihn zu retten.

Ich hab das Buch als sehr aufschlußreich und bewegend empfunden, aber durchaus als schwer zu lesen. Quälend sind auch so manche fiktive Erinnerungen, quälend ist der fehlende Lernprozess im Bewusstseinsstrom. Nichtsdestotrotz ist das Gesamtwerk ein Gewinn.

Um die vom Zaren Paul, Sohn und Nachfolger Katharinas II. und Peters III., überlieferten Sentenzen, dass er zum einen einst einen still, schweigsamen und daher guten Offizier bis fast hin zum General beförderte - der seine Existenz aber nur eines Leseunglücks verdankte - und andererseits lebende Offiziere (versehentlich?) für tot erklären ließ, in eine Geschichte einzubetten, beginnt sie bei Tynjanow mit einem Schreibfehler des Schreibers. Und die fortwährenden Alpträume des Zaren setzen sich fort und scheinen in der endlichen Beförderung des Generals Sjedoch und seinen geplanten Einbezug ins engste Vertrauen des Imperators einem Ende zuzuneigen - wer sonst verzichtet auf Bittschriften, Verwandte und Gefallen? Gegen wen anders wird nicht intrigiert? - und der General erkrankt schwer und stirbt schließlich. Dass er zwischendurch auch verheiratet wurde, als Nichtvorhandener nach Sibirien marschieren sollte ergänzt das Panorama einer irrsinnigen Allmacht im "Absolutismus" doch so treffend. Ebenso wie die Geschichte um Sinjuchajew, der durch einen Federstrich, seiner Existenz beraubt - so weitgehend, dass sein eigener Vater ihn nicht zuhause aufzunehmen wagt und die Verkäuferinnen ihm als eine Art bösen Geist mit dem nötigsten Verzehr ausstatten und ihm sein Nicht-Leben beibehalten lassen. Eine amüsante Novelle von Gogolschem Format.

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trojan

Mo Yan - Das rote Kornfeld

Posted on 2013.03.31 at 19:31
Current Music: La sonora dinamita
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Den Roman des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers als eine Hommage an den antijapanischen Befreiungskampf zu lesen, würde ihm nicht ganz gerecht werden. Zentral ist er dennoch und die Greuel der japanischen Besatzung werden am Beispiel dieses kleinen chinesischen Dorfes Gaomi in einer überaus plastischen, blutigen Sprache einem vor Augen geführt. Sie übertreffen dann eben doch die Grausamkeiten zwischen den eigentlichen Bewohnern und auch zwischen den, bisweilen eher Räuberbanden gleichenden (und mitunter daraus entstandenen) chinesischen Widerstandskämpfern. Der Bürgerkrieg wird dabei vorweggenommen, auch wenn kaum einem Akteur eine politische Gesinnung klar zugeordnet werden kann und sie zwischen allen Stühlen Krieg führen und um ihr Überleben kämpfen.
Dieser Kampf ist eingebettet in eine Familiengeschichte über vier Generationen - wobei die Generation des Ich-Erzählers und die seiner Urgroßeltern die Geschichte seiner Eltern und seiner Großeltern nur rahmen. Diese erscheinen als glückliche Überlebende aus seinem ausradierten Dorf, so wenn Onkel und Tanten im Kindesalter gemordet werden oder des Hungers in der letzten Zuflucht sterben. In diesen Szenen schlägt sich die Bestialität des Geschehens auch in einer Sprache nieder, die einem kurze Zweifel am Weiterlesen beschwören. Die Szenen der Liebe können diese Bilder nicht überleben.
Aber an der immer wieder berührten Schwelle zur Vernichtung wird der Roman ein magischer. So wenn sich die Hunde organisieren, um sich an den Leichen des Massakers zu stärken. Sie treten hervor als handelnde Gestalteten, unterlegen und in ihrer Form gefangen, aber lebendig. Ebenso in dem Brunnen, in dem Mutter und ihr Bruder an einem unbefriedbaren Durst leiden und die Kröte als Feind große Kräfte gewinnt. Noch deutlicher wird dieser "magische Realismus" bei der Darstellung der engen Verknüpfung von Dorf und umliegenden Hirsefeldern, die gerade auch mit ihrer Farbe schier den Lebensstrom des Dorfes, der alten Zeit bilden. Die Vorstellung mag von Vorurteilen geprägt sein, aber genau in diesem Aspekt scheint das widerständigste und zugleich vereinnahmendste des Werkes zu liegen. Die Modernisierung fegt diese Verbundenheit hinweg; der Ausblick auf die Technisierung und den Verzicht auf den Anbau der roten Hirse erscheint nur grob und mit Verweis auf eine Hybridhirse, aber als Totes und als ein Ende der urwüchsigen Widerständigkeit des bäuerlichen Menschen gegen die Staatlichkeit oder eine gelenkte Modernisierung.

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trojan

Christian Pfarr - Odysseus und der fliegende Teppich

Posted on 2013.03.18 at 23:11
Current Mood: exhaustedexhausted
Current Music: Odjbox - Mr Joe's Café
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Odysseus ist nur der Spitzname von Mangold, der seit Schulzeiten so genannt wurde aufgrund seiner Vorliebe für die Alten Philologien und diese auch studiert hatte, um dann schließlich als Kulturjournalist zu arbeiten. Als solcher kehrt er auch in seine provinzielle Heimat "Siebenberg" zurück und trifft Jugendfreunde und Jugendliebe wieder, die alle irgendwann mal irgendwie zusammen waren. Neben dieser Rahmengeschichte der Annäherung an seine noch immer geliebte greift aber das eigentlich spannende der Geschichte: fiktive Geschichten aus Tausundeiner Nacht, die Karl May inspiriert haben sollen. Die Märchen innerhalb dieses kurzen Romanes gefallen und auch die darum gesponnene Geschichte von wegen Edition Alpha Centauri. Aber das reicht dann doch nicht um wirklich zu überwältigen und jenseits kurzweiligen Vergnügens etwas mitzunehmen. Es verbleibt dann doch zu einem großen Teil nur eben die Provinzposse, an der er sich ein Stück weit abarbeitet - denn "Leser liebten Provinzpossen a lá Siebenburg" (52)


Calypso

Einen jeden Tag...

Posted on 2013.02.23 at 11:22
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...kann man wohl getrost vergessen. Aber zumindest in der Mehrheit der Tage, sollte ich doch dazu imstande sein an meiner, ohnehin schon allzu lange aufgeschobenen, BA-Arbeit zu schreiben. Wie mühselig tröpfelte es bisher und wie wenig lustvoll läuft es weiter. Ich bin mir unsicher, woran es liegt: nach außen hin, auf der ganz bewussten Ebene, an der notwendigen Transkription der handschriftlichen Quellen, die ich aus dem Archiv habe. Mir fällt es schwer mich darauf einzulassen, ich befürchte, dass ich zu meinem Thema dort nicht das finden werde, was ich suche; weil ich davon ausgehe, dass ich nicht gut genug frühneuzeitliche Handschriften lesen kann, wie ich vorgebe zu können. Aber um mir ein Scheitern einzugestehen und ein neues Thema suchen zu können, müsste ich es wohl weit ernsthafter probieren. Stattdessen schiebe ich es Tag um Tag auf, beschäftige mich innerlich mit irgendwelchen persönlichen Befindlichkeiten... Oder liegt der Grund des Nichtschreibens tiefer? In einer vagen Depression? In einer Aversion gegen den Bereich? Gegen das Geschichtsstudium? Gegen eine Unlust den Abschnitt zu beenden?
...und irgendwann aber, da läuft die Zeit davon: im neuen Semester wirds kaum noch möglich sein und die Geduld, bis ich meine Arbeit anmelde wird auch nicht ewig währen: wann also reisst der (Geduld-? Lebens-?)Faden?

trojan

Peter Hacks - Margarete in Aix

Posted on 2012.01.15 at 01:01
Current Music: Derrick Morgan - Moon Hop
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Die titelgebende Figur ist die historische Margarete, Tochter des König René der Provence und ehemalige Königin Englands, verwitwet und in das Haus Lancaster eingeheiratet. Am Hof des "guten Königs" René lebend, versucht dieser sie für die Kunst etwas zu begeistern, der er sehr anhängt. Für die Troubadoure, die er als Mäzen am Hof hält, ist er berühmt und dichtet auch selbst. Dieser Versuch scheitert allerdings, auch als er ihr zu Ehren ein Passionsspiel aufführt. Margarete dagegen ist ihrer Rolle stark verhaftet und strebt danach den Königsthron zurück zu erhalten. Sie schreckt nicht davor zurück, die Provence, im Gegenzug für militärische Unterstützung, an den Feudalherrscher Karl von Burgund zu verkaufen; sie scheitert allerdings, als dieser in Feldschlacht gegen die Schweizer Bauern und Bürger fällt. Als nicht auftretende Hauptfigur, so auch im Prolog dargestellt, tritt Ludwig XI. auf, der in gewisser Weise Garant und Bedrohung für den Bestand der unabhängigen Provence ist.
Hacks bringt mit diesem historischen Stück seine Sicht auf den historischen Materialismus zum Ausdruck. Die fortschrittliche Gruppierung obsiegt über die reaktionäre. York über Lancaster und Frankreich über Burgund. Weniger durch direkten Waffengang der beiden, als vielmehr durch die effektive Einbindung des Bürgertums in den frühabsolutistischen Staat, die Entmachtung des Hochadels und Zentralisierung und Herausbildung des Nationalstaates. René hat, als guter König, eben diese Einsicht auch und überschreibt die Provence für nach seinem Tod Ludwig, den er trotz aller Gräuel auf der Seite des Fortschritts sieht. Interessant und weniger "klassisch" ist seine Sicht zur Kunst, die er nicht als zwingend mit Funktion darstellt oder als für (politische) Zwecke zu gebrauchen, sondern als etwas mit einem Wert ansich. Das stellt sich in dem gewissermaßen utopischen Reich Königs René dar, indem der Staat die Kunst fördert, ohne ihr inhaltliche Erwartungen zu stellen und sich somit für die Freiheit der Kunst steht.
Das Ganze ist aber nicht umsonst eine Komödie: das gute Ende ist eben durch die historische Entwicklung garantiert, aber natürlich auch mit einer Unmenge an lächerlichen Situationen gespickt; eben als solche sind gerade die Reaktionären, im Feudalwesen verhafteten, Figuren dargestellt und eben so wirkt die Kunst der Troubadoure.

trojan

José Saramago - Die Reise des Elefanten

Posted on 2012.01.07 at 23:09
Current Music: Einstürzende Neubauten - Zerstörte Zelle
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In seinem Nachwort schreibt Saramago, wie er denn dazu kam, diesen Roman zu schreiben: in einem Restaurant das "Der Elefant" heißt und diesen Namen demselben Elefanten zu verdanken hat wie der Roman. Diese historischen Grundlagen bilden gewissermaßen das Gerüst des Romans. König Johannes III. schenkt einen Elefanten, der seit zwei Jahren in der Nähe des Hofes haust, Maximilian, Erzherzog Österreichs. Um eben die Reise dieses Elefanten von Lissabon über Valladolid durch Spanien mit dem Schiff bis Genua und über Bozen und Brixen durch die Alpen bis nach Wien.
Amüsant und besonders wird dieser "historische Roman" dadurch, dass der Erzähler fortlaufend sich selbst eine mögliche historische Authentizität zerschiesst, wenn er sprachlich und inhaltlich mit modernen Mitteln interveniert und so z.B. bei der Reise durch Norditalien und dem deutschen Namen einer Herberge, über den durch deutsche und österreichische Touristen herbeigeführten Sprachwandel in der Region redet und in die Zukunft vorweggreift, indem er ihn für die Touristen in der Algarve ihn noch etwas vorwegnimmt. Diese Brüche im Erzählen des Romans, finden sich aber auch inhaltlich. Salomon, so der Name des Elefanten, ist schließlich der erste seiner Art auf dieser Reise und wird als solcher Ziel des Katholizismus im Umbruch, als Ausdruck einer Zeit im Umbruch. So wird er Ziel einer Teufelsaustreibung und ebenso dazu von der Gegenreformation dazu instrumentalisiert und genötigt ein Wunder zu vollbringen, indem er sich vor einer Basilika niederzuknien hat. Immer wieder wird gerade diese Welt mit Witz durch seinen Mahut, Subhro, thematisiert - der es sich nach dem vollbrachten Wunder nicht nehmen lässt Elefantenhaar zu verkaufen, das auch Heilmittel gegen Haarausfall ist.
Auch wenn es nicht der Roman von Saramago sein wird, der mir am längsten in Erinnerung verbleiben wird und meines Erachtens auch inhaltlich nicht der Stärkste ist, war er doch so voll Witz, voll einer erfrischenden Perspektive auf Veränderung, dass das ganze Buch ein großer Genuss war. Und es ist ein Buch, bei dem ich mir wirklich wünsche, dass ich es in der Originalsprache lesen könnte.

trojan

Kurt Drawert - Fraktur

Posted on 2011.12.19 at 22:00
Current Music: Liederjan - Walfanglieder
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Wenn ich irgendwo aus ein paar wenigen Verlagen, das eine oder andere Büchlein günstig bekomme, dann lese ich auch einmal einen Autor, der es, trotz der potentiellen Querverweise aus anderer Literatur, noch nicht in mein Bewusstsein geschafft hat. Bisweilen ist dann aber das Leseerlebnis nicht so eindrucksvoll, wie es sicherlich wünschenswert wäre.
Die Erfüllung der selbstgestellten Erwartungen wird auch nur sehr bedingt durch Formulierungen angeheizt, wie dass der Autor "in zu gleich sprachskeptischer und sprachmächtiger Form" und "gegen einen verstellten Blick auf die Wirklichkeit, gegen Illusionen und Legendenbildung" anschreibe. Von all den Gedichten, von all der kurzen Prosa hat mir nichts so wirklich zugesagt - allenfalls das mit "Text" überschriebene Stück Prosa zu Auschwitz und Auschwitzbesuchern, die die, mitunter, ziemlich perfide Gedenk- und Erinnerungsleistung thematisiert, die sich in Gruppenbesuchen, in Sicherheit vor der Konfrontation mit einem selbst, abbildet. Spannend, und anregend in Bezug auf eine Begriffsgeschichte, ist die häufige Thematisierung von Sprache als Sprache der Mächtigen, als von Gesellschaft geprägtes Herrschaftsinstrument; dabei setzt sich sowohl die Kritik an der DDR fort, wie sich aber auch (Anfang der 90er) die BRD als Objekt der Kritik etabliert und das was die Phrase "Aufbauprogramm" ausdrücken soll, als "Entsorgungsunternehmen" charakterisiert wird. Das setzt sich auch fort in den Essays, die immer wieder die Sprache thematisieren, sei es aus der persönlichen Warte, sei es als biograpisch-literarische Untersuchung zu Flaubert und Madame Bovary. Dieses Gefühl über keine taugliche Sprache zu verfügen, so äußert sich Drawert auch in einem der abgedruckten Interviews, zieht sich durch diese ganze Anthologie. Und irgendwie versöhnt diese Aussage mit dem Buch. Vielleicht sogar so sehr, als dass ich mir denn doch nocheinmal etwas lesen könnte. Oder sonstwas: der Autor lebt schließlich noch.

Denkspiel: Wie ist es möglich, dass in einer Paarbeziehung mit Kind beide ohne Ausbeutungsverhältnis gegenüber Dritten "beruflich erfolgreich" sind? Gisela Elsner gibt die Antwort vor: gar nicht.
In einem fortschrittlichen Milieu spielend, mit intellektuellem Hintergrund, erwartet man von einer Beziehung, die auf gegenseitige Rücksichtnahme und Empathie aufbaut, so etwas wie Emanzipation. Ganz anders bei Elsner. Trotz der "guten Voraussetzungen" wird einer der Partner, hier dank eines Rollentausches allerdings der Mann Alfred, freischaffender Schriftsteller, zum bloß funktionierenden Anhängsel, das durch Arbeit zuhause, die Basis des Erfolgs des Anderen zu schaffen hat. Der "berufliche Erfolg" greift schon etwas auf das Kernproblem, der sich, immer noch und immer wieder, rekonstruierenden familiären Machtverhältnisse, zu: dem Konkurrenzkampf im Kapitalismus, der eben doch immer noch dazu führt, dass sich, mutmaßlich von den alten Rollenverhältnisse emanzipierte, Menschen in der klassischen Familie einfinden.
Klassisch ist dabei der Verlust des Nachnamens für Alfred, seine allmähliche Umwaldung in einen "geschlechtslosen Hausmann", der sich eher für Spülmittel interessiert, als für Sex, und somit steht seine Zähmung für Entmenschlichung, Entindividualisierung und die Reduktion auf unterstützende Dienstleistungen im, das zeigt sich auch im Roman deutlich, gering geachteten Reproduktionssektor. Gering geachtet auch nicht ohne Grund, sondern weil dort in der Fixierung auf die immer wieder gleichen Leistungen, die stückweise die Zeiträume des Tages zerreissen, die eigene Kreativität ausgesetzt und abgetötet wird. So erzählt der Roman eben keine Geschichte der Emanzipation und ist somit auch nicht eigentlich ein feministischer Roman.
Als Frage entsteht, auch dank der kaum möglichen Identifikation mit Alfred, unter welchen Bedingungen und mit welchen Voraussetzungen beide ihr kreatives Potential hätten nützen können. Der Verzicht auf den Machtkampf müsste beiderseitig stattfinden und funktioniert nur mit gewissen gesellschaftlich vorzugebenden Bedingungen: Produktiv sind beide nur dann, wenn sie eine dritte Person in einem Ausbeutungsverhältnis unterordnen können (einmal eine Freundin und Ex-Geliebte des Schriftstellers der Bettina inspirierte und einmal Alfreds Vater), das dafür auch bis hin zu der Sklaverei ähnlichen Ausbeutungsverhältnissen reichen kann.
Durch die Darstellung der Ausbeutungsverhältnisse ohne die übliche Idealisierung derselben bzw. eine überspitzte Idealisierung, wird doch klar, auf was das hätte hinauslaufen sollen: ein anderes System, ohne Ausbeutung. In dem eben nicht mehr jeder ausschließlich sich selbst der Nächste ist und dann eben ggf., so wie Alfred, im Konkurrenzkampf unterliegt, weil er zu schwach, zu "weibisch" ist.

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foules

Zurück.

Posted on 2011.04.23 at 14:36
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Seltsam ist es schon, wenn man nach Augsburg zurückkommt und neue Gebäude in kurzer Zeit hochgezogen sieht. Irgendwie befremdlich, wo sich doch so lange nicht viel tat - oder es doch einfach einen Tick zu lange her ist, dass man wieder zurückkehrt. Amüsant sind auch die Überlegungen zurückzuziehen - bin mal gespannt, wie lange die sich noch halten und wie lange die ganzen persönlichen Bande halten, die einen wieder zurückbringen. Ist ja schließlich doch schon zweieinhalb Jahre her - so lang studier ich mittlerweile dann doch schon - seit ich hier gewohnt habe. Aber irgendwie bräuchte es doch gerade noch mehr, das mich zurückreissen müsste um da wieder vollauf zu leben. Vielleicht bräuchte es aber auch einen genauso großen Ruck um in Augsburg vollends nicht mehr zu leben - oder kommt das nicht auch von ganz alleine...?

trojan

Luigi Malerba - König Ohneschuh

Posted on 2011.02.08 at 22:32
Current Music: Los Miserables - Llego volando
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Der Roman setzt mit dem 13. Gesang der Odyssee ein, also der Ankunft auf Ithaka - ohne das Erkennen, dass das auch wirklich Ithaka ist. Der Fortgang ähnelt dann der Vorlage sehr, jedenfalls was das "äußere Geschehen" angeht - nur ab dem 23. Gesang weicht das Ganze ab und macht eine Wende, die dadurch verursacht wird, dass Penelope eigenständig ist und die ihr gegenüber geplante Täuschung durchschaut. Sie ging zwar zum Schein auf sie ein - möchte das dadurch begonnene Spiel aber zu einem Zeitpunkt beenden, den sie selbst festlegt und nicht zu dem, zu dem das Odysseus gerne hätte. Die von Odysseus gehegten Selbstzweifel befeuern das Ganze dann auch noch soweit, dass er, verzweifelnd und eine Niederlage erleidend, aufbricht um die Insel erneut zu verlassen. Während er auf dem Weg ist, gibt aber Penelope ihre Zweifel auf und lässt ihn zurückkehren.
Der Roman bildet keine durchgängige Erzählung, sondern ist episodenhaft, dramatisch oder noch eher tagebuchartig, aufgebaut; Penelope und Odysseus "sprechen" abwechselnd, mit relativ gleichen Redeanteilen. Hier stellt sich auch die Frage, warum der Entwurfstitel als deutscher Titel genommen wurde und nicht der eigentliche italienische Titel (Itaca per sempre), der klar die Vorrangstellung des Odysseus beendet und gleichermaßen Penelope als Hauptfigur integriert.

Odysseus erwacht von Selbstzweifeln erfüllt am Strande von Ithaka. Die Zweifel sind so stark, dass er Penelope misstraut - seinem Sohn Telemach jedoch nicht. Er versucht sie also zu täuschen - am Längsten von Allen - was ihm aber nicht gelingt. Aber nur das passt ja zu seinen selbst geschürten, unrealistischen, Erwartungen von der Heimkehr, die er sich als Großartiges vorstellt. Seiner Umwelt gegenüber, seiner eigenen Vergangenheit gegenüber lügt er regelrecht notorisch, der Listenreiche. In seinem eigenen Ego gefangen gelingt es ihm nicht eine Versöhnung mit Penelope anzustreben und ihm bleibt gewissermaßen keine andere Wahl als wieder wegzufahren. Penelope dagegen ist schlicht enttäuscht von Odysseus Misstrauen und kann es nicht nachvollziehen. Das bringt Zweifel an den eigenen Gefühlen Odysseus gegenüber mit sich, die auch mitbedingen, dass sie sich nicht als seine Marionette fühlen und verhalten will. Auch sieht sie keinen Grund eine Rechtfertigung für ihr Leben abzulegen, genausowenig, wie auch Odysseus sich für sein Leben rechtfertigt. Durch diese beiden ausführlichen Positionen legt Malerba das Spiel des Aushandelns sozialer Identiät offen.

Malerba baut ein Stück weit auch auf Ernst Blochs Odysseus auf - so ist das Motiv der Selbstverunsicherung bei ihm, im Gegensatz zu Homer, voll entfaltet. Diese tritt nicht zufällig zutage, da allein schon der Charakter Penelopes ein anderer ist. Das klassische, patriarchale Geschlechterverständnis, das Odysseus hat, basiert ja auf einer Abwertung der Frau, der als Schlange, auch ein Motiv das durchaus auftaucht - daneben sind die Schlangen ja auch Tiere der Athene, ja grundsätzlich zu misstrauen ist. Jedenfalls mehr als dem Sohn vom eigenen Blute, auch wenn man ihn eigentlich gar nicht kennt. Eng damit zusammenhängend ist dann auch das Verhältnis zur Gewalt; verroht vom Krieg, sein Versuch der Kriegspflicht in Troja zu entgehen, verkleidet als Narr, wird auch aufgeführt, schlachtet er die Freier ab. Unter sichtlicher Ablehnung von Penelope, der dies sichtlich unbehanglich ist. Auch Odysseus zweifelt an seinem Verhältnis zur Gewalt und der Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns. Schließlich war der Trojanische Krieg der "dümmste aller Kriege". Dort ist auch schon der Samen für sein Verständnis von Heimat gesät - Heimat ist da, wo die Frau ist, die man liebt. Und die einen liebt. Aber genau ein solches Verständnis macht es ihm unmöglich sicher zu sein ob er wirklich dorthin zurückgekehrt ist. Schließlich lässt es ihn auch leicht wieder gehen.

trojan

Roberto Bolaño - Die Naziliteratur in Amerika

Posted on 2011.01.23 at 17:01
Current Music: The Hotknives - Dave & Marry
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Dreißig fiktive Lebensgeschichten süd- und nordamerikanischer Nazi-Schriftsteller beinhaltet dieses Buch. Das Buch erinnert ganz unmittelbar an andere fiktive Sachtexte - hier sind es eben Lexikonartikel zu Autoren. Diese bewegen sich alle in einer Vorstellungswelt, die von persönlichen Begegnungen mit und Bewunderung für Hitler reicht, über Unterstützung des deutschen Faschismus nach 1945 oder schlicht propagierte eigene Einstellungen bis hin zu aktiver Unterstützung von Militärdiktaturen in Argentinien und Chile. Abgerundet wird das Buch durch ein fiktives Personen-, Zeitschriften- und Literaturverzeichnis mit mitunter umfangreichen Kommentaren.

Teilweise nimmt das durchaus skurrile Formen an, so wenn Science-Fiction Literatur über ein fiktives Viertes Reich in Nordamerika verfasst wird oder ein deutsch-Chilene die Umrisse von Konzentrationslagern dichtet. Über alle hinweg merkt man aber die tiefe Eingebundenheit in die Realität - nur zum Ausbruch kommt das final dann dann, wenn in der letzten Geschichte, über Carlos Ramirez Hoffmann, auch der Autor selbst erscheint. Er als Opfer des chilenischen Faschismus unter Pinochet - der Autor als Mörder, Offizier und Folterknecht, der seine Gedichte, die Tod und Gewalt verherrlichen, mit einem Flugzeug in den Himmel zeichnet. Bis eben dieser schlußendlich ermordet wird.

Schließlich wird daraus ein beeindruckendes Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion, das gewissermaßen als politisches Trauma seinen Ausdruck findet. Der literaturhistorische Zusammenhang ist authentisch - und die Beteiligung am Morden mitunter auch. Womöglich auch die Hoffnung auf einen Abschluss des Ganzen - alle Autoren sind schließlich als tot gekennzeichnet, teilweise auch erst zum Jahr 2029.

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trojan

Walter Jens - Das Testament des Odysseus

Posted on 2011.01.20 at 21:41
Current Music: Predominane - Four symbols
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Odysseus schreibt seinem Enkel Prasidas ein autobiographisches Testament, eben dieses Buch. Eum r beginnt mit seiner Jugend, erzählt, wie er vom "Baum der Erkenntnis gekostet" hat und führt sein geistige Überlegenheit aus, die sich auch in seinem Streben nach Perfektion, wofür man zum Scheitern bereit sein muss, widerfindet. Auf der Suche nach einer intelligenten Königin für sich, gelangt er zu Helena nach Sparta. Diese nimmt er als Puppe war, äußerlich tadellos, aber als eingebildet ob ihrer großen Schönheit. Er meint sie, nach intensivem Weingenuß, durchschaut zu haben und ihre Absicht zu verstehen, dass sie ihre zahlreichen Freier gegeneinander ausspielen will und vorhat Unfrieden zu stiften. Er versucht ihre geplante Intrige zu durchqueren, indem er die Freier, gleich wen sie wählt, zur Bündnistreue verpflichtet - sich selbst inklusive. Ganz anders ist Penelope, die er auf Delos kennenlernt, das er wegen seines Apollo-Heiligtumes besuchen will. Sein "bürgerliches Glück" kann er nur kurze Zeit genießen, bis der befürchtete Kriegsgrund auch eintritt: Helena wurde ins Trojanische Ausland entführt. Seinen Bündnisverpflichtungen entsprechend, nimmt auch Odysseus am Krieg teil und steht zehn Jahre im Feld, bis er die List mit dem trojanischen Pferd entsinnt. Auf Streifgang in Troja ist er zweifelnd an der Sinnhaftigkeit des Krieges und versucht Laokoon zu überzeugen. Das gelingt, aber dieser wird mit seinen beiden Söhnen von zwei Meerschlangen getötet, bevor er zu Odysseus zurückkehren kann (das ist keine Anspielung auf Homer, sondern auf Vergils Aeneis, wo die Schlangen allerdings von Athene geschickt werden). Verzweifelt versucht er weiterr zu warnen und somit die Zerstörung Trojas abzuwenden und den status quo beizubehalten - allerdings mit der Option Frieden und das heißt die Rückgabe Helenas. Er scheitert. Nach der Zerstörung kümmert er sich, gewissermaßen als Besatzungsgoverneur, um die Verwaltung des eroberten, gebrandschatzten, vergewaltigten und gemordeten Troja. Er pflegt den alten König Priamos, der alle seine Kinder verlor, und erzählt ihm dabei verschiedene Märchen, die die Geschichten sind, wegen denen Odysseus später so berühmt wurde. Auch die Rückkehr verläuft fatal. Nicht nur, dass er durch den Hades geht, auch dort sein eigenes Blut opfert - aber angeklagt wird von den toten Soldaten, die er in den Tod geschickt hatte. Er kehr zurück nach Ithaka - inoffiziell und um des Friedens willen. Offiziell ist er für Tod erklärt, seine Frau ist auch bei seiner Rückkehr verheiratet und Odysseus schließlich in jeglicher Hinsicht gescheitert.

Eben das ist das interessante; das vollkommene Scheitern des Odysseus bei Jens, das hinter dem Mythos steht, vom Heimkehrer und Helden. Keine treue Penelope, kein treuer Eumaios erwartet ihn - nur die Einsamkeit und die Möglichkeit seine Frau, seinen Sohn, seinen Enkel zu beobachten. Und eben dem Enkel die Zeilen mit einer Warnung zu hinterlassen.
Vergiß mich, mein Kind, aber gedenke der Gerber und Gärtner, bewahre Geduld und hüte den Frieden.(126)

Zuletzt auch mit diesem Hintergrund bietet sich, wie bei vielerlei Mythologierezeption, eine sozialgeschichtliche Interpretation an. Ein verzweifelter, aber in der Vergangenheit schon gescheiterter Kampf, um den Frieden hat ja gerade auch die Zeit der 50er Jahre geprägt. Das Testament als Dokument der Generation, die den Krieg erlebt hat, an die Jungen, die eben diesen nicht erlebt haben, in dem die Mahnenden, die aus der Geschichte gelernt haben, ihre schreckliche Hybris darlegen und die Zerstörung, die über die Menschen gekommen ist. Ihre Alpträume, die sie erleiden von den Gräueln und die Erinnerung an eine, so befleckte, Jugend. Aber die Hoffnung in die Jugend bleibt, denn auch die Götter sind weitgehend auf Formeln reduziert, hinter denen sich keine, wie im antiken Original, handelnden Personen befinden.

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Eigentlich hatte ich bei dem Werk ursprünglich, ohne mich über den Autor informiert zu haben, an eine historische, wissenschaftliche, Darstellung über Indien gedacht. Andere Titel der bpb hatten und haben ja auch dieses "Eine kleine Geschichte" im Namen und waren das. Drin war da aber jedenfalls anderes. Was sich noch auf dem Einband als "Er analysiert und argumentiert, statt zu deuten und zu schwärmen" nicht allzu negativ liest, entpuppt sich dann als eine kleine Propagandaschrift eines liberalen Bürgerlichen, der sein Indien, in dem er nur hin und wieder zu Besuch ist, gern ganz westlich hätte. Konkretisiert: Neoliberal. Grad was kulturelle Eigenheiten angeht, ist das zwar trotzdem interessant, aber wenn es um seine - wenig argumentativ unterlegten - Vorstellungen von einem anderen Indien geht, dann wirds ermüdend. Ganz gleich in welchem Bereich: ob bei einem kruden rechts-links Vertändnis, einer pauschalen Ablehnung von Industrien in Gemeineigentum, einer Forderung nach Steuerreduzierung von Kapitaleignern oder auch einer Reduzierung der Bedeutung der Parteien zugunsten eines starken, präsidialen Systems und vieles andere mehr - wenn es um seine politischen Entwicklungsvorstellungen geht, dann sind die alles andere als positiv und nicht einmal gut argumentiert.

Zur Geschichte ist da allzu wenig: er beginnt im Wesentlichen bei Nehru, also dem modernen Indien, überfliegt die Entwicklung Indiens auf wenigen Seiten und landet vor allem Groß und Breit im "heute". Zugute halten kann man ihm, dass er sich dem üblichen "Antikommunismus" nicht allzu verpflichtet fühlt und durchaus, das macht das ganze zu einer seltsamen politischen Kombination, Hochachtung vor der Leistung der Kommunisten und deren Regierung in Kerala und Westbengalen hat. Kurzum: eigentlich nicht unbedingt lesenswert, aber dennoch lassen sich zumindest in die Kultur und die Gegenwart, sowie in einige Grundprinzipien, wie Vielsprachigkeit und Multireligiosität, Einblicke gewinnen.


trojan

Blake Butler - Scorch Atlas

Posted on 2010.12.19 at 16:17
Current Music: Oktoberklub - Budjonny Reiterlied
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Das Buch ist in einem kleinen US-Verlag erschienen, wurde in den Mainstream-Medien entsprechend wenig rezipiert. Damit einhergehend ist die Unsicherheit, was den Text angeht - mangelhaftes Lektorat bspw. Mehr noch, und was ein großer Gewinn ist, ist die außergewöhnliche Gestaltung des Textes. Düster, mit zerstört wirkendem Papier, eigens gefärbtem Hintergründen bei den, den eigentlichen Kapiteln vorhergehenden kurzen Texten.

Trotz der mehr oder weniger kurzen Episoden, mit Bildern aus einer apokalyptischen Geschichte, lässt sich in dem Buch eine grundsätzliche Handlung erkennen. Die Welt verändert sich. Die Sonne verändert sich, der Himmel wechselt seine Farben. Damit einher geht eine große Trockenheit und das Wasser verschwindet von der Erde. Menschen werden krank, "verschwinden", es beginnt Dinge zu regnen. Das wiederum abgelöst von Regen, der alles überflutet und die Ausmaße der biblischen Sintflut annimmt.
Überhaupt: der Bezug zum Christentum ist schon deutlich, nicht, dass nur "moderne" "biblische" Plagen das Land verheeren, auch scheint Kommunikation, auch im Sinne des babylonischen Sprachverlusts, zu scheitern. Von einer Verwandlung der Sprache ins Unverständliche, der Unmöglichkeit Dingen und Menschen Namen zu geben, die Fähigkeit den Namen zu erkennen sinkt, erst verschiedentlich im Sterben gelingt das Erkennen und Erinnern. Gott zeigt sich abwesend. Trotz verschiedener Glaubensbezüge durch Gebete, die Bibel u.ä., fehlt er - im Text sichtbar gemacht durch nicht erkennbares und schlichte Leerstellen, Lücken im Text, die die Abwesenheit des Göttlichen ausdrücken. Dass unlesbare Zeichen auftauchen und dargestellt werden, lässt die dargestellte Welt vollends schizophren erscheinen und lässt, neben Anderem, diese Interpretation des Romans als gegenwärtige Welt aus der Sicht eines Schizophrenen auch zu.

Sprachlich ist das Werk schon auch schön ausgearbeitet, dem apokalyptischen Szenario gut angepasst, sehr körperlich und stilstisch interessant. Sie unterstreicht durchaus auch, den, meines Erachtens so zu verstehenden, Kern des Werks: Kommunikation bzw. Nicht-Kommunikation als grundsätzliche Gesellschaftskritik an einer Welt, der Kommunikation tagtäglich verlorengeht. Der immer wieder vorkommende Bezug auf moderne Medien und der Ausfall derselben, die Entleerung des Tages von üblicher Beschäftigung, die Reduzierung der Tätigkeiten, eine gewisse Verrohung durch den Verlust des Ventils "Medien" u.a. wären faszinierende Aspekte von Kommunikation. In einer Welt, die den eigenen Klimax überschritten hat, das warum liegt viel zu Nahe, kann nur noch Verfall herrschen. Die Angst prägt - und als Ziel der Angst kann man eine feindliche Umwelt, personifiziert würde man sie als "Böse" bezeichnen können, festmachen. Die Angst geht sogar soweit, dass sie feindlich wird und den Menschen verschlingt. Wortwörtlich umgesetzt in einem Kapitel, das gewissermaßen im Verfallsstadium eines Märchens ist.
She had no idea she'd come full circle to her backyard when she found the bear standing at a tree. It was huge, the way her mother had said, the size of several men. It was reaching after leaves. It sat up when it heard her. It looked into her eyes. Hello, bear, she said, rasping. It's nice to finally meet you. The bear stood up and moved toward her, its long black claws big as her head. The collar of her dress had pulled so tight she found it hard to speak: What do you dream, bear? I will listen. She didn't flinch as the bear came near and put its paw upon her head. It battered at her and she giggled. It pulled her to its chest. She didn't feel her head pop open. She didn't feel her heart squeeze wide. The bear dissembled her in pieces. The bear ate the entire girl. It ate her hair, her nails, her shoes and bonnet. It ate the gown and ate her eyes. Inside the bear the daughter could still see clearly. The bear's teeth were mottled yellow. Inside its stomach, abalone pink. The color of the daughter became something soft - the something off, then something fuzzy, then something like the gown, immensely hued; then she became a strange fluorescence and she exited the bear - [...](75)


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trojan

Eric J. Hobsbawm/Giorgio Napolitano - Auf dem Weg zum "historischen Kompromiß".

Posted on 2010.12.17 at 19:15
Current Music: Georg Kreisler - Wenn die Mädchen nackt sind
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Die Wahlerfolge der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) und die These vom "historischen Kompromiß", von einem Regierungsbündnis zwischen Kommunisten und Bürgerlichen, haben die internationale Diskussion in den 70er Jahren beeinflußt. Interessant auf alle Fälle die Diskussion zwischen Gegnern und Befürwortern von der in den Vordergrund gestellten nationalen Selbstständigkeit der Partei - hoffend oder warnend. Vor dem Hintergrund wurde dieser Dialog zwischen dem Historiker Hobsbawm und Präsidiumsmitglied der PCI, Giorgio Napolitano, geführt. Eine ganz andere Dimension bekommt das Gespräch schon auch dadurch, dass Napolitano mittlerweile italienischer Staatspräsident und Mitglied in einer "sozialdemokratischen" Partei ist. Das Buch dokumentiert ein Gespräch, in dem es um die Geschichte der KPI seit dem Tod Togliattis geht, die Begründung des neuen politischen Konzepts, die ökonomische Krise des Landes, die Aussichten für die Verwirklichung des Sozialismus in Italien, die Kulturpolitik, Einschätzungen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa, die Erfahrungen der europäischen Arbeiterbewegung, die Strategie des "historischen Kompromisses" und Fragen zum Verhältnis von Demokratie und Sozialismus.
Interessant und aktuell ist das Buch aber nicht nur wegen der Fragen der Taktik und der möglichen revolutionären Organisation, sondern vor allem auch wegen des Umgangs mit der Krise und der darin beinhalteten kurzen Analyse der kapitalistischen Krise in den 70er Jahren sowie die Lösung derselben.

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trojan

Jean Genet - Notre-Dames-des-Fleurs

Posted on 2010.11.30 at 10:31
Current Music: The Wolfe Tones - Come out ye black and tans
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Ein Buch mit einer interessanten Geschichte. Dieser erste autobiographische Roman von Jean Genet wurde 1943 veröffentlicht, nachdem er von seinem Autor im Gefängnis geschrieben wurde - 1942, im besetzten Paris. In der BRD fielen die Werke des Autors ursprünglich der Zensur zum Opfer; Adenauer-Deutschland tat sich lange Zeit da recht schwer - bis 1962 war schließlich die gängige Formel, dass ein Buch nicht das "sittliche Gefühl" des Normalbürgers verletzen dürfe, damit es nicht vom Staat kassiert wird. Just an diesem Werk hat sich das in einem mehrjährigen Gerichtsprozess gebessert.

Die Handlung ist recht schnell erzählt. Jean Genet sitzt im Gefängnis und masturbiert, schneidet dabei Figuren aus Groschenromanen aus und denkt sich zu diesen Geschichten aus, die im Wesentlichen sexuelle Phantasien sind. Gewissermaßen spaltet er sich selbst in mehrere Figuren, die Abgrenzung der Identitäten im Roman gelingt teilweise kaum, und führt sexuelle Dramen mit sich selbst auf. So sind die Hauptfiguren zu einem beträchtlichen Teil mit ihm identisch und die Nebenfiguren wohl mit Anleihen aus seinem Bekanntenkreis, aber grundsätzlich nicht näher ausgeführt. Der Roman wirkt auch als Darstellung des Schöpfungsprozesses eines Romans.

Der Roman selbst handelt von Divine, die als Transvestit auf den Strich geht und in der Befriedigung des Mannes schon fast eine religiöse Verzückung erlebt. Der Zuhälter Mignon, der zeitweise auch verliebt ist in Divine, und schlußendlich im Gefängnis landet und mit dessen Brief der Roman auch endet. Dem 16-jährigen Notre-Dames-des-Fleurs, Sohn von Mignon und schließlich als Mörder hingerichtet. Diese, und die Nebenfiguren, leben in der homosexuellen und kriminellen Welt eines Pariser Viertels, die durch den Roman ein Stück weit verherrlicht wird. Durch ornamentale Beschreibungen dieser Welt, weitgehender Ausblendung der prekären Situation - die nur in Nebensätzen hin und wieder mal durchklingt, aber so auch umso authentischer wirkt und durch die dann die Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse herauskommen. Interessant ist auf alle Fälle auch der fortwährende Bezug auf die katholische Kirche, die sicherlich auch wegen ihrer Prunksucht als "Vorbild" für gewisse Phantasien fungiert. So wirkt Divine als Maria Magdalena, die "den Mann" befriedigen will und Notre-Dames-des-Fleurs ist der die Passion durchlebende Christus, der am Ende hingerichtet wird. "Obszön" ist also nicht nur die Sprache mit ihrem häufig recht eindeutig sexuellen Bezug, sondern auch die intensive Verbindung gesellschaftlicher Institutionen.

Wie süß es für mich ist, von ihnen zu sprechen! Legionen von Soldaten, mit grobem, französisch-blauen oder fluß-farbenem Leinentuch bekleidet, Nagelschuhe an den Füßen, schreiten hämmernd über den Azur des Himmels. Die Flugzeuge weinen. Die ganze Welt geht zugrunde in panischem Schrecken. Fünf Millionen junger Männer aller Sprachen werden sterben, durch die Kanone, die erigiert und ihren Samen ausspritzt. Ihr Fleisch balsamiert schon die Menschen ein, die wie die Fliegen fallen. Das vergehende Fleisch sondert etwas Feierliches ab- Und ich, ich bin hier völlig ungestört und denke an die schönen Toten von gestern, von heute und von morgen. Ich träume von der Mansarde der Liebenden.(S. 47)

Überzeugend ist nicht zuletzt auch die sprachliche Verpackung des Ganzen. Auch in der Übersetzung immer noch sehr überzeugend und bildstark.

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trojan

Joseph Roth - Hiob

Posted on 2010.10.18 at 13:42
Current Music: Grido de rua - la chambre du persian
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Mendel Singer, "ein ganz alltäglicher Jude", irgendwo in einem Dorf in den weißrussischen Gebieten zuhause, als einfacher Lehrer auf einer unteren sozialen Stufe, lebt mit seiner Frau Deborah und seinen drei Kindern Jonas, Mirjam und Schemarjah in einfachen, ärmlichen Verhältnissen. Mit der Geburt des vierten Kindes beginnen jedoch die Schicksalsschläge, die sein Leben grundlegend umwälzen. Menuchim, das vierte Kind, leidet seit seiner Geburt (Ende des 1900 Jhdts.) unter Epilepsie - die Skepsis und die Orthodoxie Mendels verhindert eine Behandlung, das Heilungswunder, um das sie beten, tritt nicht ein. Jonas und Schemarjah werden gemustert - mit der Folge, dass sich Jonas lossagt um Soldat zu werden und Schemarjah, um eben das nicht zu werden - drohend sind die Pogrome 1905 im Hintergrund und die Gewalt der Kosaken - und wandert illegal in die USA aus. Dort schafft er es genug zu verdienen um seine Familie einzuladen. Mendel und Deborah nehmen die Einladung an, da ihre Tochter mit Soldaten geht und sie eben das als weiteres, künftiges Unglück erfassen. Menuchim muss jedoch zurückbleiben, auch weil bisher kein Wunder eintrat und wird in Obhut eines befreundeten jungen Paares überlassen, dem man um diesen Preis gewissermaßen das eigene Haus verkauft. Schemarjah, der mittlerweile Sam heißt, sorgt für Wohnung, Unterkunft und Unterhalt seiner Familie. Die jedoch immer fremd bleibt - weit ab vom Boden, in mehrgeschössigen Häusern, knarrend und quietschend. Der nächste Schlag kommt, als Sam, als patriotischer, neuer, Amerikaner, in den Krieg zieht und dort stirbt. Auch Jonas bleibt verschollen. Mirjam wird wahnsinnig. Und Deborah stirbt vor Schmerz. So bleibt Mendel Singer alleine und wandelt seinen Glauben, sein Vertrauen an Gott in Hass. Dank Freunden überlebt er seinen Schmerz, vegetiert in einer Ecke und verdingt sich durch Hilfsleistungen, demütig und ohne etwas zu haben - und mit Hass auf Gott. Jedoch: Menuchim, geheilt und am Leben, ein leibhaftiges Wunder, als Musiker tätig, taucht am Pessach-Fest auf und erlöst ihn gewissermaßen von seinen Qualen und gibt ihm seinen Glauben an Gott zurück.

Faszinierend sind auf alle Fälle die Hammerschläge, die auf Mendel niederschlagen - Hammerschläge, die sich mit seinem orthodoxen Glauben aushalten lassen, aber auch teilweise nur deswegen Hammerschläge sind. So geht es auch um Integration von (Ost-)Juden in eine fortschrittsgläubige, "totalitäre" (im Sinne von alles umfassende) Staatlichkeit, die ein ungestörtes Leben an der Peripherie ohne "kulturellen Fortschritt" erschwert. Gewissermaßen als verspätet auftretende kulturelle-industrielle Revolution auftritt und Menschen entwurzelt. Während sich die Jugend assimilieren kann (Jonas, Sam, Mirjam), dabei ihre kulturelle Herkunft verleugnet und so untergeht, womöglich sogar bestraft wird. Bestraft wird aber auch derjenige, zumindest als Bestrafung wahrgenommen, der als Erziehender den richtigen Weg hätte weisen müssen und so gewissermaßen versagt. Versöhnt mit sich selbst - und mit seinem Gott - wird Mendel erst, als er die gelungene Integration seines Sohnes Menuchim begreift. In und durch die künstlerische Verarbeitung seiner Herkunft schafft er das Versöhnen - beider Kulturen, wie auch seines Vaters mit sich selbst, der selbst in Abwendung von seinem Glauben, somit seiner kulturellen Herkunft, noch unauflöslich im Alten verhaftet bleibt.
"Er hat keinen Sohn, er hat keine Tochter, er hat kein Weib, er hat keine Heimat, er hat kein Geld. Gott sagt: ich habe Mendel Singer gestraft; wofür straft er, Gott? Warum nicht Lemmel, den Fleischer? Warum straft er nicht Skowronnek? Warum straft er nicht Menkes? Nur Mendel straft er! Mendel hat den Tod, Mendel hat den Wahnsinn, Mendel hat den Hunger, alle Gaben Gottes hat Mendel. Aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer."(S.144)

Ich nehme das Ganze als kulturpessismistisches Werk wahr, passend zum Spätwerk Joseph Roths, aber mit diesem einen Funken Hoffnung auf die Symbiose der unterschiedlichen Welten, auf das richtige Maß an Neuem, das möglich ist. Geschrieben ist es jedenfalls auch fesselnd - so kurz wie möglich, so lang als nötig...


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Graf und Brecht

Disziplinlosigkeit.

Posted on 2010.09.22 at 15:06
Current Music: Victor Jara - Preguntas por Puerto Montt
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Disziplinlosigkeit: bei mir wohl vor allem auch darin, dass ich mich selbst nicht genügend diszipliniere um irgendwas, egal was, regelmäßig und kontinuierlich zu machen. Gramsci hat dazu in seinen Gefängnisheften mal geschrieben, in Bezug auf intellektuelle Tätigkeit, dass das wohl das ist, was man bevorzugt in den ersten (Schul-)Jahren lernen sollte (zumindest in seinem Modell der Einheitsschule). Irgendwie hab ich das verpasst... gleich ob es darum geht auf Prüfungen zu lernen, für Hausarbeiten zu lesen oder auch nur regelmäßig, längerfristig, hier was zu schreiben. Werd wohl demnächst versuchen müssen, mir das nachträglich beizubringen. Aber dieser Gedanke ist schon faszinierend - und vor allem auch, ob das wirklich, auch bei "Chancengleichheit", der entscheidende Herkunftsunterschied ist. Während die einen, aus bürgerlicher Familie, die intellektuelle Disziplin adaptieren können, ist das anderen viel zu fremd. Die Theorie mal angenommen, dann müsste man da auch eine sukzessive Abstufung, zumindest statistisch, nach Generationen im Bildungsbürgertum erkennen können.

Jedenfalls bin ich mal auf der Suche zur Selbstdisziplinierung. Die letzten Tage ging das theoretisch zumindest ganz gut, da - auch wenn sich das anders anhört - das Praktikum im Archiv, zumindest im Moment, auch viel körperliche Arbeit ist. Zum Glück zieht ja nicht jedes Archiv immer um... Papier wiegt Tonnen.


trojan

Nichts...

Posted on 2010.05.02 at 13:23
Current Music: Desmond Dekker - Problems
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...macht das Knie. Jedenfalls hab ich letzte Woche meinen Gips abbekommen, aber das Gefühl fürs Bein ist noch viel seltsamer geworden. Ich kann zwar voll belasten und ansich auch ohne Krücken laufen; aber das zwischenzeitliche einsargen hatte doch immerhin die Illusion aufrecht erhalten, dass ich es bewegen könnte. Jetzt fehlt der Gips und somit auch die Illusion - und mein Bewegungsdrang kommt sehr schnell an Grenzen heran. Gerade beim Sitzen ist das überaus ärgerlich. Dazu kommt, das hatte ich aber erwartet, ein seltsames Gefühl von dauerhafter Taubheit der Haut. So viel muss ich jetzt zwar außen am Knie nicht spüren, aber seltsam ist es doch.

Viel macht dafür so vieles Andere. Ich hatte schon wieder vergessen, wie viel Zeit die Uni tatsächlich in Anspruch nimmt und einiges, das da so mit dran hängt. Studierendenparlamentswahlen sind z.B. diesen Monat noch, Sprachkurse fressen verdammt viel Zeit und eine Woche geht häufig so schnell vorbei, dass ich, gefühlsmäßig, gar keine Chance hatte, auch nur daran zu denken, die Texte zu lesen. Vor allem, wenn man dann wochenends ohnehin nicht/kaum zu Hause ist, sondern sonstwo... Bin mal gespannt, ob ich irgendwann in den richtigen Ryhthmus finde. Wenigstens ist im Sommer mein "Praktikumsplatz" fix - den August und große Teile des Septembers verbringe ich in den Gewölben eines schönen Archivs. Zum Glück wird da aber nebendran kein U-Bahn gebaut... Für die richtig, richtig interessanten Sachen, muss ich mich wohl auch noch mal fürs nächste/übernächste Jahr bewerben.

trojan

Feridun Zaimoglu - Liebesmale, scharlachrot

Posted on 2010.04.18 at 10:42
Current Music: Prince Buster - 30 pieces of silver
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Serdar, Deutscher mit türkischen Eltern, flieht aus Kiel in die Türkei zu seinen Eltern, weil ihm "die Frauen im Nacken saßen". Von da ab steht er mit seinem Freund Hakan in engem und ausführlichen Briefkontakt; aber auch mit seinen beiden Ex-Freundinnen Anke und Dina schreibt er Briefe, kürzer, ohne seinen Alltag einzubringen und immer wieder auf Beziehung und Sexualleben sich beziehend. Letzteres funktioniert, trotz zahlreicher Anreize, in der Türkei bei ihm nicht und seine vorübergehende Impotenz ist fortwährender Gegenstand seines Briefwechsels mit Hakan, der auch fleißig über seinen Alltag und sein eher maues Liebesleben berichtet.

Ein Briefroman. Bei dem Format und einem typischen Anfang, der beinhaltet wie froh man doch ist weg zu sein und weswegen man weg ist, lassen sich da ja durchaus Vergleiche ziehen. Der Briefroman funktioniert zumindest insofern, als dass er eine scheinbare Authenzität herstellt - immer in einem Spannungsverhältnis zur kreativen Sprache (so ne Art halbintellektueller Kanaksprak) und auch zu den Inhalten, die teilweise schlicht nicht glaubwürdig sind. Zu letzteren passt aber die Sprache wunderbar; spätpubertierende Großmannssucht lässt sich eben wunderbar durch eine Sprache ausdrücken, in der drastische Umschreibungen und Übertreibungen zum Standardrepertoire gehören - jedenfalls, wenn man die Protagonisten zumindest annähernd als glaubwürdig darstellen will. Und in Hinblick auf das Liebesleben, auf die Unfähigkeit einen Schlußstrich zu ziehen, trifft das ebenso zu, wie auf das schwierige Verhältnis zu Heimat. So steht ja Serdars Impotenz genau für das im Bewutsstsein unklare Verhältnis zur Türkei, das aber körperlich schon entschieden ist. Das zeigt sich auch an seiner Schreibflaute, an seinem ambivalenten Verhältnis zu seinen Eltern und deren Erwartungshaltungen, das zeigt sich an seinem Umgang dort. Am deutlichsten wird es allerdings an seiner Impotenz, die es ihm unmöglich macht mit der Frau zusammenzukommen, und mit ihr zu bleiben, die er dort kennenlernt und seinen beiden Ex-Freundinnen Anke und Dina vorzieht. Ein solches Verhältnis ist nur in Deutschland möglich - auf dem Weg dorthin, beim Anblick der Stewardess im Flugzeug, kehrt auch wieder seine Potenz, gewissermaßen also sein normales Verhältnis zu seinem Körper und seiner Umwelt, zurück.

Am meisten gefiel mir aber, noch vor den sozialen und politischen Bezügen auf Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, doch die Sprache, die ist unglaublich amüsant. Eine richtige Mischung aus intellektuellem, bspw. mit intertextuellen Verweisen von Klassikern der Literatur (sei es auf Madschnun Leyla oder auf Musils "Mann ohne Eigenschaften"), bis hin zu derbem, banalen Humor.
Ich seh mich schon, sollte ich je wieder meinen Fuß auf alemannischen Boden setzen, von einer irren Kohorte am Flughafen empfangen, überall werden Spruchbänder aufgerollt: Lass dich nicht kleinkriegen, mach nicht schlapp, oder Satan, weiche von Serdars Penis, und ich komme ins Fernsehen, und zwar nicht als sagenhafter Haikuschöpfer, sondern als Clown der Stunde. Die Sonne scheint auch auf deine Bürgerpflichten, verdammt noch mal, und das erste Gebot heißt: Du sollst nicht für Silberlinge deinen Freund und Herrn anschmutzen!(100)


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Calypso

Ist Gott eine Frau?

Posted on 2010.04.11 at 13:25
Current Music: Shy FX - Wolf
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Was macht man Sonntagmorgens, wenn man noch im Bett liegt - aber keine Lust hat aufzustehen? Manchmal schnappt man sich sein Netbook und liest belangloses Zeug im Internet. Manchmal findet man da aber Überzeugendes.

Bislang hatte ich mir ja nicht so viele Gedanken darüber gemacht, ob der Gott der Juden, Christen und Muslime männlich oder weiblich ist. Hin und wieder kam das zwar dennoch an mein Ohr, dass Gott ja auch Frau sei, weil er ja auch weibliche konnotierte Eigenschaften aufweist bzw. ja durch Gottes Allmacht blabla die Grenzen der Geschlechtlichkeit aufgehoben werden sollen. Für einen Historiker ist das natürlich in keinster Weise überzeugend, da schaut man sich gerne eine historische Entwicklung an. Überzeugend ist mir dann eher die Dokumentation einer entsprechenden Inschrift. Wenn YHWH eine Gattin hatte, dann ist mir das ein überzeugender Beweis für seine Mannhaftigkeit. Aber vielleicht hat er sie ja gefressen oder ihr Gehirn verspeist und so (oder anders) ihre Eigenschaften irgendwann mit aufgenommen... ansonsten wünsch ich ihm, dass er glücklicher Göttergatte war und mit diesem Monotheismusn Dingens nicht ganz so vereinsamt. Aber vielleicht braucht er genau deswegen so Vögel wie den Papa-Ratzi und den (W)alta (M?)wixa, der ganz sicher nie "übermäßig hart" erzogen und gezüchtigt hat.

trojan

Stefano Benni - Komische erschrockene Krieger

Posted on 2010.04.05 at 14:31
Current Music: Neophyte - Delirium tremens
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Luzius Lurch wird siebzig. Er wohnt mit seinem Kanarienvogel Caruso auf Berg drei, an einer großen Stadt und war vor seiner Pensionierung Latein- und Italienischlehrer. Leo, ehemaliger Lieblingsschüler von Luzius, aus Berg vier, wird erschossen - in einem Villenviertel. Daraufhin ermittelt nicht nur die Polizei, mehr noch der Journalist Carlo Chamäleon und auch Luzius Lurch selbst geht dem Mord mit seinem Knappen Luchsi nach.

Surrealistisch ist dieser Roman. Nur am Rand in eine Zukunft versetzt, so wie wenn am Ende des Buches festgestellt wird, dass in dieser Nacht der Raumschiffverkehr besonders dicht ist. Eine Rolle spielt derlei nicht - vielmehr wirkt immer und immer wieder der gleiche Alltag weiter, auch wenn sich die Namen für Lebensmittel, Autos, Häuser, Menschen usw. geändert haben. Auch wenn Kriminalität alltäglich ist, Bürgermeister in Großstädten gewählt werden obwohl (oder eher weil) sie gute Verbindungen mit Fabrikanten, Waffenschmugglern oder Drogenhändlern haben. Höchstens die Gewalt ist ein bisschen mehr eskaliert, die Hoffnung der Jugend wird bekämpft und vergeht, die Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit oder Misstrauen ist ein bisschen weiter gestiegen und in Krankenhäusern werden die Kranken ohne Geld noch ein bisschen weniger behandelt. Es bleibt so alles beim Alten. Auch, wenn ein alter Mann im Sterben liegt. Ein Junge erschossen wird, weil er für seine Freundin zum Geburtstag einen Zitronenbaum stehlen wollte.

Die Sprache Bennis ist dafür gänzlich anders; nicht nur durch die sprechenden Namen - gleich ob zutreffend, die Tiernamen der meisten Protagonisten, oder völlig euphemistisch wie der der Zeitung "Demokrat". Sie zeigt, wie beliebig austauschbar viele Begriffe sind, sie zeigt die Vergänglichkeit und Veränderbarkeit von Sprache. Und sie zeigt die Absurdität von Sprachbarrieren, sie zeigt nicht zu verstehende Sprache, weil sie eben nicht von allen verstanden werden soll. Hinter dieser Sprachmauer ist dann aber immer noch Platz für menschliche Regungen - für Mut, Solidarität und Freundschaft, aber auch die Schwächen, Angst und Furcht. Trotz (und wegen?) der Fremdheit der Sprache umso deutlicher erkennbar. Auch die Strukturen der Gesellschaft werden klar, so, wenn man den 11-jährigen Luchsi zur Flucht in das schier unerreichbare "Hiergehtsland" drängt, in dem er denn endlich spielen darf.


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trojan

Bertolt Brecht - Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Posted on 2010.04.04 at 15:24
Current Music: The Skatalites - Guns of Navarrone
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Die Witwe Begbick, Dreieinigkeitsmoses und Willy der Prokurist bleiben mit ihrem Wagen, auf der Flucht vor der Polizei, in einer Strandödnis stecken und gründen, auch wegen der noch zu großen Entfernung zu den eigentlich Goldgräbergebieten, eine Stadt voll Gin und Whisky. Dorthin verschlägt es auch vier Goldschürfer aus Alaska: Heinrich Merg, Joseph Lettner, Jakob Schmidt und Paul (Paule) Ackermann. Doch der Profit sinkt in der Stadt, die Konkurrenz macht alles günstiger. Solange, bis ein Hurrikan kommt und mit Zerstörung droht. Von da an, auf Paules Initiative, werden alle Verbote aufgehoben, aller Zerstörungslust des Menschen kann freier Lauf gelassen werden. Und die Profite steigen wieder. So frisst sich Jakob tot. Joseph stirbt bei einem Preisboxen; dabei verliert Paule sein ganzes Geld. Säuft aber trotzdem, ohne Geld und begeht damit das größtmögliche Verbrechen in dieser Stadt: Kein Geld zu haben. So kommt er auf den elektrischen Stuhl und wird umgebracht.
Freigesprochen wird ein Mörder, der genug Geld zahlt um sich zu befreien. Zwei Tage Haft hat Paule dafür bekommen, dass er Joseph in den Tod geschickt hat. Mit abnehmender Schädlichkeit gegenüber Anderen, mit größerer Fremdheit vom Geld, steigt die Strafe bis zum Tode aufgrund von Zechprellerei.

Wunderbar hineinpassend in die Geschichte - Glück, zeitweilig, findet man, durch die Zerstörung seiner selbst, durch die Flucht in die Lust, durch das Erleiden jahrelanger Entbehrungen um sich hemmungslos über "Sitte und Moral" hinwegheben zu können und den entbehrten Genuß aufzuholen, auch bis in den eigenen Fall. Damit einher geht auch der Verlust der Solidarität, des Zueinanderstehens - gleich ob es die Geliebte ist, oder die alten Freunde, mit denen man arbeitete - wenns ums Geld geht, gewissermaßen um die restliche Dauer des Vergnügens, dann gehts um die Lebenszeit und bei der Abgabe dieser hört jegliche Hilfsbereitschaft auf. Trotzdem, oder gerade deswegen, geht die Stadt unter in Demonstrationen (oder eher Leichenzügen?). Für das Privateigentum, für die Ehre der Mörder, für den Fortbestand des Goldenen Zeitalter...

Hab mir tatsächlich auch nebenbei die Oper auf irgendwelchen youtube Videos angesehen, muss ich wohl trotzdem eher mal live sehen. Wobei die Dreigroschenoper doch höhere Priorität hat.


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trojan

Adolfo Bioy Casares - Schlaf in der Sonne

Posted on 2010.04.02 at 22:02
Current Music: Commandantes - An Rhein und Ruhr
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Lucio Bordenave, während eines Streiks entlassener Bankangestellter und jetzt Uhrmacher, lebt, trotz der Launenhaftigkeit seiner schönen Frau Diana, in einer zufriedenstellenden Ehe. Als Dianas Labilität jedoch zunimmt und auf Rat anderer, bringt er sie in eine psychiatrische Klinik, von wo sie physisch unverändert, aber innerlich gewandelt zurückkehrt. Zunächst genießt Bordenave den Umgang mit der plötzlich so zärtlichen und rücksichtsvollen Diana. Aber der innere Veränderung, lässt ihn zweifeln, misstrauisch werden und schließlich sich auch überfordert fühlen. Er kehrt in die Klinik zurück, um herauszufinden, was denn passierte. Mit dem Resultat, dass er eingesperrt wird und der Behandlung unterzogen wird, die auch seine Frau erlitt. Das Geheimnis der Verwandlung in der Klinik: die Seele von unruhigen Menschen, so wie Lucio jähzornig ist, wird aus den Menschen hinausgekommen und in Hunde transplantiert. Den alten Körper bekommen Sterbenskranke...

...gerade die dadurch zum Ausdruck kommende Skepsis gegenüber den Ärzten und die mangelnde Transparenz des Psychatriewesens, machen das Ganze so beängstigend. Die unglaubliche Macht und Autorität, lässt auch allen Widerstands- und Kampfeswillen erlahmen, nicht pointiert, nicht gezielt genug sein. Der Feind, der Arzt, gibt sich nicht angreifbar, zeigt sich vielmehr in seiner Weisheit, in seiner Sicherheit deutlich überlegen. So wird dann, ja nicht nur im Buch, eingewiesen, operiert. Die Deutungshoheit über krank und gesund, und wenn krank heißt, dass man jähzornig ist, liegt bei den Ärzten. Der Wille sich mit dem Leiden, dem Leben, vollkommen zu arrangieren - wie Lucio (Lucho genannt, wohl auch von la lucha, dem Kampf), als er sich für seine ganze Frau, außen, wie Innen, entscheidet. Da sind dann die belächelten Horrorgeschichten von den Medizinern, die Menschen und Tiere entführen, um an ihnen Experimente durchzuführen, viel zu nahe an der Realität.
Casares schreibt nicht ohne hintergründigen Humor - wenn er die offensichtlichste Änderung darin bestehen lässt, dass die neue Diana nicht mehr kochen kann, die Verlust der Launen bedeutet auch den Verlust der Lust. Das Verstörende des Romans, wird versteckt hinter scheinbaren Belanglosigkeiten. Das verstörendste ist, die Verfremdung, die Veränderung von Menschen. Da ist das Irrenhaus wohl nur ein Symbol dafür, wie das am schnellsten geht - wie Menschen gewissermaßen am schnellsten gebrochen werden können, wie sie hündisch gemacht werden können. Und dass man z.B. politisch mißliebige Menschen, auch schon mal zwangspsychatrisiert hat, ist ja auch nichts Neues. Und die Hilflosigkeit gegenüber Autoritäten, gerade bei Schichtunterschieden, ist auch hier stark thematisiert. Man wünscht sich beim Lesen, dass er sich wehrt, dass er kämpft, dass er stärker ist gegen die Anderen... doch er ist es nicht. Und wenn er ansetzt es zu sein, dass wird er mit einer Betäubungsspritze niedergestreckt.

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trojan

Joseph Roth - Das Spinnennetz

Posted on 2010.04.02 at 13:19
Current Music: Ernst Busch - Lied vom Klassenfeind
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Leutnant Theodor Lohse, nach dem 1. Weltkrieg "degradiert" zum Hauslehrer, sehnt sich zurück an Macht und Gewalt, wie auf dem Schlachtfeld. Als Leutnant, als Befehlender, wurde er zum ersten Mal aus seinem dumpfen, kleinbürgerlichen Duckertum gerissen - und da möchte er wieder hin. Beim jüdischen Bankier angestellt zu sein, von seiner Familie nicht den Respekt und Gehorsam zu erhalten, den er sich erwartet, das schmerzt ihn. Folglich orientiert er sich an der Subkultur der Kriegsveteranen, die den Krieg als den Ihren ansahen und die Niederlage nie verwunden haben. Helden seiner Jugend sind die Kriegsherren des Krieges, sind solche Gestalten, wie General Ludendorff, der ihn auf einen langen Fanbrief antwortet, wenn auch nur kurz, aber umso militärischer und umso erhabener für Lohse, der sich just auch weiter noch im Krieg befindet - gegen den "inneren Feind". Und gegen diejenigen, die seiner Karriere etwas im Wege stehen.
Und so sabotiert er, so mordet er und so steigt er auf. Schafft es in das an Platz knappe Reichsheer, lässt streikende Landarbeiter mit Maschinengewehren niedermähen, zeigt sich herz- und kompromisslos. Und so wird er groß, wird richtiger Bürger. Hebt sich am ab vom Pöbel.

Arbeiter schlichen mit krankem Schattenschritt zur Arbeit wie längst Gestorbene, die den Fluch ihres irdischen Tagewerks weiterschleppen müssen [...]; brach einer nieder auf hartem Pflaster, raubte ihm der andere den Rock im Weitergehen; Krankheit wälzte sich durch die Häuser der Armen, über staubige Höfe, lag in den lichtarmen Stuben, drang durch die Haut; Geld rann durch die Finger der Satten, ihrer war die Macht, Furcht vor den Hungrigen nährte ihre Grausamkeit; Fruchtbarkeit ihrer Güter blähte ihren Stolz; sie tranken Champagner in lichterfüllten Palästen; sie ratterten in Automobilen von Geschäft zur Freude, von der Freude zum Geschäft; Fußgänger starben unter den Rädern; rasende Chauffeure flitzten weiter; die Totengräber streikten; die Metallarbeiter streikten; vor den Nahrungsmitteln hinter glänzenden Spiegelscheiben reckten sich ausgedörrte Hälse, flackerten Augen, aus den Höhlen getretene, kraftlose Fäuste ballten sich in zerrissenen Taschen. (106)

Und so läuft es. Richtig faszinierend an Roth war seine politische Hellsicht - selbstverständlich endet das alles im Putschversuch. So wie Hitler, kurze Zeit nach dem Buch, auch auf die Feldherrenhalle marschiert. Und so wie da, unterstützte die Faschisten auch ein beträchtlicher Teil des Bürgertums.
Wie ein lächelnder Mörder ging der Frühling durch Deutschland. Wer in den Baracken nicht starb, den Foltern entging, von den Kugeln der Nationalen Bürgerliga nicht getroffen wurde und nicht von den Knüppeln des Hakenkreuzes, wen der Hunger nicht zu Hause traf, wen die Spitzel vergessen hatten - der starb unterwegs, und die schwarzen, großen Rabenschwärme kreisten über seinem Leichnam.(161)

Ich kenn eigentlich kein Buch, dessen Sätze so gut zum Inhalt passen. Überwältigend kurze Sätze, das ganze Buch eine Marschmusik zum Morden, mit Tönen, so grausam, dass einem die kalte Wut kommt. So historisch, dass man schier verzweifeln möchte.

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trojan

Alexandre Dumas - Kapitän Pamphile

Posted on 2010.03.28 at 19:59
Current Music: Aohrodite - Arsonist
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Eigentlich sind das ja zwei liebevolle Geschichten; einerseits, die in Paris, um den Maler Decamps und seine Wohngemeinschaft mit einigen Tieren sich drehende Geschichte und andererseits die erzählte Geschichte vom Kapitän Pamphile. Anfänglich in direktem Bezug zum Erwerb einiger der Tiere (dem Affen Jacques I. und dem Bär Tom), sich dann aber gewissermaßen verselbständigend und ohne direkten Bezug auf die andere Geschichte, ja, sie sogar regelrecht kapert.
In der Pariser Geschichte werden die Tiere erworben, so wird gleich zu Beginn die Schildkröte Gazelle gewissermaßen aus dem Suppentopf eines Engländers gerettet, die Fröschin Mademoiselle Camargo ist die karge Ausbeute einer Jagd, der Affe Jacques eher das Überbleibsel einer Jagd - seine Mutter wird erschossen und die schwangere Mutter des Bären Tom läuft Kapitän Pamphile zu. Und sie sterben alle. Humorvoll allemal, wenn man den Humor bitterböse mag. Die standrechtliche Erschießung des Bären Tom, der sich gegen die Miliz aus Angst nicht zur Wehr setzt, oder die vom Affen (Jacques II.) gegrillte Schildkröte, mutmaßlich aus Rache, weil sie Jacques I., der an den Spätfolgen seiner eigenen Gefräßigkeit starb, die letzte Karotte wegfraß und daraufhin auf dem Rücken liegend in den Ofen gestellt wurde.

Hier und da trifft es sich, daß Bleikörner, die Tieren gelten, bei Menschen ankommen: Darüber man sich nicht aufregen; im übrigen gibt es ein altes Sprichwort für Pariser Jäger, das besagt, daß das Blei des Menschen Freund sei. Demgemäß habe ich meinerseits drei Freunde, die mir ein vierter in den Schenkel verpaßt hat. (31)

Ebenso bitterböse ist die Karriere des Kapitän Pamphile - von sinnloser Großwildjagd, bei der er sich als echter Mann von Korn und viel Schrot erweist (er ist übrigens aus Marseille und ein Abkömmling des Herkules), über Kriegstreibereien zwischen afrikanischen Stämmen, der bedenkenlosen tödlichen Bestrafung von Mannschaftsmitgliedern, dem Handel mit Sklaven bis hin zu seinem finalen Großbetrug: der Vorgaukelung eines Königreichs in Amerika, an der Mosquitoküste, deren Besitzurkunde er doch Tausch gegen Alkohol tatsächlich erworben hat, und der Ausbeutung zahlreicher Auswanderer, die ihr ganzes Hab und Gut aufbringen, um dorthin auszuwandern. Eine einträchtige Karriere, deren Grundstein er, vor seiner Tätigkeit als Pirat, sicherlich mit seiner Tätigkeit als Anwaltsgehilfe gelegt hat. Bezeichnend ist dann auch der kleine Ausblick auf die weitere Karriere des Kapitän Pamphile: er setzt sein Kapital zum Aufbau von Industrie ein.

Irgendwie ist das schon frustrierend, alles Leben endet, alle Hoffnung endet und am Ende gewinnt, mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit, der absolut Skrupellose und wird Großkapitalist. Das Buch ist also wie das echte Leben, ein klein wenig brutaler (auch wenn die Ärzte mittlerweile anderes empfehlen als den Aderlass), viel amüsanter und von wunderbar vielen intertextuellen Verweisen durchzogen. Nicht nur auf Piraten- und Abenteuerromane ansich, auch auf zahlreiche zeitgenössische Werke und auch die Mythen der klassischen Antike.



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trojan

Jürgen Becker - Aus der Geschichte der Trennungen

Posted on 2010.03.22 at 11:37
Current Music: In Slaughter Natives - Sacred Worms
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Die Geschichte des Endsechzigers Jörn Winter, ist eine Geschichte der Trennungen. Anfang der 30er Jahre im Rheinland geboren, erlebt er seine Jugend in "Mitteldeutschland", in Brandenburg und in Erfurt, wo auch seine Mutter 1946 starb. Später, nach ihrem Tod, geht er mit seinem Vater zurück ins Rheinland und bleibt im "Westen" bis zum Fall der Mauer.
Von seiner Kindheit fasziniert, am anderen Deutschland interessiert, reist Jörn immer wieder in den Osten. Nicht als kurios faszinierter West-Reporter, der irgendwelche Leidensgeschichten oder schlicht plakative Aussagen sucht, sondern als Interessierter, willig, die Trennung zu beenden, indem er als Brücke die gemeinsame Vergangenheit, seine Jugend und Kindheit nutzt. Die natürlich auch schon Trennung war - Trennung vom Hund der starb, die Trennung seiner Eltern, Trennung von seinem Zimmer, in das ein russischer Offizier einquartiert wurde, Trennung von der Hitlerjugend, Trennung von Freunden die verschwanden... Die Trennung vom Osten Deutschlands, den er mit seinem Vater nach dem Tod seiner Mutter verließ, ist dabei noch diejenige, die am nächsten zur Teilung in zwei deutsche Staaten führte. So ist auch die Frage danach, warum er den Westler wurde nicht weit - weil Krieg und Kindheit im Osten waren, weil seine Mutter ertrank, weil sein Vater gehen wollte, sein Standesdenken als Ingenieur, seine Firma im Rheinland? Von Jörn also kaum eine aktive Entscheidung. Aber genau aus der Warte heraus lässt sich so nach manchem warum fragen:
da haben sie, die Engländer, die Amerikaner, bis zuletzt die Zivilbevölkerung terrorisiert, jahrelang, aber als sie dann in die kaputtgebombten Städte kamen, waren sie gleich die neuen Freunde, von denen ließ man sich ganz selbstverständlich die Kameras, die Uhren, das Eingemachte klauen. Doch wenn sich der Russe das Recht des Siegers herausnahm...(272)

Die Frage wird nicht beantwortet, sie ließe sich ja auch nur mit dem Hinweis auf Kontinuitäten (Antikommunismus, Rassenideologie...) beantworten. Tatsächlich nicht in den Roman passend, wenn es um Trennungen geht. Und um Versöhnungen. Er versöhnt sich mit den Ostdeutschen, der ostdeutschen Landschaft, West überhaupt mit Ost - genauso, wie sich seine Stiefmutter mit seiner Mutter versöhnen wollte, indem sie ihr Blumen brachte. Nur, dass genau das auch der Mutter Todestag war.

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trojan

Mário de Sá-Carneiro - Lucios Geständnis

Posted on 2010.03.16 at 16:34
Current Music: Franz Josef Degenhardt - 2+2
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Der Schriftsteller Lucio Vaz lebt als Künstler der "Fin de siécle" angemessen. Als er den Dichter Ricardo de Loureiro in Paris, ihrer beider geliebter Stadt, kennenlernt, entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Als sie sich in Lissabon wieder begegnen, lebt Ricardo mit Marta zusammen. Selbige hält sich ob ihrer Vergangenheit bedeckt, bleibt, dem ebenfalls nach Lissabon zurückgekehrten Lucio, ein Mysterium. Zwischen Lucio und Magda entbrennt eine Affäre, ganz im Sinne der vorher in Paris kennengelernten künstlerischen Wollust. Als sich jedoch die Frequenz der Treffen nachlässt, als in Lucio die Gewissheit reift, dass Magda noch andere Liebhaber hat, wird er von Zweifeln und Eifersucht gequält. Gerade auch, weil er weiterhin nichts von ihr erfährt und er somit sich auch nicht auf dem Status des ersten Liebhabers zurückziehen kann. Das, für ihn, offenkundige Nicht-Bemerken der Affären durch Ricardo, wandelt seine Gefühle ihm gegenüber in Verachtung, aufgrund dessen anscheinend fehlenden Stolzes und geht schließlich nach Paris. Als er mehr zufällig dann wieder nach Lissabon zurückkehrt und Ricardo zufällig eines Tages begegnet, macht er seinen Gefühlen Luft. Ricardo, völlig entsetzt, beteuert, dass er das nur aus Liebe zu Lucio getan hat - geht mit ihm zu sich nach Hause und erschießt Magda. Tot liegt vor Lucio jedoch Ricardo selbst.

Interessant ist diese Dreiecksbeziehung. Falls sie eine ist - und falls sich dahinter nicht einfach eine homosexuelle Beziehung zwischen Lucio und Ricardo verbirgt. Die Option steht nicht nur deswegen offen, weil Marta immer nur schemenhaft bleibt, auch in der ausgestalteten Erinnerung Lucios, die er nach zehn Jahren Knast niederschreibt. Sie steht auch deswegen offen, weil Lucio selbst seine Zweifel an der Weiblichkeit Martas hat, weil er die Küsse der beiden (auf die Stirn) als gleich empfindet und weil Ricardo angedeutet hat, dass er nur in einem Geschlechtswechsel tatsächlich eine Beziehung zu einer Person gleichen Geschlechts führen könnte. Lucio könnte sie geführt haben, aber sie gewissermaßen verdrängt haben und die Ersatzfigur der Marta geschaffen haben - und so würde sich auch der Tod am Ende, als Mord am Ende erklären lassen.
Oder das Ganze ist doch nur ein Experiment Ricardos, die vollständige Kontrolle über eine Frau, gewissermaßen sogar die Identität mit ihr, die er anderen zuteil werden lässt - um gewissermaßen so diese zu kontrollieren. Derlei fände sich ja auch bei de Sade.

Mit dieser permanenten Unsicherheit über die tatsächlichen Beziehungen im Roman, wird dieser doch interessant. Die Unsicherheiten daneben, die permanenten suizidalen Andeutungen, lassen ihn auch noch weiter das ganze Bild als wunderbar ungewiss erscheinen. Ach...


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trojan

Zusammenfalten...

Posted on 2010.03.15 at 19:31
Current Music: Brecht - Auf nach Mahagonny
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...würd ich mich ja ganz gern. Aber dem steht ja nicht nur der Gips am Knie im Weg - immer wieder jeden Tag und jede Nacht aufs neue ärgerlich, wie sehr einen das einschränkt. Nicht nur in der Beweglichkeit, sondern genau deswegen auch in den eigenen Tätigkeiten. Vor lauter chronischer Unbequemlichkeit fehlt mir ja zu fast allem der Elan. Auch wenn ich jetzt zumindest angefangen habe, eines der vielen Dinge, so nach und nach mögliche Museen & Gedenkstätten für mein Pflichtpraktikum im Sommer anzuschreiben. Gar nicht so einfach diejenigen zu finden, die mich auch interessieren würden - auch örtlich hab ich da momentan noch so ne gewisse Einschränkung: ich möchte schon irgendwohin, wo ich noch nicht gewohnt habe, aber irgendjemanden sollte ich in der Stadt schon (recht gut) kennen, wenn ich da nen paar Wochen wohnen möchte. Würde es einfacher machen... aber mal schauen.

Ansonsten bin ich die Woche tatsächlich mal auf Post gespannt. Die Zu-/Absage der Hans-Böckler-Stiftung für nen Stipendium soll diese Woche kommen. Ach, wär schon schön, wenn ich nen paar tausend Euro weniger Schulden am Ende meines Studiums hätte...

Aber mit dem heutigen Tage: vielleicht schaff ich nach ner Woche "Erholung" es dann doch, dass ich mir die Sachen die ich mir vorgenommen habe (mich um Praktikum kümmern, Russisch weiter lernen, Stapel Fachliteratur etwas abarbeiten), doch noch machen kann.

trojan

Umberto Eco - Das Foucaultsche Pendel

Posted on 2010.03.11 at 13:11
Current Music: Franz Josef Degenhardt - Väterchen Franz
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Die einbettende Kriminalgeschichte ist ansich recht kurz zusammengefasst: drei Mailänder Verlagslektoren beschäftigen sich, aufgrund einer gewissen Programmänderung des Verlags, umfassend mit Geheimgesellschaften, Verschwörungen und Esoterik. Ausgehend von wenigen Punkten, mit der umfassenden Lektüre der bisher dazu erschienenen Werke, erschaffen sie aus einem neu entdeckten Dokument, dessen Entdecker verschwunden scheint, und mit großer schriftstellerischer Schaffensfreude, eine neue Weltgeschichte. Eine Weltgeschichte der Verschwörung und der Mysterien. Kernstück dieser gesammelten Geschichte der Geheimgesellschaften, ist ein sechshundert Jahre Plan der Templer, geteilt in 5 Abschnitt á 120 Jahre, an dessen Ende die Wiederentdeckung und -nutzbarmachung des Nabels der Welt stehen soll. Hätte nicht der eine, infolgedessen dann ermordete, Lektor, Belbo, nicht das Bedürfnis gehabt, diesen großen Plan auch nach außen hin zu transportieren, so wäre nichts geschehen. Doch der Plan wird ernst genommen, Belbo erpresst, genötigt, entführt um das letzte Geheimnis - den Punkt des Nabels, den er natürlich nicht weiss - preiszugeben. So wird er ermordet, während sein Kollege Casaubon dabei zusieht und nurmehr flieht von den Geheimgesellschaften und flieht vor den Ideen ihres großen Planes.

Eine andere Geschichte ist die, der Kindheit Belbos, der sich zum Ende des italienischen Faschismus in seiner Jugend befand. Zu jung um sich zu beteiligen und dieses nicht-beteiligen am Freiheitskampf der Partisanen bedauert und sich seiner damaligen, jugendlichen, Indifferenz schamhaft bewusst ist. Eben diese führt auch in Hinblick auf die Ausarbeitung des großen Planes, und auch in anderen Lebensbereichen, dazu, dass er sich unter Beweisnot fühlt und den unwiderstehlichen Drang hat, endlich zu triumphieren und damit der Wahrheit über sich selbst klar zu werden. Es gelingt ihm, als er "Nein" sagt, dem Hängen unmittelbar bevorstehend. Und doch hatte er es in seiner Kindheit schon erreicht, wenn auch auf einer anderen Ebene.

Und alles hing von Jacopo ab, er brauchte nur abzusetzen, den Faden zu lockern, und die Sonne wäre davon gesprungen wie ein Ball, und mit ihr der Tag und das Ereignis dieses Tages, diese phasenlose Aktion, diese Abfolge ohne Vorher und Nachher, die bewegungslos ablief, nur weil er die Macht hatte, es so zu wollen und so zu tun. (743)

Grundlage dieser Geschichten - und der Möglichkeit dieser Geheimsekten - ist dieses unerlösbare Streben nach Erkenntnis. Dem ja auch zugrunde liegt, dass es noch mehr an Wissen geben muss, als es bekannt ist. Dass die Welt, die einzelnen Ereignisse der Geschichte, eng miteinander zusammenhängen müssen, damit sie Sinn ergeben. Ist ja auch die klassische Hybris. Es geht um die Schaffung der Möglichkeit, sich Verstehen und Erkennen anzueignen - gerade trotz der, immer, mangelnden greif- und erreichbaren Informationen. Schließlich ist ja das Geheimnis gewissermaßen eine Schimmer am Rande des Bewußtseins, eine Ahnung die man hat - und hinter der man großartiges vermutet. Genauso aber, und das zeigt sich auch im Buch durch die Tötung Belbos, fürchtet man den Verlust des eigenen Lebensinhaltes, wenn man das Geheimnis tatsächlich entschlüsseln würde.


Auch wenn mich der Umfang von Umberto Ecos Romanen immer etwas zögern lässt, die zu Lesen zu beginnen, so bereue ich es zumindest nie. Einerseits wegen der zahllosen intertextuellen Verweise und den Anleihen aus und an andere Werke und Ereignisse. Andererseits wegen der umfangreichen Einbettung in den historischen Kontext - in diesem Fall ist der Rahmen der Zerfall der politischen Linken (nicht nur) in Italien nach '68 und dem Anfang der 70er Jahre und die, durch den Verlust einer als solchen erwartbaren und wahrgenommen politischen Lösung, Ersetzung von politischen Zielen durch das Wiederaufleben religiöser "Lösungsmodelle". Nicht umsonst folgt dann das Ende der Geschichte Belbos, gewissermaßen auch als (an der kapitalistischen Realität?) verzweifelnder linker Intellektueller auf den Tod Enrico Berlinguers. Eng damit verknüpft, ist ja auch die Suche nach Erkenntnis - und für Italien mehr als für andere Länder - für den richtigen Weg der Linken. Ein Stück mehr im Puzzle, warum das Werk dann über all die vielen Seiten faszinierend war, ist eben die Faszination, die von dieser unendlichen Suche nach mehr und mehr Wissen aus geht. Und die begrenzten Möglichkeiten der Geschichtswissenschaft, durch Mutmaßung um Mutmaßung zu erweitern, das hat schon immer seinen gewissen Reiz - und man kann ja tatsächlich, unmerklich, die Schwelle überschreiten, die einen in haltloses Fabulieren, ins eigene Erschaffen der Geschichte stürzt... aber ob man dann, aus einer Wäscheliste ein Mysterium schaffen kann? Eben das mit der Wäscheliste, Lia, die Freundin Casaubons, hat das "Dokument", das dem großen Plan zugrundeliegt, als solches identifiziert, wirkt verstörend. Zu skurril, nachdem man die ganze Geschichte erdacht hat? Man glaubt, dann doch eher an den Funken der Wahrheit darin, denn alles zu verwerfen, das man sich so ausgedacht hat. So jedenfalls ein kleines, aber überaus faszinierendes Element im Werk.

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Graf und Brecht

Wiktor Pelewin - OMON hinterm Mond

Posted on 2010.02.24 at 22:51
Current Music: Bounty Killer - Caught up in the west
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Was realistisch anfängt - mit einer Kindheitsbeschreibung hinarbeitend auf das spätere Ziel Kosmonaut zu sein, den Mond, das wird dann zunehmend surreal. Angefangen von der durchgehenden Amputation der Beine in der Fliegerschule, in die Omon gelangt. Weiter in die geheime Kosmonautentruppe, deren Geheimniss ist, dass alle Raumfahrt-/Militärtechnik nur scheinbar automatisch ist und tatsächlich immer ein Mensch im Automatismus verbirgt. Als solcher geht Omon auf eine Reise, ohne Wiederkehr, auf die Rückseite des Mondes um die Lenin-Spalte zu erkunden. Am Ziel, nach dem Ende aller Anderen, merkt er, dass er sich in einem irdischen Tunnel befindet und kann nur aus selbigem fliehen.
Interessant beginnts mit dem Kindheitstraum von der Weite des Alls, die Wahrwerdung dieses Traumes geht einher mit einem Wandel zum surrealen - der Traum verlagert sich gewissermaßen nach außen. Je mehr er aber das tut, umso brüchiger wird die Realität und zerbirst am Ziel, dem eigentlich für ihn vorgesehenen Heldentod auf der Rückseite des Mondes. Schon die Reise dorthin, mit jeder Stufe der Rakete die einen Kameraden sich verabschieden lässt, bricht ein Stück hinweg des alten hinweg. Ebenso wie es bei der Person, Omon ist auch beim Raumflug dann der Omon Ra seines Kindheitstraumes, um Verlust des Raumtraumes geht, so scheint auch der Traum vom Sozialismus in der SU zu zerfallen unter dem Rüstungswettlauf und dem Weltraumrennen - am Ende geht es soweit, dass eben nur mehr die Fassade im Rückblick bleibt, somit stellt er das System gewissermaßen als entkernt dar. Sehr schön auch die enge Verknüpfung von Kindheit und realisiertem Traum wenn Omon in seinem Lunochod in die Pedale tritt und sich als Kind auf dem Fahrrad sieht und fühlt. Amüsant immer auch gewisse Einfügungen, so wenn von einer "marxistischen Theorie des Mondes" erzählt wird oder auf fiktive Leninsche Schriften verwiesen wird, wie "Mond und Meuterei" und "Die Räte des Trabanten". Und an Anspielungen gibts noch weit mehr...

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Graf und Brecht

zur Abwechslung...

Posted on 2010.02.24 at 00:20
Current Music: The Blues Busters - How sweet it is
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...läuft so manche Sache auch mal völlig ungeplant. Hab heute, nachdem ich schon drei Stunden im Krankenhaus war zwecks Vorbesprechung der morgigen OP, erfahren, dass die verschoben wird. Ursprünglich haben die mir glatt den 17. März vorgeschlagen, also in mehr als drei Wochen. Auf meine Beschwerde hin wurde es dann doch zumindest der kommende Montag, das ist noch erträglich... und mir ehrlich nicht ganz so unrecht, da hab ich noch nen paar Tage Zeit. Auch wenn mich doch stört, dass das Ganze nach hinten verschoben wird. Aber lässt sich wohl kaum ändern. Skifahrer und Privatpatienten gibts da sicherlich zu viele.

Dafür hab ich mir heute ne Bibel gekauft. Tatsächlich sogar die "Bibel in gerechter Sprache". Literarisch ist die Bibel ansich ja wichtig und dieses spezielle Projekt klang ansich so interessant, dass ich mir als Atheist doch mal dieses Buch zugelegt habe. Passt ins Regal neben Homer und Herodot irgendwo...

trojan

Herta Müller - Atemschaukel

Posted on 2010.02.22 at 11:41
Current Music: Desmond Dekker -You can get if if you really want
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Das Schicksal vom jungen Leopold Auberg aus Hermannstadt/Siebenbürgen in einem russischen Arbeitslager wird erzählt. Unmittelbar nach der Befreiung Rumäniens vom Faschismus wird er zufällig, jedenfalls ist unklar warum genau er auf der Liste steht und nicht jemand anderes deutschstämmiges aus Rumänien, in ein russisches Arbeitslager deportiert um Wiedergutmachung zu leisten. Im Ganzen muss er dort fünf Jahre bleiben, wovon er die ersten drei Jahre hungert, bevor sich (nicht nur) die Ernährungssituation bessert. Nach Ende der Zeit dort, bleibt er allerdings auch nicht dauerhaft in Hermannstadt, sondern zieht zuerst nach Bukarest und von dort wieder, aufgrund seiner gelebten homosexuellen Neigungen und der Angst damit entdeckt zu werden, nach Wien.

Unglaublich poetisch soll das Buch wirken. Die Entrückung vom Leiden im Arbeitslager zeigen, ohne dass eine Realität des Arbeitslagers verloren gehen soll. Plausibel wird das in gewisser Weise auch durch die Dinge gemacht, die nicht erzählt werden - der Anfang im Lager fehlt so ebenso, wie das Ende im Lager, nachdem sich die Ernährungs- und somit die Lebenssituation erheblich verbessert hat. Genau das lässt eigentlich das Lager in den Hintergrund treten und lässt somit auch die Leidensrealität des Leopold Auberg und seiner Kameraden etwas verschwinden. Anstelle dessen treten, tatsächlich schöne, Wortneuschöpfungen, die gerade das Entrücken vom Leid, vom eigenen Körper, von der Individualität, (be-)greifbar machen. Gezeigt wird auch die unglaubliche Zerbrechlichkeit des Lebens, die aber gepaart ist mit einer Zähigkeit des Lebens, das sich eben nur zeigt durch die zahlreichen Situationen in denen es eben doch nicht zerbricht. So wird das Leben im Lager gewissermaßen Traumreise... nur umrahmt von Anfang und Ende; auch sind die einzelnen, zahlreichen, Abschnitte zeitlich nicht einzuordnen.

Ansich bevorzuge ich bei dem Thema u.ä. doch einen realistischeren Stil; wirkt schon sehr befremdlich das so poetisiert zu lesen. Trotzdem und deswegen hat es aber schon seinen ganz eigenen Reiz.
Der Wind kam von vorn, die ganze Steppe lief in mich hinein und wollte, dass ich zusammenbreche, weil ich mager war und sie gierig. (194)


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Calypso

Vom Einen ins Nächste...

Posted on 2010.02.15 at 17:41
Current Music: Schmetterlinge - Kampflied der Bauern
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Hatte ich bisher zuvorderst darauf gewartet, dass das Semester, mit viel zu viel zu tun - dieses Semester konnte ich die allerortens postulierte Arbeitsüberlastung von Bachelor-Studis sehr gut nachfühlen - u.a. zwei Hausarbeiten in vier Wochen während des Semesters zu schreiben (bei 20SWS - und dem dazugehörigen Zeug) hat mich doch weit mehr angestrengt als erwartet und mich nicht gerade zufrieden mit dem Resultat sein lassen.

Jetzt kann ich darauf warten, dass:
- mein Laptop in Reparatur kommt (übermorgen)
- ich ins Krankenhaus komme (in ner Woche)
- ich Bescheid bekomme, ob ich nen Stipendium bekomme ab SoSe oder nicht (Mitte März)

...und bis dahin kann ich noch fleißig für die allerletzte Prüfung in diesem Semester lernen. Ich frag mich dazu momentan eh, wie man zu einer Überblicksvorlesung in der Alten Geschichte ne vernünftige mündliche Prüfung machen kann. Viel zu viel an Stoff... wie detailliert, kann man denn bei so etwas fragen?

...aber noch mehr beschäftigt die anstehende OP. Bin schon gespannt, ob ich danach auch wieder richtig laufen kann... obs die letzte wird, die alles Entscheidende.

trojan

Weihnachtsurlaub

Posted on 2009.12.21 at 14:24
Current Music: Joe Loss Orchestra - March of the Mods
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Die letzten zwei Wochen waren anstrengend. Hatte es aber innerhalb dieser zwei Wochen aber wenigstens geschafft soweit endgültig umzuziehen, als dass mein Zimmer in der WG zumindest nahezu fertig ist. Möbel stehen (nur nen Stuhl fehlt noch und ggf. auch noch was für den Plattenspieler) jedenfalls, Kisten sind geleert, alles ist eingeräumt. Nur Wohnzimmer und Küche hat der vollzogene Umzug noch nicht erreicht, die Bücher liegen unsortiert in den Regalen, Geschirr in Kisten unterm Küchentisch - die Küchenschränke fehlen nach wie vor noch. Aber die Zeit wird ja auch absehbar noch fehlen... bin jetzt für eine der beiden vorlesungsfreien Wochen in Augsburg, die andere bin ich dabei ne Hausarbeit zu schreiben. Silvester fällt dieses Jahr vermutlich etwas mauer aus - Augsburg, wie letztes Jahr, kann ich mir wohl nicht gönnen. Aber mal schauen was so wird.

Weit übler ist das Wetter. Als ich am Freitag von Mainz nach Berlin fuhr, da war schon ne deutliche Eskalation zu spüren - von Berlin nach Augsburg gestern dann auch. Schnee in Unmengen. Rutschgefahr in Unmengen. Letzteres besonders ärgerlich in Kombination mit meinem nachwievor kaputten Knie. Jähen Schmerz durfte ich jedenfalls durchaus schon erleben. Ansonsten: Sibirisch. Man merkt auch, dass Sambas nicht für jedes Wetter geeignet sind - womöglich brauch ich also noch ein Paar Schuhe.

Bin auch mal gespannt, ob ich die freien Minuten hier, die ich auch habe, weil ich meinen Laptop nicht mitgenommen habe, auch produktiv nutzen kann. Unmengen an Aufsätzen zu den Kleisthenischen Reformen (Ende 6. Jhdt. v. Chr./Athen) warten auf mich und meine Hausarbeit schaffenden Hände. Desweiteren sollte ich mir tatsächlich mal überlegen ob und wem ich was zu Weihnachten schenke. Nicht für ein Einziges hatte ich bis jetzt Zeit, das Wetter und die Bodenbeschaffenheit lassen mich auch davor zurückschrecken hinaus zu gehen. Müsste aber bald sein, weit drängender wäre jedenfalls auch noch der 16. Geburtstag meines kleinen Bruders am Mittwoch. Die Idee dazu hält sich ebenso in Grenzen - womöglich etwas Musik. Notfalls was zu Lesen oder zu Sehen... aber zündende Ideen böte so eine Richtungsentscheidung ja auch nicht.

trojan

Umzug goes on.

Posted on 2009.12.03 at 10:17
Current Music: The Wolf Tones - The Big Strong Man
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Innerhalb einer Woche ist das gröbste des Umzugs jetzt dann doch erledigt, so sehr jedenfalls, dass ich mich nicht nur geistig auch öfters mal mit anderen Sachen beschäftigen kann.
Kamen auch glatt 8 fleißige Helferlein um vor allem meine Bücherkisten zu schleppen. Ist echt etwas viel gewesen... aber hat letzte Woche Montag doch sehr gut geklappt. Seit dem Zeitpunkt bin ich immer mal wieder daran, das ganze wohnlicher zu gestalten... das Wohnzimmer ist von den Grundzügen her fertig, alle Sachen aufgebaut, müssen nur noch eingeräumt werden. Bei meinem Zimmer siehts ähnlich aus, zumindest den (nicht nur) Kleiderschrank hab ich gestern fertig aufgebaut, jetzt fehlen nur noch 1-2 Regale und das Ganze Zeug muss noch eingeräumt werden. Am Wochenende dürfte es vorbei sein....

Kraftakt war dagegen echt die Renovierung der alten Wohnung - hab zwar schon am Samstag nen bisschen gemacht, aber die Farbe hat einerseits nicht gereicht, jedenfalls weil die Wand fleckig war. Montag von 17 bis 02:30 Uhr hab ich dann gestrichen und von 02:30 bis 08:30 geputzt... und dann die Wohnung direkt übergeben und dann in die Uni. Aber es ist schön alles auf den "letzten Drücker" zu machen. Wenigstens bekomm ich (bis auf 10€) die ganze Kaution zurück.

Eingelebt hab ich mich auch schon irgendwie hier. Komisch nach der Zeit alleine mit einer Mitbewohnerin... mal schauen, wie das jetzt noch wird. Aber sollte schon laufen, war ja lange genug überlegt das Ganze (ums zu machen).

trojan

Doris Lessing - Die Kluft

Posted on 2009.11.18 at 01:19
Current Music: dnbradio.net
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Gleich doppelt historisierend - ein römischer Senator greift uralte Quellen auf, mit unsicherer Überlieferungstradition, um die Ursprünge des menschlichen Geschlechts, im doppelten Sinne, bewusst zu machen. Kann man sicherlich durchaus feministisch interpretieren, sie galt ja auch als Feministin, allein schon mit der dadurch stattfindenden Umkehrung des Schöpfungsmythos - die Frau entstand in dem Buch vor dem Mann. Interessant ist dann auch jedenfalls der Aspekt, dass damit auch gewissermaßen zu Anbeginn ein Matriarchat war - mit gewissen Eigenschaften, durch den römischen Historiker klischeehaft dargestellt, die für Frauen typisch sind und mit einer gewissen Angst vor dem Aufkommen, vor der Existenz von Männern. Die ersten männlichen Kinder wurden verstümmelt, später ausgesetzt und gerade durch das daraus resultierende "Urschicksal" in ihren Eigenschaften gestärkt - aufgrund der vagen Formulierungen wird nicht ganz klar ob diese Arroganz, der Forscherdrang, die Unverantwortlichkeit usw. tatsächlich "natürliche Wesensmerkmale" sind, der römische Historiker versucht diesen Eindruck zu erwecken, oder eben Sozialisation sind. Diesen Entwicklungsstrang führt Lessing durch das ganze Buch, immer wieder neu beweisend, neu darlegend und gewissermaßen auch durch den römischen Senator illustrierend.

Es gab da ja anscheinend einiges an Diskussion zu dem Buch, dass es zu platt, zu klischeehaft, zu dürftig (so in der FR und der SZ) sei. Nicht so ganz nachvollziehbar für mich, weil sich die Geschichte ja auf mehr Ebenen abspielt als nur Erzählerin/erzählte Welt - die Zwischeninstanz des römischen Senators ist da noch mit drin. Den Aspekt betrachtend liest es sich interessant. Lässt sich interpretieren als eine Auseinandersetzung mit der Idee von biologistischer Determination und sozial anerzogenem Verhalten, es lässt sich lesen als eine Auseinandersetzung mit der Vorstellung, dass ein matriarchal organisierte Gesellschaft eben auch keine friedliche sein kann und lässt im Endeffekt, für mich, nur den Schluß zu, dass Geschlechter grundsätzlich sozial konstruiert sind, somit auch etwas wie Eifersucht, dass es dafür historisch bedingte Gründe gibt. Perspektiven in Hinblick auf die Überwindbarkeit bietet sie nicht unbedingt, außer eben das Bewußtsein zu schaffen über das warum.

Spannend ist das Buch allerdings nicht unbedingt - es scheint doch alles ordentlich determiniert zu sein. Es musste eben so kommen, ein Schritt folgt auf den Anderen und abgesehen von der Erforschung menschlicher Eigenschaften wie Angst, Mitgefühl, Wut, Stolz usw. (und der Assoziation mit dem entsprechenden Geschlecht) tritt eben nichts "Neues" auf. Nur eine klare, fortführende Linie.





Notizen:
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trojan

Christian Kracht - 1979

Posted on 2009.11.13 at 22:23
Current Music: jungletrain.net
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Literatur für die Uni, das macht es mal interessant, ob ich das Buch gegen Ende des Semesters anders verstehe als ich es jetzt tue.
Liest sich jedenfalls leicht und wirkt banal, aber das ist auch das, was zur Hauptfigur, Innenarchitekt, Yuppie, sich selbst unbekannt, so gut dazu passt. Fixiert auf das Oberflächliche, auf das Offenbare bewegt er sich im vorrevolutionären Teheran, ohne sich dort auch nur in Ansätzen politisieren zu lassen. Inhalt ist sein geliebter Freund, Parties, sein Aussehen und das der Räume. Jegliche Äußerung erscheint belanglose Phrase, die konsumorientierte, gleichgültige Haltung schon revolutionäre Attitüde, fremdsprachige Modewörter aufzuschnappen als praktizierter Internatonalismus: "Sandalen zu tragen, dear, ist, der Bourgeoisie einen Fußtritt ins Gesicht zu geben."(23)

Als sein Freund stirbt wird er weniger, desorientierter. Bricht aus dem nun eher grau in grau gebadeten Teheran auf einen heiligen Berg in Tibet zu finden und zu umrunden. Sein Selbstreinigungs- und Selbstzüchtigungsprogramm lässt ihn zu Fuß reisen, durch Kälte. Er wirft ab seine dekadente Kleidung, da sie dafür untauglich ist, entbehrt, wird Vollbartträger. Nach erfolgreicher Pilgerfahrt wird er von chinesischem Militär festgenommen und in ein Arbeitslager gebracht. Dort wird dann erfolgreich seine bloße, inhaltsleere Hülle, mit den Worten Maos und mit einem Leben auf Arbeit fixiert, gefüllt.

Im Endeffekt scheint er sich jedoch nicht geändert zu haben - während er anfänglich seinem Freund dienen will, so dient er am Ende eben der Partei. Die allumfassende Gleichgültigkeit, wenns nicht so vorbelastet wäre, dann könnte man so schön sagen: die totalitäre Gleichgültigkeit, des kapitalistischen Westens, die Fixiertheit auf den Schein, auf das Oberflächliche, ähnelt doch allzusehr der allumfassenden Dienstbarkeit gegenüber der maoistischen Partei in China. Die Individualität existiert in beiden gleichermaßen nicht oder geht wenigstens verloren, wenn einem nicht gelingt diese dauerhaft herauszubilden und zu entwickeln. Die Kritik des Westens am Osten wäre somit eine nur scheinbare und vorgetäuschte. Die Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe "banal" und Glück und Freiheit nur subjektiv wahrnehmbare Dinge.

Ob es mir Spaß macht sowas zu lesen, das weiss ich noch nicht...




Notizen:
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trojan

Unklarheiten.

Posted on 2009.11.12 at 18:05
Current Music: Louis Lingg and the Bombs - Am Stram Gram
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Eigentlich hatte ich gestern schon auf Klarheit bzgl. meines Knies, meiner gesundheitlichen Situation und somit auch in Bezug auf meine Lebensplanung der nächsten Zeit gehofft. Dass gestern nach dem Kernspind der zuständige Arzt diese Klarheit nicht liefern konnte, das war so irgendwie noch verständlich - dass ich aber heute im Uniklinikum die auch nicht bekommen habe, das ist schon ärgerlich. Nächste Woche soll ich wieder kommen, denn jede Woche Mittwochs haben sie MRT-Bildbesprechungsrunde und meine Bilder sind es wert da reinzukommen. Indirekt kann ich mir dadurch schon Klarheit verschaffen: das heißt für mich jetzt, dass ich wieder in die Uni gehen werde, dass ich mich auch bis nach meinem Umzug keiner Operation unterziehen werde (weil ich bis dahin nämlich nicht draußen sein werden kann aus dem Krankenhaus) und das ist auch schon mal was. Nur die Besserung ist nicht in Sicht, dabei gehe ich so gerne zu Fuß, fahr mit dem Rad und bin spontan. Dass ich das so wieder sein kann, das ist im Moment nicht so absehbar.

Schwierig wird das auch nächste Woche mit dem Demonstrieren. Auf Krücken wird das sicherlich nichts werden... Auch sehr ärgerlich. Und Geburtstage sind da auch und überhaupt, so gerne hätte ich da einiges gemacht...

trojan

Axel Marquardt - Anselm im Glück

Posted on 2009.11.12 at 17:32
Current Music: Krautbomber - Actionfieber
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Ich glaub ich hatte das Buch aus einem Zufallspaket - wollte mal in den Verlag reinlesen, hatte gedacht, dass der evtl. nicht schlecht wäre. Von einem Buch soll man ja aber noch nicht auf alles schließen - überzeugt hat dieses jedenfalls nicht. Lässt sich zwar wunderbar leicht lesen, bewegt sich auch alles immer zwischen Schulden, Kneipe, Sex, Texten und Kriminalität - sehr abwechslungsreiche Themen - aber im nachhinein kam dann nicht so viel raus.
In der Geschichts gehts um Anselm, Alkoholiker, hochverschuldet, eigentlich Drehbuchschreiber, der durch seine guten Kenntnisse von Fernsehserien seinen Kredit bei der Sparkasse erfolgreich in die Höhe jagen kann. Er ist Stammgast in ner Kneipe. Als ihm ein lukratives Angebot ins Haus flattert, reist er diesem hinterher, wird betrogen, jagt weiter, kommt irgendwann in den Süden, schafft es sich Geld zu besorgen, durch ein Bild, dass er von der Frau eines toten Ex-Schwerkriminellen als Erbe erhält, schafft es daraus etwas Geld zu pressen und kann im Wohlstand nach Deutschland zurückkehren und landet schlußendlich auf Sylt, wo ihm Dieter und Naddel begegnen (oder so ähnlich) und zeigt wie snobistisch Sylt doch ist.
Auf seiner lustigen Reise (mit mittelmäßigen Humor) begegnet er dann auch einem tollen Hund, der Bier holen kann und irgendwann mit ihm etwas "Foxtrottähnliches" tanzt. Das wäre quasi der humoristische Höhepunkt des Buches...

Irgendwie ist es auch mit seinem etwas gezwungen wirkenden Humor und mit seinen rasanten Schicksalswendungen doch ziemlich an allzu übliche Unterhaltungsserien angepasst. Und so geht am Ende natürlich alles gut aus, man ist erfolgreich, es werden die Heroen des öffentlichen Lebens betrachtet, man darf also ein bisschen an der germanischen High Society schnuppern. Etwas zu flach für meinen Geschmack.

trojan

Walerij Brjussow - Der feurige Engel

Posted on 2009.11.06 at 23:56
Current Music: Clancy Eccles - Rod of Correction
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Der feurige Engel oder eine wahrhaftige Erzählung, in welcher berichtet wird vom Teufel, der mehr denn einmal einer Jungfrau in Gestalt eines lichten Geistes erschien und sie zu mannigfachen sündhaften Handlungen verleitete, von der gottwidrigen Beschäftigung mit der Magie, der Astrologie, der Kabbalistik und Nekromantie, von der Verurteilung jener Jungfrau unter dem Vorsitze seiner Eminenz des Erzbischofs von Trier, gleicherweise von den Begegnungen und Gesprächen mit dem Ritter und dreifachen Doktor Agrippa von Nettesheim und mit dem Doktor Faust; verfasst von einem Augenzeugen.

Das wäre jedenfalls der vollständige Titel. In der Tat ein faszinierendes Stück Literatur, ganz bewusst historisch an einer Zeitenwende angesiedelt und mit all den vielen Widersprüchen versehen, die die Ausweitung der Welt, räumlich wie geistig, mit sich brachte. Der ehemalige Landsknecht und Amerika-Abenteurer Ruprecht kehrt nach zehn Jahren in der Fremde nach Deutschland zurück. Er trifft Renata, wie als wäre er dazu auserkoren, die ihm von ihrer verlorenen Jugendliebe - dem Engel Madiel - erzählt. Der, in ihren Augen als Graf Heinrich auf Erden wandelnde, ist das Objekt ihres Strebens. Der ihr verfallene Ruprecht steht ihr, trotz eigener Begierden, bei ihrer Suche nach ihm bei - dazu verwenden sie magische Mittel... ansich ohne Erfolg. Ein Duell zwischen Ruprecht und Heinrich sorgt dann dafür, dass Renata sich ihm hingibt - so sie nicht in tiefsten Depressionen gefangen ist. Sie verlässt ihn, tritt ins Kloster ein und er sieht sie erst wieder, als sie vor einem Inquisitionstribunal steht; die Folter endet mit ihrem Tod.

Faszinierend an dem Buch ist diese scheinbar permanent vorhandene Übernatürliche und die Unklarheit darüber, ob es nun ist oder nicht. Das zeigt sich einerseits in den Hinweisen auf die Dämonen, auf die Reise zum Hexensabbat usw. - andererseits stehen dem entgegen der große Universalgelehrte Agrippa von Nettesheim, den Ruprecht aufsucht, und mehr noch Johannes Weyer, großer Gegner der Hexenverfolgungen. Durch die literarische Behandlung wird das nicht nur historische Epoche, historischer Kampf um Wahrheit, Glaube, Fortschritt... sondern gewissermaßen auch Kampf um die Gefühle, Verlust von Zuversicht und dem Gefühl von Nähe, Leidenschaft. Das in einem selbst stattfindende Ringen - projeziiert in eine Zeit ohne allzu deutliche Klarheit.

Zweifellos ermüdete mich der ständige Wechsel von Glück und Trübsal mehr als die früheren Qualen verschmähter Liebe, und meine Sehnsucht nach einem friedlichen, arbeitsamen Leben wuchs wie ein allmählich aufziehender Sturm. Aber es dauerte noch lange bis zu den ersten Blitzen, denn trotz allem... (245)

Eine interessante Sache ist auch, dass der russische Autor als Ort seiner Geschichte Deutschland ausgesucht hat. Nicht nur einzelne Orte, sondern komplette Szenerien, historische Figuren (wie eben Agrippa und Johannes), historische Literatur (auch den Hexenhammer] und literarische Figuren. So trifft und reist Ruprecht auch mit Faust und Mephisto.



Notizen:
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trojan

Vorlesungsbeginn.

Posted on 2009.10.25 at 19:05
Current Music: The Soul Fox Orchestra - Thumb a ride
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...ist morgen. Jetzt bin ich dann doch mal gespannt auf das neue Semester - noch immer herrscht da eine gewisse Begeisterung für mein Studium vor, auch wenn ich mich - trotz intensiver Bemühungen - noch nicht für diese Übung zur mittelalterlichen Geschichte "Heilige und Heiltum" habe begeistern können. Leider sieht es so aus, als wäre das die einzige Übung in die ich da reinkäme, da dürfte auch die Restplatzvergabe ab dem morgigen Tage nichts daran ändern. Die Begeisterung für irgendwelches Christenzeug, Pilgerfahrten, Reliquien & Co ist bei mir ja naturgemäß gering - glücklicherweise ist das nur ne Übung. Schlimmstenfalls muss ich wohl nen Referat mal halten - das dürfte ich wohl noch überstehen...
Schwieriger ist die Entscheidung schon zwischen den Proseminaren zur Alten Geschichte - "Ständekämpfe" oder "Solon und Kleisthenes". Beides nicht unbedingt sehr reizvolle Dinge, angemeldet bin ich bisher bei letzterem... Dieses Semester wird wohl alles in Allem eher Qual als Lust - in der Hinsicht bin ich jetzt an der falschen Uni gelandet - anderswo hätte ich sicher auf Alte- und Mittlere Geschichte irgendwie verzichten können. Aber mal schauen. Ich freu mich ja trotzdem ;o)

Graf und Brecht

Lion Feuchtwanger - Erfolg

Posted on 2009.10.19 at 00:55
Current Music: Fire at work - 10.31
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Die Geschichte einer Provinz. Genau genommen ein Teil der Geschichte Bayerns zwischen 1921 und 1924. Es fängt an mit einem Strafprozess, mit einem jener typischen Prozesse der Weimarer Republik, in denen das Urteil schon von vorneherein feststeht. Der Mann Martin Krüger ist dem Kultusminister unlieb geworden, ist ihm im Weg, mag die falschen Bilder, muss also beseitigt werden. Seine Freundin, und spätere Frau, beginnt um seine Freilassung zu streiten, anfangs ehrlich, dann mittels Beziehungen und immer wieder an Recht glaubend, das so aber höchstens auf dem Papier steht. Ehrlich und aufopfern - und auch wie sie immer zwischendurch genug davon hat, keine Kraft, manchmal auch keinen Willen mehr, zu helfen und ihn aus dem Gefängnis zu holen. Feuchtwanger schafft es diese Johanna Krain lebendig darzustellen, jung, stur, selbstbewusst und im Endeffekt auch emanzipiert. Neben ihrer eigenen Arbeit sucht sie sich auch aus mit wem und wann und wie sie Sex hat oder gar zusammenlebt.
Neben dieser einen Hauptgeschichte noch eine Andere - die des nach Ende des 1. Weltkrieges entstehenden Faschismus. Immer alles verschlüsselt, kein Name so, wie in echt - aber unschwer erkennt man wie Hitler und Ludendorff in der "Haupstadt der Bewegung" Anhänger sammeln, stärker werden und - was gerne heute vergessen wird - dabei natürlich ordentlich hofiert werden. Sie werden von bayrischen Industriellen bezahlt und von bayrischen Politikern unterstützt. Nicht umsonst galt ja Bayern als Ordnungszelle des Reiches. Das ging neben dem üblichen Unrecht und der politischen Verfolgung dann auch soweit, dass im September 1923 in Bayern eine Diktatur geschaffen wurde (die, auch Feuchtwanger erwähnt das beiläufig, im Gegensatz zu gewählten, aber zu linken, Regierungen in Sachsen und Thüringen nicht abgesetzt wurde durch Einmarsch der Armee o.a.) und ein Generalstaatskomissar ernannt wurde. Exakt das passiert auch bei Feuchtwanger und er schreibt auch weiter, wie es tatsächlich passierte... Der bayrische Diktator versprach mit Hitler die Berliner Regierung zu stürzen, entschied sich aber des Nachts anders und verhinderte somit die Abschaffung der Diktatur in Bayern. Und das begeistert auch wiederum hier - Feuchtwanger stellt die Personen lebendig dar, bettet seine Geschichte historisch wunderbar ein - die Machtkreise außerhalb der Politik, die paar wichtigen bayrischen Industriellen, Kleinindustrielle die den Aufstieg probieren, ganz viele Kleinbürger, die aus unterschiedlichen Gründen zu Hitler bzw. Kutzner laufen, Linke und Juden hassen und jagen.

Noch schöner ist der Roman, wenn man die Ähnlichkeit verschiedener Hauptpersonen mit realen Personen betrachtet - manchmal sind mehrere Personen in einer vereint, manchmal findet man nur sehr prägende Züge - so lässt sich Brecht im Kaspar Pröckl, einem kommunistischen Ingenieur der gerne Balladen dichtet, wiederfinden. Und der Schriftsteller Tüverlin wirkt, auch wenn man sich mit dessen Biographie nicht auskennt, sofort wie ein Teil Feuchtwangers, eine Seite. Ein Stück außerhalb des Romans geschrieben - und die stille Zustimmung zu dessen Haltungen und Meinungen, und auch der Abschluss, in dem von Tüverlins Buch geschrieben wird, das eben der Roman sein könnte. Auch die zwiespältigen Gefühle gegenüber Bayern und den Bayern findet sich - einerseits diese Hochachtung vor irgendwelchen Eigenarten, aber diese Dummheit, dieses Nachlaufen, da schwingt regelrecht auch ein Stück Hass mit. Und zu hoffen wagt man nicht, dass es einmal besser wird. Aber dennoch muss er schreiben und ändern wollen und lässt daher Tüverlin sagen:
"Ein großer Mann", sagte er, "den sie nicht leiden können, ich übrigens auch nicht, er heißt Karl Marx, meinte: die Philosophen haben die Welt erklärt, es kommt darauf an, sie zu ändern. Ich für meine Person glaube, das einzige Mittel, sie zu ändern, ist, sie zu erklären. Erklärt man sie plausibel, so ändert man sie auf stille Art, durch fortwirkende Vernunft. Sie mit Gewalt zu ändern, versuchen nur diejenigen, die sie nicht plausibel erklären können. Diese lauten Versuche halten nicht vor, ich glaube mehr an die leisen. Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gutbeschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre."
... und wer sorgt dafür und wie, dass sie so bleibt, wie sie ist?


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